„Sprechblasen-Politiker haben Blattverbot“

Es war eine der Top-Personalien des Medienjahres 2010: USA-Korrespondent Gabor Steingart wechselt vom Nachrichtenmagazin Spiegel auf den Chefredakteurs-Sitz des Handelsblattes. Seit der 47-Jährige Anfang April seinen neuen Job in Düsseldorf antrat, hat sich im Blatt bereits viel getan. Im MEEDIA-Interview erklärt Steingart, warum bei ihm Generalsekretäre der Parteien Blattverbot haben, weswegen er beim Thema iPad skeptisch ist und welches seine Lieblingsvokabel beim Blattmachen ist.

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Seit Anfang April sind Sie Chefredakteur des Handelsblatts. Mit welcher Vision für die Tageszeitung sind Sie angetreten?
Das Handelsblatt ist Deutschlands führende Wirtschafts-und Finanzzeitung und soll es bleiben. Das geht aber nur, wenn das Blatt sich weiterentwickelt. Jede Firma, auch eine Zeitung, braucht die permanente Evolution. Die hat das Handelsblatt mit der Umstellung auf das Business-Format unter Führung meines Vorgängers begonnen. Der Weg der Erneuerung wird jetzt fortgesetzt.


Wann ist eine Zeitung eine gute Zeitung?
Wenn sie tiefgründig, präzise und überraschend ist. Das sind die drei Worte, die meiner Ansicht nach eine gute Zeitung ausmachen, und mein Lieblingswort von den dreien ist – da wir ja über eine Wirtschaftszeitung sprechen – das Wort präzise. Anders als Die Zeit oder die FAZ am Sonntag sind Wirtschaftszeitungen nicht in erster Linie Lese-, Nachdenk- und Spasszeitungen, sondern ein Arbeitsinstrument. Sie helfen beim Aufstieg, sie geben Orientierung, sie liefern die Grundinformation für das eigene Entscheiden, sie begleiten den Leser oft wie ein Kollege das gesamte Berufsleben.

Präzise – das ist auch das Stichwort, unter dem Sie eine Blattausdünnung ankündigten.

Das haben wir in der vergangenen Woche bereits umgesetzt. In der Grundausstattung beträgt der Umfang der Zeitung jetzt 56 Seiten statt bisher 64;  am Wochenende gibt es acht Seiten zusätzlich, mit einem doppelseitigen Essay, dem Kunstmarkt, der Literaturseite und der "Karriere im Handelsblatt". Generell gilt: Wenn mehr passiert auf der Welt, wird die Zeitung dicker. Aber eben nur dann.

Warum machen Sie das?

Wir haben festgestellt, dass die Zeitung besser wird, wenn sie schneller auf den Punkt kommt. Die Leser mögen es nicht, an nachrichtenarmen Tagen mit 80 Seiten beliefert zu werden. Wenn es Beschwerden von Lesern oder Abonnenten gab in meinen ersten Wochen, dann waren es solche, die sich über die Ausführlichkeit oder zuweilen auch die Weitschweifigkeit der Zeitung beschwert haben. Ein Abonnent, er war Geschäftsführer einer Firma aus Baden-Württemberg, sagte, dass er, wenn er 80 Seiten lesen wolle, sich lieber ein Buch kaufe. "Ihr seid wie mein Assistent, wenn der nicht auf den Punkt kommt und zu lange schwadroniert", sagte er mir. Das sehen viele so. Ist hier am Tische jemand Reiter?




Nein.
Ich auch nicht, aber meine Frau. Von ihr habe ich gelernt, dass ein Springpferd vor dem Wettkampf versammelt sein muss. Ein versammeltes Pferd steht konzentriert da, es ist aufmerksam, jede Körperpartie ist bereit für die Herausforderung. Ein versammeltes Pferd ist ein elegantes Pferd. Ich glaube, eine gute Wirtschaftszeitung muss ebenso versammelt sein. Das gilt im Übrigen nicht nur für die Seitenzahl, das gilt auch für Überschriften, Vorspänne und die Artikel selbst.




Man könnte aber auch vermuten, dass die Präzisierung eine Sparmaßnahme ist.
Das können Sie vermuten. Aber es stimmt nicht. Der Verleger des Handelsblatts hat mich gebeten, aus einer guten eine sehr gute Zeitung zu machen, nicht eine sehr billige.




Planen Sie weitere Veränderungen?
Eine lebendige Zeitung bleibt nicht stehen.


War es schwer, sich auf die Tageszeitung einzustellen, wenn man von einem Magazin kommt?
Wir haben den Spiegel ja auch jeden Tag neu gedacht und neu konzipiert. Intern haben wir  das Nachrichtenmagazin im Übrigen nie als Zeitschrift bezeichnet, sondern immer von "unserer Zeitung" gesprochen.



Als Sie angetreten sind, haben Sie markige Worte in Richtung Konkurrenz geäußert. So sagten Sie, dass Gruners FTD keine Chance am Markt habe und die Empfehlung ausgesprochen, das Blatt einzustellen. Haben Sie deshalb Kritik einstecken müssen?
Gruner + Jahr ist nicht nur ein großer und stolzer Verlag, sondern auch ein selbstkritisches Haus. Jeder, der am Baumwall und in Gütersloh Verantwortung trägt, kennt die Situation der hauseigenen Wirtschaftspresse.




Ist die Financial Times Deutschland Ihr härtester Konkurrent?
Ich kann heute unmöglich schon wieder die Financial Times kritisieren. Die von Gruner + Jahr veranstaltete Verleihung des Henri Nannen Preises war derart beeindruckend – meine Lieblingsreportage aus dem SZ-Magazin über das Soldatenleben in Afghanistan wurde prämiert, Helmut Schmidt für sein publizistisches Lebenswerk geehrt – so dass in mir noch ein starkes Gefühl der Dankbarkeit nachwirkt. Das klingt erfahrungsgemäss auch wieder ab. Rufen Sie mich am besten in zwei Monaten wieder an.



Die Titelseiten des Handelsblatts werden auffälliger. Einmal erschien die Frontpage in schwarz mit weißen Sprechblasen, dann erschien das Cover im Look eines 50-Euro-Scheins. Setzen Sie in Zukunft mehr auf den knalligen Look der Zeitung?
Die Titelseite ist das Gesicht der Zeitung. Wir wollen erreichen, dass die Leser neugierig sind, wenn sie die Zeitung morgens in die Hand nehmen. Das bedeutet aber nicht, dass die Seite eins immer plakativ sein muss. Aber sie kann. Noch lieber als grafische Extras sind mir übrigens exklusive News. Dafür sind aber nicht Art Direktor und Chefredaktion zuständig, sondern die Redaktion in Gänze.



Verschmilzt mit der Auswahl eines plakativen Covers der Stil des Magazinmachens und der des Zeitungsmachens?
Nein. Die Zeitung ist und bleibt das schnellere Medium. Sie lebt von der Aktualität. Man muss ihr ansehen, von welchem Tag sie stammt. Deswegen zählt der Begriff vom "Tagesmagazin" nicht zu meinem Wortschatz




Haben Sie Vorbilder bei der Gestaltung der Seite 1?
Das Layout, wie es unser Art-Director Nils Werner und der amerikanische Zeitungsdesigner Mario Garcia entwickelt haben, gefällt mir ausgesprochen gut. Es gibt uns die Möglichkeit, flexibel zu sein. Auch andere Zeitungen sehen gut aus, keine Frage, die FAZ am Sonntag, die Zeit, aber deren Optik ist für andere Zwecke entworfen. Für uns wäre das zu opulent, zu feuilletonistisch.



Auf der Titelseite vom 3. Mai haben Sie dazu aufgerufen, griechische Staatsanleihen zu kaufen. Inwieweit betreiben Sie Kampagnenjournalismus?
Die Zeitung hat Stellung bezogen, und zwar für ein Europa, in dem man gute Geschäfte macht und respektvoll miteinander umgeht. An letzterem hat es im Zuge der Griechenland-Krise vielerorts gemangelt. Ich habe das als beschämend erlebt und wollte deutlich machen: Es gibt auch ein anderes Deutschland. Ich habe in dieser Woche dem griechischen Premierminister Giorgos Papandreou in Athen gegenüber gesessen. Der Mann hat eine amerikanische Mutter, ist in Minnesota geboren, hat unter anderem in Harvard studiert, er spricht perfektes Englisch, kennt die Situation auf den Finanzmärkten. Ich war beeindruckt von seiner Persönlichkeit und seinem Reformprogramm. Ich glaube, Griechenland verdient Vertrauen.




Wie waren die Reaktionen der Leser?
Es gab sehr große Zustimmung, auch zusätzliche Abobestellungen und spontane Solidaritätsbekundungen mit der Zeitung. Aber es gab auch heftige Gegenreaktionen. Wir haben daher dem Leserecho einen breiten Raum in der Zeitung eingeräumt. Der Investmentbanker und frühere Financial-Times-Kollege David Marsh schrieb mir: "Gabor, you have energized your readers."




Gilt das auch für die Redaktion?
Diese klare, unmissverständliche Haltung war für viele neu. Es gab keine Kritik an einer europafreundlichen Ausrichtung, aber es wurde sehr wohl diskutiert, ob man dem Leser den Kauf von Staatsanleihen wirklich nahe legen darf. Wie sicher sind diese Staatsanleihen? wurde gefragt. Wir haben daraufhin in der Zeitung deutlich gemacht, dass es sich um ein riskantes Investment handeln kann. Uns ging es ja bei der Aktion um Europa, nicht um einen Anlagetip.  




Könnten Sie sich denn vorstellen, auch eine Wahlempfehlung abzugeben?
Das wird das Handelsblatt nicht tun, auch wenn das in Amerika üblich ist. Das würden unsere Leser als Bevormundung empfinden.




Wird das Handelsblatt nun politischer?
Das Handelsblatt ist eine Wirtschafts- und Finanzzeitung. Aber in einem Land mit einer Staatsquote in der Nähe der 50-Prozent-Marke ist die Politik immer auch Teil der Wirtschaft und umgekehrt. Die reine Parteipolitik allerdings interessiert uns wenig bis gar nicht. Die Generalsekretäre einer Partei, auch wenn ich jeden von ihnen als Mensch schätze, haben im Handelsblatt Zutrittsverbot. Ihre Funktion hat sie zu Sprechblasen-Politikern gemacht. Dafür haben unsere Leser keine Zeit.




Sie führen die 24-Stunden-Redaktion ein. Was haben die Mitarbeiter dazu gesagt?
Die Online-Berichterstattung dauert jetzt abends eine Stunde länger und beginnt morgens um 6 Uhr, so dass wir vor dem Beginn der Frankfurter und Londoner Börse auf Sendung sind. Die Lücke in der Nacht werden wir spätestens nach der Sommerpause geschlossen haben. Die Mitarbeiter ziehen mit, der Betriebsrat hoffentlich auch. Wenn alle Details vorliegen, werden wir gemeinsam die Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeit überarbeiten.




Gibt es bei soviel Bewegung nicht Probleme mit den Arbeitnehmervertretern?
Wir sind im ständigen Kontakt miteinander. Ich habe bisher nur sehr vernünftige und für die Zeitung engagierte Menschen kennengelernt. Wir haben zwar unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen, aber letztlich doch ein Ziel: Das Handelsblatt soll eine publizistisch starke und profitable Zeitung sein. Nur das sichert und schafft Arbeitsplätze. Das wissen unsere Betriebsräte sehr genau. Und: Der Chefredakteur ist ja nicht per Dienstvertrag verpflichtet, sich unsozial zu verhalten. Auch ich will ein Betriebsklima, in dem die Arbeit Freude macht und in dem es ein erfülltes Familienleben jenseits von Hintergrundgespräch und Newsticker geben kann.




Dennoch: Wie viele Arbeitsstunden hat der Redakteur beim Handelsblatt?
Das ist alles in besagter Betriebsvereinbarung geregelt. Im Prinzip gilt die 36,5 Stundenwoche. Wenn Überstunden gemacht werden, dann werden sie ausgeglichen. So steht es da. Das ist auch in Ordnung so. Vom Führungspersonal wird allerdings ein deutlich zupackenderer Einsatz erwartet. Spätestens da gilt das Motto: Qualität kommt von Quälen.




Wollen Sie das Handelsblatt enger mit dem Online-Auftritt verzahnen?
Unbedingt. Wir sind bereits dabei, das zu tun. Der Leiter des Newsrooms der Zeitung, Florian Kolf, wird in Kürze als stellvertretender Chefredakteur zu Handelsblatt.com wechseln. Das bedeutet für die noch junge und sehr engagierte Online-Manschaft unter Leitung von Sven Scheffler eine deutliche Verstärkung. Die beiden Redaktionsmanschaften, darauf setze ich, wachsen künftig schneller zusammen.

Welche Rolle spielt dabei Paid Content?
In meiner Vorstellung eine große, in der jetzigen Realität eine kleine. Wir brauchen zunächst unbürokratische Bezahlsysteme, am liebsten per Handy. Daran arbeiten wir.

Was bedeutet das für die Inhalte?

Wir brauchen Inhalte, die vom Leser als nützlich und wertvoll empfunden werden. Unserer Handelblatt-Bilanzanalyse, die von einem Team bestehend aus Journalisten und Analysten erstellt wird,  ist aus meiner Sicht gut zum Verkauf via Internet geeignet. Auch exklusive Interviews, wie das mit EZB-Präsident Trichet in dieser Woche, würden als Download funktionieren, wenn sie mit einem Zeitvorsprung im Netz angeboten werden.


Was trauen Sie dem iPad zu? Was wird das Handelsblatt dazu machen?
Ich selber bin technikbegeistert, nutze das iPhone seit seiner Einführung in den USA. Aber was das iPad angeht, bleibe ich skeptisch. Ich finde das Gerät nicht besonders praktisch, weil es anders als der Laptop nicht von alleine stehen kann. Es ersetzt zudem kein anderes Gerät. Es bedeutet Zusatzkosten ohne allzu großen Zusatznutzen. Ich glaube daher nicht an die schnelle Durchdringung des Medienmarktes. Das bedeutet: Wir warten erstmal ab und beobachten, was die großen Zeitschriften entwickeln. Die Erfahrung lehrt: Der First-Mover-Effekt ist oft ein First-Loser-Effekt.

Das Wall Street Journal hat eine Regional-Offensive gestartet. Wäre das auch für das Handelsblatt denkbar?
Das Wall Street Journal ist die Zeitung Nummer eins in Amerika. Die haben eine ganz andere Ausgangslage. Ich finde die Offensive von Rupert Murdoch beeindruckend, weil sie zeigt, dass Print lebt. Aber es wäre vermessen, sich daran zu orientieren.

Letztens waren Sie bei  Frank Plasbergs "Hart aber Fair" zu Gast. Was tun Sie in Sachen Eigen-PR als Chefredakteur? Halten Sie das für wichtig?
Ich will, dass die Stimme der Zeitung gehört wird. Wer im Stillen wirken will, sollte besser Poet werden, nicht Journalist.

Als Chefredakteur stehen Sie nun mehr im Rampenlicht als vorher, stehen damit auch mehr in der Kritik. Wie gehen Sie damit um?
Kritik ist der belebende Teil der Demokratie. Wer sie nicht erträgt, ist in der Medienindustrie falsch am Platze. Rede und Gegenrede ist zugleich der wichtigste Wachstumstreiber unserer Wirtschaft. Jedes Konkurrenzangebot ist doch im Grunde eine Kritik des bestehenden Angebots.

Wagen Sie doch mal eine Prognose: Wo sehen Sie sich und das Handelsblatt in einem Jahr?
Ich bin optimistisch, dass wir mit unserer journalistischen Arbeit in einem Jahr noch mehr Leser erreichen als heute. Die Leserzahlen haben sich schon in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt, mit der gedruckten Zeitung, dem Online-Angebot und der iPhone-Applikation erreicht das Handelsblatt täglich fast 600.000 Leser. Deshalb bin ich nicht in  Krisen-, sondern in Aufbruchstimmung. Die Tatsache, das wir noch kein vernünftiges Erlösmodell für diese neuen Angebote besitzen, ist Tatsache und Ansporn zugleich. Ich hoffe, dass Verlag und Redaktion in einem Jahr weiter sind.

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