Gigantische Wunden und Bauchkribbeln

Die Verleihung der Henri Nannen Preise 2010 in Hamburg zeigte, dass Journalisten fürs glitzernde Show-Geschäft nur bedingt geeignet sind. In edler Kulisse im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg wurden hervorragende journalistische Leistungen aus dem Stern-Spiegel-Zeit-Geo-Kosmos ausgezeichnet. Nur wollte die Inszenierung mit Smoking, Tanz und Mummenschanz nicht immer zu dem ausgezeichneten Journalismus passen. Form und Inhalt klaffen beim Henri bisweilen auseinander.

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Am augenfälligsten wurde der Widerspruch bei der Königs-Kategorie Beste Reportage, dem Egon-Erwin-Kisch-Preis. Gewonnen hat der Text "Ein neuer Bauch für Lenie", in dem Hania Luczak für Geo über hochdramatische Darmtransplantionen berichtet. Offenbar sind diese massiven Operationen eine extrem blutige und verstörende Angelegenheit. Gleich nachdem die frisch gebackene Preisträgerin wortreich von den "gigantischen Wunden" erzählt hatte, gab es eine flotte Überleitung des singenden Conférenciers Lars Reichow zum Show-Act Pe Werner. Nicht unerwähnt blieb, dass deren größter Hit "Dieses Kribbeln im Bauch" hieß. Da passte nicht zusammen, was nicht zusammen gehört. Nicht falsch verstehen: Die Sängerin und der Moderator machten ihre Sache prima, ebenso die NDR-Bigband und die Tänzerinnen und Tänzer der Hamburger Stage School, die das Rahmenprogramm bestritten. Das mit dem Henri ausgezeichnete Geo-Stück ist sicher ein journalistisches Juwel. Aber Operations-Elend und lustige Kabinett-Stückchen auf ein und derselben Bühne – dieser Spagat muss überfordern.

Viele Journalisten liefen an dem Abend wie verkleidet durchs Schauspielhaus. Hier knitterte der Anzug, dort rutschte der Leih-Smoking. Und wenn eine Person im Gegenlicht aus dem Bühnenboden effektvoll nach oben gefahren wurde, dann war das nicht Shakira, sondern halt die Elke Heidenreich.

Leider sind auch die wenigsten Top-Journalisten Meister des geschliffenen Bühnen-Dialogs. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher wollte von den Preisträgern für die beste investigative Leistung ("Die Middelhoff-Oppenheim-Esch-Connection" aus dem Spiegel) wissen, ob sie viel hätten "rumfliegen" müssen. SZ-Chef Hans Werner Kilz fragte die Mit-Preisträgerin in der Kategorie Dokumentation, Katja Gloger, ob sie denn als Frau besondere Probleme bei der Recherche für die Stern-Geschichte "Amerikas dunkles Geheimnis" hatte, die die Kriegsverbrechen amerikanischer Soldaten in irakischen Gefängnissen nachzeichnete. Frau Gloger hatte keine Probleme, sie recherchierte ja auch nicht im Irak, sondern in Washington, wie sie sagte.

Und Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo fragte den iranischen Journalisten Maziar Bahari, der die Auszeichnung in der Kategorie Pressefreiheit stellvertretend für alle im Iran unterdrückten Journalisten entgegennahm und der 118 Tage in einem irakischen Gefängnis gesessen hatte, wie sie denn so war, die Folter. Nun, angenehm dürfte sie nicht gewesen sein. Auch Chefredakteure treten mal in ein Fettnäpfchen.

Höhepunkte gab es freilich auch. So durfte Jury-Mitglied und Geo-Chef Peter Matthias Gaede unter dem Deckmantel der Selbstironie ein bisschen über die Neugründungen von Gruner + Jahr lästern: "Beef! – ein Kochmagazin für die GSG 9. Business Punk, die Bravo für BWL-Studenten. Nido – das Magazin für die Restsexualität junger Eltern." Dass mit dem Spiegel-Stück über Thomas Middelhoff ein Beitrag ausgezeichnet wurde, in dem haarklein beschrieben wird, wie ein ehemaliger Bertelsmann-Chef in die größte deutsche Pleite der Nachkriegsgeschichte verwickelt ist, hatte einen gewissen Charme. Zumal Bertelsmann-Patriarchin Liz Mohn und ihr aktueller Vorstandschef Hartmut Ostrowski in der ersten Reihe saßen – gleich neben dem Hamburger Medien-Maskottchen Vicky Leandros.

Das Highlight der Preisverleihung setzte Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt. Im Rollstuhl mit XXL-Kopfhörern, in gewohnter Manier eine Zigarette ansteckend, plauderte der Preisträger für sein Lebenswerk lockerer und frischer als mancher junger Medien-Leitwolf. Schmidt erwies sich als Meister der Aperçus. "In meinem Leben gibt es einiges, das ich vielleicht bedauern sollte. Die Behandlung von Journalisten gehört nicht dazu", sagte er auf die Frage Giovanni di Lorenzos, ob es ihm Leid tue, dass er die schreibende Zunft oft so schlecht behandelt hat. Was er vom Fernsehen halte: Manchmal, wenn er nicht schlafen kann, zappe er auf der Fernbedienung einmal rauf und runter. "Und dann bin ich froh, dass sich all meine Vorurteile über das Fernsehen bestätigt haben." Ob er als langjähriger Zeit-Herausgeber mittlerweile nicht selbst ein bisschen zum Journalist geworden sei: "Um selbst Journalist zu werden, fehlt mir der Drang zur Oberflächlichkeit." Zack, das hat gesessen. Helmut Schmidt ist wahrscheinlich der einzige, der einem Berufsstand derart die Leviten lesen kann und dafür auch noch mit stehenden Ovationen geehrt wird.

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