Cicero-Chef Naumann weist Kritik zurück

"Alles Quatsch!" Ungewöhnlich scharf reagierte der neue Cicero-Chefredakteur Michael Nauman auf einen kritischen Artikel. Darin wirft der ehemalige Cicero- Online-Chef Alexander Görlach Naumann vor, einen "Linksruck" im Magazin zu vollziehen. Zudem sei dessen Führungsstil dafür verantwortlich, dass Mitarbeiter "fluchtartig" das Haus verlassen hätten. Darüber hinaus sei Naumann, so Görlachs "leicht verschwörungstheoretische Version", u.a. von Ex-Kanzler Gerhard Schröder ins Amt gehoben worden.

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Zur Info: Naumanns Parteikollege Gerhard Schröder berät den Schweizer Cicero-Verleger Michael Ringier. Görlach gründete nach seinem Ausstieg bei Cicero das konservative Debattenportal The European.de, auf dem er seinen Artikel am Mittwoch veröffentlichte.
Görlach schreibt: "In der Redaktion des Polit-Magazins Cicero steht kein Stein mehr auf dem anderen". Mitarbeiter hätten "fluchtartig" die Redaktion verlassen, seitdem Naumann im Januar von der Wochenzeitung Die Zeit zum politischen Magazin nach Berlin wechselte. Zwei der Mitarbeiter hätten dabei "Gewissensgründe" aus dem Haus getrieben, so Görlach. Naumann solle von seinen Mitarbeitern verlangen, dass sie ihre Texte seinem Weltbild anpassen, um damit "die wertkonservative Bastion, das neue Magazin der Öko-Konservativen", zu schleifen. "Das gelte für Politik- genauso wie für Gesellschafts- und Religionsthemen", schreibt der ehemalige Online-Chef des Cicero. Görlachs Analyse gipfelt in der Feststellung: "Cicero ist erledigt."
Eine weitere These von Görlach ist, dass Ex-Bundeskanzler Schröder und der bei Ringier äußerst einflussreiche Publizist Frank A. Meyer dafür verantwortlich sein sollen, dass Naumann den Chef-Posten bekam. Sie sollen sich einig gewesen sein, dass "aus Cicero ein linkes Kursbuch werden soll", so Görlach. Der 68-Jährigen habe "im Gehorsam für seine Partei (…) zugestimmt". Görlach weiter: "Für diese These spricht, dass Herr Naumann bei seiner Ankunft am Potsdamer Platz weder wusste, wie viele Mitarbeiter er eigentlich habe (…)  noch die genaue Ausstattung der Chefredaktion (kannte) – er war verwundert über die Tatsache, dass er keinen Dienstwagen erhalten würde." Zudem will Görlach aus Interna erfahren haben, dass Naumann die Blattkritik am Sonntag vor der Produktionswoche abgeschafft habe, weil er "zuhause lieber ein gutes Buch" lese.
Auf MEEDIA-Anfrage wies Naumann die Ausführungen Görlachs weit von sich. "Es ist abgründig und totaler Quatsch, was in dem Artikel steht", sagt Naumann. Görlach verstehe nichts von journalistischen Grundregeln. Er habe ihn vorher nicht kontaktiert, um eine Stellungnahme einzuholen. "Das wirft ein schlechtes Licht auf den Online-Journalismus", so Naumann. Das, was Görlach schreibe, sei gegendarstellungswürdig.
Er habe sich noch nie in seinem publizistischen Denken von jemanden beeinflussen lassen, auch nicht von Parteikollegen. Gleichzeitig habe er auch nie jemanden gezwungen, seine Meinung zu übernehmen. Das sei alles "dummes Zeug". Mit Blick auf den angeblichen "Linksrucks" kontert Naumann: "Dazu muss man nur in das Heft schauen." Auch wenn er als liberaler SPD-Politiker eingestuft werde, würde sich das längst nicht im Blatt widerspiegeln. Er führt die Artikel von Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld sowie Politik-Berater Michael Spreng an.
Laut Naumann war es schon vorher klar, dass einige Mitarbeiter das Blatt verlassen würden, darunter Markus C. Hurek, Christine Eichel und Till Weishaupt, die nun dem Ex-Chef Wolfram Weimer zum Focus nach München gefolgt sind. Dementsprechend könne er sie nicht vertrieben haben. Er werfe ihnen auch nichts vor, vielmehr könne er verstehen, wenn sie ein lukratives Angebot nach München gelockt habe.
Zu dem Vorwurf, Schröder und Meyer hätten ihn ins Amt gehoben, sagt Naumann gegenüber MEEDIA: "Schröder war der letzte, der erfahren hat, dass ich Chefredakteur werde. Er hatte es in der Zeitung gelesen". Dementsprechend gebe es auch da keine Zusammenhänge. "Gefragt wurde ich von Michael Ringier, der mich bei einem Vortrag über Internetjournalismus in der Schweiz kennen gelernt hatte."
Dass Naumann bei seinem Amtsantritt beim Cicero erstaunt gewesen sei, gibt er zu – aber nur in der Hinsicht: "Ich war überrascht, dass eine Redaktion im 21. Jahrhundert ohne Redaktionssystem arbeitet." Einen Dienstwagen habe er erhalten, das stünde auch in seinem Vertrag. Dass er die Blattkritik am Sonntag abgeschafft habe, sei richtig. Aber: Er habe sie mitarbeiterfreundlich auf Freitag und Montag verschoben, wofür ihm die Kollegen auch dankbar seien.        
Naumann kündigte an, Görlach einen Brief zu schreiben und ihn über die "Grundregeln des Journalismus" aufzuklären. Darüber hinaus erwägt er, juristische Schritte einzuleiten.

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