Der Stern und die Faktenprüfer

Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung über "Fact Checker" in den USA und die ähnlich arbeitenden Dokumentare in Deutschland hat offensichtlich die Stern-Chefredaktion verärgert. Die SZ hatte am Montag behauptet, der Stern habe seine Dokumentation "stark ausgedünnt". Chefredakteur Andreas Petzold wird in der Dienstag-Ausgabe der SZ zitiert, das Niveau - gemeint ist wohl die quantitative Ausstattung - sei seit 20 Jahren konstant, "die Stern-Dok ist ein Qualitätsausweis unserer Marke".

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Anlass für den ersten SZ-Bericht war ein Symposium Ende März im Spiegel-Haus, wo auf Einladung der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche unter anderem auch Jochen Murken vortrug, der Chef der Dokumentationsabteilung des Stern. Dass bei dieser Gelegenheit nun ausgerechnet ein Fakt strittig wird, der sich in einer (bestenfalls) knapp zweistelligen Zahl ausdrückt, kann man auch ironisch finden.
Die SZ liefert in der Dienstag-Ausgabe keine redaktionelle Richtigstellung, sondern zählt noch einmal nach, kommt diesmal auf acht,  verschiebt aber zugleich das Stichwort "ausgedünnt" auf die bei Gruner + Jahr übergreifend tätige Dokumentation: Dort sei das Personal seit 2000 tatsächlich um etwa 25 Prozent reduziert worden. So würden alle Geo-Ableger von elf Spezialisten geprüft. Diese Zahl stand aber auch schon im ersten Artikel, war da aber nicht der G+J-Dokumentation zugeordnet.
Unstrittig ist, dass in den USA, die das Fact-Checking als eigene redaktionelle Abteilung erfunden und in bewundernswertem Umfang betrieben haben,  die unabhängige Überprüfung aller Fakten in der Tat unter dem Kostendruck der Branche massiv eingespart wird. In Deutschland hat sich eine entsprechende Kultur, abgesehen vom Spiegel (70 Dokumentare, recht konstant), nie durchgesetzt. Allerdings geht es dem Lektorat, das ist nach allgemeinem Sprachgebrauch die mehr auf Rechtschreibung geeichte Prüfinstanz, allerorts an den Kragen.

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