Mehrzad Marashi: Sein Problem heißt Bohlen

Mehrzad Marashi, der Überraschungssieger: Im Vorfeld sahen DSDS-Beobachter in der Berichterstattung über Kontrahent Menowin Fröhlich einen Vorteil für den Iraner. Ob die Koks-Affäre das Voting der Zuschauer beeinflusst hat, ist am Ende unerheblich: Der aufgedrehte Menowin wird aller Voraussicht nach eine neue Chance bekommen. Und ob Mehrzad mit den Superstar-Weihen glücklich wird, ist fraglich. Denn er war beim dominanten Jury-Chef Bohlen nur zweite Wahl und könnte am Übervater zerbrechen.

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Die Bedingungen für einen Sieg von Marashi waren dabei im Verlauf der Show kritischer, als man hätte vermuten können: Mit Nina Eichinger fehlte die an einigen Stellen in früheren Shows deutlichste Kritikerin seines Kontrahenten, Menowin Fröhlich. Ihren Platz in der Jury nahm die grundsätzlich moderate Sylvie van der Vaart ein.
Die Song-Auswahl (angeblich von den Kandidaten selbst getroffen) wies für Marashi – im Gegensatz zu Fröhlich – in der Rubrik „Staffel-Highlights“ nicht seine stärksten Songs auf, sondern mit „Fresh“ einen eben nur guten Titel. Marashis wirkliche Highlights hätten fürs Finale zwei langsame Songs hintereinander bedeutet.
Die Atmosphäre im Studio war dominiert von  Fröhlich-Fans, deren „Menowin, Menowin“-Schlachtrufe an die hooliganartige Fröhlichkeit aus Ost-, Süd-, oder Nordkurven erinnerten. Die Jury hypte die guten Leistungen Fröhlichs im Verlauf des Finales so deutlich, dass es einer öffentlichen Korrektur des ausgeschiedenen Kandidaten Nelson Sangare bedurfte, der sich in Beantwortung einer Frage des Moderators Marco Schreyl von der durch die Jury getroffenen Einschätzung inhaltlich distanzierte.
Und nicht zuletzt fielen für Marashi vor seinem letzten Wettbewerbs-Song die zentralen, unverzichtbaren Orientierungsinstrumente aus: In Ears-Kopfhörer, die Sängern im Gewirr von Lärm und Chaos die Musik der Band und ihre eigene Stimme übermitteln. Ein eindeutiger Nachteil gegenüber seinem Wettbewerber. Wer auch nur ansatzweise davon ausgegangen sein mochte, dass Menowin Fröhlich aus Gründen sportlicher Vergleichbarkeit bei seinem Auftritt auch auf seine In Ears verzichten würde, sah sich getäuscht: Vielleicht hätte ihm eine derartige Geste letztlich sogar bei den Anrufern helfen können. Schwer also für Marashi, zu überleben – unmöglich, zu gewinnen. Dachte man jedenfalls.
Schon in den Tagen vor dem Finale wurde „die Schlacht zwischen Gut und Böse“ durch die Berichterstattung über angebliche Kokain-Delikte Fröhlichs zwischen den Shows emotional aufgeladen: So schien es angemessen makaber, dass Fröhlich brilli-, schmuck- und strassbewehrt ganz in Weiß und inmitten einer weißen (Nebel-) Wolke seinen ersten Auftritt bestritt.
Mit Mehrzad Marshi und Menowin Fröhlich wurden öffentlich diametrale Werte, Haltungen,  und  Vorurteile polarisiert: Gut gegen Böse, Täter gegen Opfer, Feinfühligkeit gegen Kampf. „Ich liebe meine kleine Familie“ gegen „Man muss die Frauen feiern, wie sie fallen“. Beiden Kandidaten war weit über den Contest hinaus dieser enorme Druck deutlich anzumerken.
Mit zunehmender Dauer glich die Mimik beider Finalisten mehr und mehr dem Tunnelblick von Boxern auf dem Weg zum Ring: Abgekapselt. Konzentriert aufs Überleben. Menowin Fröhlich schien aus Sicht vieler die Gunst der Stunde besser genutzt zu haben. Dann die Entscheidung: Die Votings der Zuschauer hatten alle überrascht.
„Don´t believe“ hieß der letzte Titel im finalen Shoot – Out von Marashi und Fröhlich. Der Song-Titel war Programm und vereinte nach Verkündung des Ergebnisses beide Kontrahenten im ungewollt gemeinsamen, erfolglosen Ringen um zügigen Bezug zur Realität: Weder Mehrzad Marashi konnte wirklich glauben, dass er gewonnen hatte, noch gelang es Fröhlich, seine Niederlage zu begreifen. Sprachloses Entsetzen. Kraftlose Freude, Suche nach Orientierung. Bezeichnend: kein schneller Schwenk der Kamera auf die  Reaktion der Jury nach der Entscheidung.
Der Song: Bohlensche Kaufhaus-Musik. Unangemessen aufgeblasen vom Kommentar des Meisters selbst und seinem Verweis auf einen Tonumfang von zwei Oktaven war letztlich doch aus jenem Stoff gebaut, der Kaufhaus-Kunden zwei Tuben kaufen lassen soll statt einer. Und: Marashi sang sich nach seinem Sieg Druck und Seele aus dem Leib und präsentierte ihn doppelt so gut wie im Wettbewerb. Die After Show-Party geriet zum ungewollten Soziogramm von Einzelschicksalen auf der Suche nach Klarheit. Party, so dachte man, sieht anders aus.
Und dann die Interviews: Der Deutsche Dieter Bohlen stand neben dem Iraner Mehrzad Marashi. Die Frage, welche Qualitäten Marashis für den Sieg den Ausschlag gegeben haben mochten, beantwortete Deutschland-Dieter, mit „Handwerk“ und beschrieb den Iraner als einen Mann mit „deutschen Tugenden“.
Das eigentlich Bemerkenswerte an Bohlens Antwort bestand nicht darin, dass sie in Aspekten richtig, aber im Kern zu dünn war: Die Zuschauer-Entscheidung für Marashi berührte weit mehr, als nur seine Fähigkeiten. Interessanter schien, dass Bohlens Antwort eben auch „Handwerk“ war und spürbare Wertschätzung sich auch verbal anders hätte transportieren müssen. Ganz unabhängig davon, dass es Deutschland in seiner Geschichte nicht zu jeder Zeit und in jedem Detail gelungen ist, sich als Mekka sensibler, interkultureller Kompetenzen in Gedächtnisse einzubrennen, spürte man: Eine Liebesheirat wird das nicht…
Vielleicht hat Bohlen übersehen, dass die Zuschauer mit ihrem Voting ihn als eventuell künftigem Produzenten Marashis, DSDS als Format und auch RTL vor der Gefahr potentieller Image-Schädigung bewahrt haben könnten: Ein Superstar in Weiß  als „deutsche Amy Winehouse“ böte mittelfristig Krisenpotenzial und damit letztlich unsichere Einnahmen. Für Fröhlich gilt, trotz aller Zweifel: Es wird die dritte Chance geben. Wenn er verstanden hat. Nur dann.
In vielen Ehen sind die Beteiligten bis zur eigenen Unkenntlichkeit verheiratet, gehen nach Jahren in sich und treffen niemanden mehr an. Mark Medlock etwa wies vor seinem DSDS Sieg und der Verbindung mit Bohlen noch Ansätze individueller Konturen auf: Hartz 4, Soul und Stimme diffundierten nach Ehejahren mit Dieter zu uniformem, mallorquinischem  Rentner-Karaoke und dem möglichen Verlust der Fähigkeit, eigene Spuren zu hinterlassen. Schaut man zurück, scheint er als Schatten seiner selbst genau das verloren zu haben, was ihn DSDS gewinnen ließ.
Musikalische Ehen mit Bohlen mögen seinen Partnern solide Kontostände sichern: Sie fordern jedoch auch die grundsätzliche Bereitschaft zur professionellen Deformation. Vielleicht sogar verlangen sie jene moralische Flexibilität, die zugunsten einer geschäftstauglichen Verbindung nicht mehr das berücksichtigen darf, wofür man einmal „gestanden“ haben mag.
Mehrzad Marashi hat als erwachsener, gefühlvoller Sänger zurecht gewonnen: Integration, Liebe und Gemeinsamkeit müssen stärker sein dürfen, als Kampf, Sex, Drugs and Rock’n Roll. Man darf gespannt sein, wie Marashi mit möglichen Folgekosten des Erfolges umgehen kann und wie viel von allem, was ihn an die Spitze des Wettsingens getragen hat, noch übrig bleiben darf. Leicht wird das nicht.
Mehr über den Autor unter www.lesko.ch

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