Im Berliner Zeitungs-Poker siegt die Vernunft

Der drohende Zeitungskrieg in der Hauptstadt ist passé, und das ist gut so. Am Ende geht aus der überhitzten Stimmung der zurückliegenden 48 Stunden vor allem ein Sieger hervor: die Vernunft. Jeder Insider weiß, dass der Zeitungsmarkt der Hauptstadt der schwierigste der Republik ist. Bei einem flächendeckenden Preiskampf an West-Kiosken wäre für niemanden etwas zu gewinnen gewesen. Dessen Ankündigung sorgte nun dafür, dass der Reiz einer Ost-Erweiterung bei Springer drastisch an Attraktivität verlor.

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Mit dem Rückzieher wenige Tage vor dem Start macht Springer das einzig Richtige: einen Kampf zu vermeiden, bei dem es nichts zu gewinnen gegeben hätte. Bei DuMont nahm man die Nachricht am Donnerstagmorgen mit Genugtuung auf. Erst Anfang der Woche hatte Springer-Chef Mathias Döpfner die Pläne für den Launch der B.Z. am Abend gegenüber DuMont-Vorstand Franz Sommerfeld bestätigt. In nicht einmal zwei Tagen formierte darauf hin der Kölner Verlag seine Boulevard-Truppen und gab grünes Licht für einen Gegenschlag.
Bei Springer hatte man offenbar darauf gehofft, dass DuMont bei der Entscheidung über eine Gegenwehr andere Maßstäbe der Verhältnismäßigkeit angelegt hätte. Von einer "absoluten Überreaktion" seitens der Kölner ist im Umfeld des Berliner Konzerns die Rede. Es gibt aber auch kritische Stimmen, die fragen, was sich Vorstand und Geschäftsführung vom B.Z.-Billigexperiment letztlich versprochen hätten. Gerade der Zugang zu den Lesern im Osten gilt seit jeher als extrem schwierig; ob es dort tatsächlich ein signifikantes Potenzial an neuen Käufern gibt, ist umstritten. Andererseits: Genau das sollte der "Markttest" letztlich klären, freilich auf Kosten des Berliner Kuriers, der zuletzt seinen Preis um fünf auf 55 Cent nach oben korrigiert und schon dafür im extrem preissensiblen Markt vom Käufer abgestraft wurde.
Dennoch scheint gerade der Kampfpreis, zu dem die B.Z. am Abend auf den Markt kommen sollte, ein Problem zu sein, dessen mögliche Auswirkungen man sich auch bei Springer im Vorfeld hätte bewusster machen können. In einer Zeit, in der die Verlage die Gratismentalität im Internet verdammen und betonen, dass Qualität ihren Preis hat, wird der Launch eines Billigheimers im Printmarkt imagemäßig schnell zum Bumerang. Genützt hätte das Projekt allenfalls der B.Z., deren Auflagen-Schwäche auf dem Westmarkt eklatant ist.
Bei DuMont wird die Erleichterung umso größer sein, je mehr man sich dort vor Augen führt, welche immensen Mittel ein zeitlich unbefristetes Duell mit Springer in der Hauptstadt verschlungen hätte: ein Boulevard-Blatt massenhaft und ohne Aussicht auf nennenswertes Anzeigengeschäft am Markt zu halten, ist eine ruinöse Sache. Und wer sich darauf einlässt, kann ohne Gesichtsverlust eigentlich nicht zurück. Nur gut, dass diesmal die Drohung genügte, um das Problem zu lösen. Hoch gepokert und gewonnen: Auch in Köln wird man heute durchatmen.

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