GQ Care: „Gut aussehen ist männlich“

Im Doppelpack kommt die Mai-Ausgabe des Condé Nast-Magazins GQ auf den Markt, und das ist in doppelter Hinsicht richtig: Käufer bekommen zwei Zeitschriften, die von zwei verschiedenen Chefredakteuren gestaltet wurden. Während das Hauptheft (Titel: "Body & Mind") noch vom inzwischen ausgeschiedenen Manuel Frei konzipiert wurde, trägt die Line Extension GQ Care die Handschrift des neuen Blattmachers José Redondo-Vega. GQ Care wird ab Juni auch als Stand Alone-Magazin für 3,50 Euro im Handel erhältlich sein.

Anzeige

Der neue Chefredakteur bringt das Motto der Style- und Beauty-Fibel für den Mann auf eine Formel: „Gepflegt ist männlich", für den 44-Jährigen "das zentrale Statement unseres neuen Specials.“ Redondo-Vega sieht den Ableger des Männermagazins als eigenständiges Gesamtkonzept: „Das Ziel war es, sich diesem naturgemäß eher an der Oberfläche stattfindenden Thema auf eine unterhaltsame, informative und zugleich tiefgründige Art zu nähern. GQ Care bietet Orientierung und Anregung zu Fragen wie ,Wie viel Pflege muss sein’ oder ,Wie viel Pflege darf überhaupt sein?’."
Who cares? Wer angesichts der im Heft platzierten Themen Hairstyling, Facelifting, Zahnpflege oder "Bärte" so fragt, gehört garantiert nicht zur Zielgruppe des Magazins. Dass diese dennoch groß und attraktiv genug für die hochkarätigen Anzeigenkunden ist, gehört zu den Prämissen des neuen Titels, der hier bewusst polarisiert. "Es war immer ein Irrtum, dass, wer ein guter Mensch sei, auf Äußerlichkeiten nicht achten müsse", schreibt der neue Chefredakteur in seinem Editorial. Und er bietet die ganze Palette der Rundumberatung an, egal, ob es um den "richtigen Duft" geht oder darum, "was der gepflegte Mann heute braucht". Oder auch, "welcher Bart zu welchem Typ Mann passt". Oder: "ja, auch dass wird interessanterweise immer wichtiger bei Männern: Schönheits-OPs."
Wer solche Statements als Angriff auf die eigene Intimsphäre betrachtet, wird einen Bogen um GQ Care machen. Wer sich auf das Magazin einlässt, erhält einen Komplett-Guide inklusive des argumentativen Überbaus. Redondo-Vega, der im Editorial die Klischees vom Softie, Macho oder Metrosexuellen als "Grausamkeiten" geißelt, propagiert stattdessen immergültige Tugenden: "Ritterlichkeit, Tatkraft, Mut." Die personifizierten Erscheinungsformen dieser Eigenschaften thematisiert Autor David Baum in einem Essay, das GQ Care wie eine Präambel einleitet: das Bild vom modernen Mann, dessen größte Herausforderung es ist, "sein Geschlecht wieder abzugrenzen von allen falschen Feminierungsversuchen, selbst Vorbild zu sein und dabei – wieso denn auch nicht – unfassbar gut auszusehen."
Wem das zuviel der Theorie sein sollte, der findet reichlich Pragmatisches auf den insgesamt 156 Seiten und kann etwa selbst entscheiden, ober sein Bart im "American Trucker Style", "Sean Penn-Typ" oder als "80er-Jahre-Zehntagebart" getrimmt werden sollte. Der Leser wird aufgeklärt, dass die Tolle in der Frisurenmode ein Comeback hat, was es mit Schönheits-OPs bei Männern ("Vorladung zur Gesichtsverhandlung") auf sich hat, auf welchen Fitness-Tools der Schweiß am schönsten perlt.
GQ Care ist als Magazin so handwerklich perfekt wie der Typ Mann, den es ausruft. Der Anzeigenmarkt scheint das Heft mit der knappen Subline "Body Hair Face Scent" zu lieben. Ob es der männlichen Zielgruppe auch so geht, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Redondo-Vega ist davon überzeugt: „Die sehr modebewusste, urbane Leserschaft von GQ hat per se eine höhere Affinität zu diesem Thema. Zudem hält der Trend zur Männerpflege bereits seit mehreren Jahren an. Wir sind der Meinung, dass die deutschen Männer einen niveauvollen Guide zu diesem Thema verdient haben, der über bloße Produktvorstellungen hinausgeht.“
Dass das neue Magazin am Lesermarkt in Schönheit sterben könnte, ist jedenfalls beim Münchner Condé Nast-Verlag kein Thema.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige