Anzeige

Ein Medienphantom namens WePad

Großer Medienrummel bei der Vorstellung des iPad-Konkurrenten WePad. Die Berliner Firma Neofonie gibt sich bescheiden, will kein "iPad Killer" sein, bietet mit ihrem Tablet aber angeblich genau das, was Verlage hören wollen: offene Plattform, Flash, Webcam etc. Neofonie und G+J haben sogar eine gemeinsame Vergangenheit. Ab 27. April soll man das Wunder-Gerät bestellen können. Aber: Niemand hat ein fertiges WePad bisher gesehen. Damit das WePad-Märchen wahr wird, fehlt schlicht noch das Produkt.

Anzeige

Großer Medienrummel bei der Vorstellung des iPad-Konkurrenten WePad. Die Berliner Firma Neofonie gibt sich bescheiden, will kein "iPad Killer" sein, bietet mit ihrem Tablet aber angeblich genau das, was Verlage hören wollen: offene Plattform, Flash, Webcam etc. Neofonie und G+J haben sogar eine gemeinsame Vergangenheit. Ab 27. April soll man das Wunder-Gerät bestellen können. Aber: Niemand hat ein fertiges WePad bisher gesehen. Damit das WePad-Märchen wahr wird, fehlt schlicht noch das Produkt.

Das WePad existiert bisher lediglich als Medienphantom in Abgrenzung zum iPad. Immer, wenn vom WePad die Rede ist, heißt es, "will dem iPad Konkurrenz machen", "kann dies und jenes, was das iPad nicht kann." Auffällig oft ist in den Berichten das Wörtchen "soll" zu lesen. Ein funktionsfähiges WePad hatte bisher nämlich noch niemand in der Hand. Weder die Journalisten bei der Präsentation, noch Verlagsmitarbeiter, die bei internen Demonstrationen von Neofonie dabei waren. Es gehört schon eine gehörige Portion Chuzpe dazu, als Firma zu einer großen Produkt-Präsentation einzuladen, ohne dass man ein fertiges Produkt zu zeigen hat. Was bisher zu sehen ist, sind nette Zeichnungen und Demo-Geräte.

Als Gruner + Jahr bei der Bilanz-Pressekonferenz die Kooperation mit dem WePad verkündete war die Show noch windiger. Da konnte nur ein ein offensichtlich unfertiges, zusammengestoppelt wirkendes Gerät gezeigt werden, das sich bereits bei einfachen Bedienungen des Touchscreens aufhängte. Die anwesenden Journalisten wandten sich schnell wieder den handfesteren Schnittchen am Buffet zu. Was beim WePad stutzig machen sollte, ist, dass es eigentlich zu schön ist, um wahr zu sein. Die Verlage grämen sich wegen der restriktiven Handhabung des App-Store von Apple. Da tut es einen Schlag, das WePad erscheint und die Firma Neofonie verspricht all das, was die Verlage hören wollen. Ja, es kann Flash! Ja, die Plattform ist offen! Ja, ihr könnt es als Teil einer Abo-Prämie vermarkten! Und wäre das nicht genug, wird auch noch gleich versprochen, dass alle Android-Apps auf dem wunderbaren WePad auch laufen. Egal was gewünscht wird, irgendwie wird’s schon gehen.

Sorry, aber das wirkt alles hochgradig unseriös. Wieso soll eine Firma, die bisher keine Expertise in Hardware-Herstellung hat, aus dem Stand heraus mit Apple gleichziehen können? Selbst Hardware-Experten wie HTC, Samsung, Nokia oder Blackberry haben nicht sofort eine Tablet-Alternative parat, obwohl auch diese Firmen garantiert über ein eigenes Tablet Gerät nachdenken oder bereits mit Hochdruck daran arbeiten. Vom Giganten Google ganz zu schweigen. Das ist schon alles sehr seltsam mit dem WePad. Die Financial Times Deutschland hat zu der Verkaufspräsentation des WePad völlig zurecht die Überschrift gewählt: "Von Berlinern veräppelt."

Ganz interessant ist es übrigens auch, hier mal ein bisschen in die Vergangenheit zu schauen. Wieso ist der Verlagsriese Gruner + Jahr überhaupt so scharf auf das WePad, dass er sich als erster namhafter Kooperationspartner bei Neofonie mit ins Boot begibt. G+J und Neofonie haben bereits eine gemeinsame Geschichte. Der Neofonie-Chef mit dem klangvollen Namen Helmut Hoffer von Ankershoffen (früher hieß er bedeutend schlichter Helmut Oertel) hat seinerzeit die Suchmaschinen Fireball und Paperball mit entwickelt. Mit diesen beiden Suchmaschinen sollte den großen US-Suchmaschinen zu Zeiten der New Economy von Deutschland aus Konkurrenz gemacht werden. Das war die Zeit, als Bertelsmann mit Lycos auch noch das ganz große, weltweite Internet-Rad drehen wollte. Aus diesen Tagen stammen vermutlich die guten Kontakte von Neofonie in die Verlagswelt. Entwickelt wurden Fireball und Paperball Ende der 90er Jahre von einer Projektgruppe der TU Berlin, bei der Oertel dabei war. Das Ganze war damals eine Kooperation mit der G+J Tochterfirma Electronic Media Sales. Paperball ging, die Kontakte zwischen Oertel, bzw. Herrn Hoffer von Ankershoffen zu G+J blieben. Heute ist Neofonie u.a. auch für die Suchfunktion bei Stern.de zuständig.

Man kennt sich also schon eine ganze Weile. Aber vielleicht wird diesmal alles gut. Vielleicht wird das WePad tatsächlich im August ausgeliefert, vielleicht sind die Nutzer dann tatsächlich begeistert und vielleicht vermarkten die Verlage darüber ihre Abos und das WePad rettet als Volks-Tablet vielleicht die darbende Print-Industrie, und alle sind glücklich. Vielleicht wird diesmal wirklich alles gut. Genug Hoffnung trägt der WePad-Chef ja in seinem neuen Namen.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige