Anzeige

Web-Trolle: die seltsame Lust am Krawall

Ein junger Journalist wird verdächtigt, Zitatgeber erfunden zu haben. Der ARD-Wettermann Jörg Kachelmann wird verdächtigt, eine Frau vergewaltigt zu haben und sitzt in U-Haft. Die beiden Vorgänge haben rein gar nichts miteinander zu tun, außer dass beide Fälle in Medienblogs wilde Diskussionen über Vorverurteilungen und die Qualität der Berichterstattung von Medien ausgelöst haben. Dabei zeigt sich, dass die Anonymität im Internet einer Diskussionskultur nicht förderlich ist.

Anzeige

Ein junger Journalist wird verdächtigt, Zitatgeber erfunden zu haben. Der ARD-Wettermann Jörg Kachelmann wird verdächtigt, eine Frau vergewaltigt zu haben und sitzt in U-Haft. Die beiden Vorgänge haben rein gar nichts miteinander zu tun, außer dass beide Fällen in Medienblogs wilde Diskussionen über Vorverurteilungen und die Qualität der Berichterstattung von Medien ausgelöst haben. Dabei zeigt sich, dass die Anonymität im Internet einer Diskussionskultur nicht förderlich ist.

Unterscheiden wir zunächst im Fall Kachelmann zwischen Form und Inhalt. Zunächst der Inhalt, also die Fakten: Der bekannte ARD-Wetterexperte Jörg Kachelmann wurde verhaftet und sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen des dringenden Tatverdachts der Vergewaltigung. Das mutmaßliche Opfer ist seine langjährige Freundin. Die Redaktion von ARD Aktuell hat sich entschlossen, nicht über den Fall zu berichten (und dann in ihrem Tagesschau Blog darüber berichtet, dass sie nicht darüber berichten wird). Ich habe in einem Artikel die Haltung von ARD Aktuell kritisiert und als Vogel Strauß Taktik bezeichnet.

Einige teilten diese Auffassung, andere nicht. Zu denen, die sie nicht teilten, gehören die Journalisten Michalis Pantelouris und Stefan Niggemeier, die beide andere Meinungen in ihren Weblogs vertraten und meinen Artikel zum Thema scharf kritisierten. Soweit alles ganz normal.

Kommen wir jetzt zur Form.

Was einem Angst machen kann, ist die Art und Weise, wie die Anonymität des Internet einige Zeitgenossen dazu verleitet, in Kommentarspalten zu geifernden Pöblern zu werden. Man kann es leider nicht freundlicher ausdrücken. Dass ein "fassungsloser Journalistenschüler" mich als "Pseudo-Journalist" mit "bescheuerter Argumentation" bezeichnet, bleibt ihm unbenommen. Aber dass der Kommentator fordert, mir gehöre "der Mund verboten und der Computer weggenommen" und "am besten man steckt sie direkt in den Knast." – das geht doch ein bisschen weit.

Noch schlimmer ist diese mal latente mal offensichtliche Hetze in Bezug auf das mutmaßliche Vergewaltigungsopfer. Das geht soweit, dass Kommentatoren die Frau im Blog von Michalis Pantelouris bereits offen als "Täterin" bezeichnen, die man "angemessen" bestrafen solle. Zitat: "Leider wird zu oft Missbrauch mit dem Missbrauch betrieben, aber dann die Täterinnen aus dem Fokus genommen." Bei meinem Artikel in den Kommentaren fand sich dann ein Zeitgenosse, der aus der Luft gegriffen behauptete, 80 Prozent aller Vergewaltigungsvorwürfe seien "Falschbeschuldigungen ohne Folgen für die Frauen". Die Bitte, doch zu erläutern, woher diese Zahl stammt, blieb unerhört. Viele der anonymen Kommentierer im Netz fordern extrem hohe moralische Standards ein und liefern selbst doch nur unteres Stammtisch-Niveau.

Der Fall des Journalisten Sebastian W., der Zitatgeber erfunden haben soll, ist ein gänzlich anderer als der Fall Kachelmann. Die Vorwürfe sind in keiner Weise zu vergleichen. Aber die Diskussion, die sich in den Kommentaren abspielt, ist auf erschreckende Weise ähnlich. Zwischen den Einlassungen, die sich mit dem Thema ernsthaft auseinandersetzen, wird gepöbelt, dass die Schwarte kracht. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass MEEDIA im Fall Sebastian W. Fehler gemacht hat und von Kommentatoren dafür teils scharf kritisiert wird. Völlig zurecht. Aber vieles, was unter dem Blog-Beitrag "Vorurteil im Schnellgericht 2" bei Stefan Niggemeier veröffentlicht wurde, geht über Kritik hinaus und zeigt nur noch die pure Lust am Krawall.

Wer in die Mühlen eines solchen Web-Mobs gerät, muss sich vorkommen, als ob er durch eine belebte Fußgängerzone läuft und von zig Leuten mit Sack auf dem Kopf beschimpft wird. So etwas würde im realen Leben natürlich nie vorkommen, weil man fürchten müsste, die Konsequenzen dafür zu tragen. Das Internet ermöglicht es aber, völlig ohne Konsequenzen den inneren Kettenhund von der Leine zu lassen.

Manche argumentieren, dass die Anonymität im Netz auch Vorteile habe. Geknechtete Mitarbeiter könnten sich z.B. angstfrei äußern. Ich persönlich lese aber überproportional viele Pöbeleien und Beschimpfungen. Inhaltlich wertvolle Beiträge von den Leuten mit den lustigen Spitznamen wie "treets", "Luftikus" oder "B.Schuss" sucht man in der Regel vergebens.

Viele sagen auch, dass man mit diesen "Trollen" eben leben müsse. Das sei sozusagen der Preis für die Offenheit des Internets. Aber warum eigentlich? Es wird gerne behauptet, im Internet würden Recht und Gesetz genauso gelten wie im "echten Leben". Warum sollten dann gesellschaftliche Normen und Regeln im Netz automatisch außer Kraft gesetzt sein? Wahrscheinlich einfach deshalb, weil es geht. Im "echten Leben" lässt sich der Schutz der Anonymität nicht so verführerisch leicht herstellen wie im Netz. Ein Kommentator setzte im Blog von Stefan Niggemeier die anonymen Kommentierer auf eine Stufe mit "herausragenden Schriftstellern und auch Journalisten, die Pseudonyme benutzt haben und benutzen. (…) Es ist wie mit einem Wein: Der Kenner braucht das Etikett eigentlich gar nicht, um die Rebsorte herauszuschmecken und die Qualität zu beurteilen." Aber wenn’s gewaltig korkt, dann wüsste man schon ganz gerne, wer’s verzapft hat.
Nachtrag: Ursprünglich schrieb ich im letzten Absatz, dass der Kommentator im Niggemeier-Blog sein Loblied auf die Pseudonyme sogar mit Klarnamen verööfentlichte. Das war falsch. Er benutzte selbst auch ein Pseudonym, das ich aber aufgrund meiner beschränkten Peter-Handke-Kenntnisse nicht erkannte (siehe Kommentare). Ich habe den Hinweis aus den vermeintlichen Klarnamen deshalb oben entfernt.

Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige