Siege, Tod & Tränen: Stern Extra zur Formel 1

Der Stern ist nicht das erste Magazin, das ein Extraheft zum Schumacher-Comeback herausbringt. Doch "60 Jahre Formel 1. Triumphe und Tragödien" ist das mit großem Abstand bestgemachte und lesenswerteste Special zum Thema auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt. Als erstes Stern Extra des Jahres kostet das 140 Seiten starke Magazin sechs Euro und taucht tief in die Geschichte der elitären PS-Gesellschaft ein, deren Geburtsstunde im Nachkriegsengland auf Militärflugplätzen schlug.

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Ein intelligentes Magazin zur Formel 1 – das klingt leichter gesagt als getan. Viele Sondernummern schielen geradezu nach dem Schumi-Fieber und wirken wie durchtränkt von einem infantilen Enthusiasmus für den siebenmaligen Weltmeister, der in dieser Saison wieder am Start ist. Andere zeigen die Formel 1 nur ausschnitthaft und ohne Erklärung der faszinierenden Geschichte seit den 50er Jahren, oder sie langweilen mit flachen anbiedernden Texten.
Wer all das nicht will und sich trotzdem für die Königsdisziplin der Spritvernichter interessiert, ist mit dem Stern Extra bestens bedient. Dabei stört es auch nicht, dass die Sondernummer vom Baumwall ein Mix aus einer Art Formel 1-View mit vielen Fotostrecken, einer aktuellen Bestandsaufnahme und dem Nachdruck von historischen Reportagen aus dem Stern-Archiv sind. Wer das Magazin gelesen hat, versteht die Formel 1, weil das komplizierte Milliarden-Business um die schnellste Art, im Kreis zu fahren, von allen Seiten beleuchtet wird.
Natürlich kommt auch das Stern-Sonderheft nicht ohne Michael Schumacher aus, der gemeinsam mit Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche interviewt wird und dabei so Sinnstiftendes zu sagen hat wie: "Man muss nicht immer gewinnen, um trotzdem gewonnen zu haben." Aber Schumacher bekommt den Platz, der ihm gebührt als der eines Stars unter vielen. Viele wird es mehr interessieren, welche Exzentriker in früheren Jahrzehnten am Steuer saßen, wie erbärmlich die Sicherheitsvorkehrungen auf den Hochgeschwindigkeitskursen früher waren, wie schnell gestorben und vergessen wurde. Oder wie in den 70ern Playboys vom Schlage des Briten James Hunt die Szene prägten, die sich bis zum Start mit Groupies verlustierten, um gleich nach der Zielflagge nach Zigarette und Bier zu verlangen.
Das ist die eine Seite, die das Sonderheft zeigt. Es zeichnet aber auch die technische Entwicklung auf und verdeutlicht anhand von Vorher-Nachher-Grafiken den heute extrem hohen Sicherheitsstandard in der Formel 1. Zu den tragischen Todesfällen finden sich Reportagen aus dem Archiv, etwa über den Unfall, den Ayrton Senna 1994 nicht überlebte. Und es fällt auf, dass der Stern in seiner Text- und Bildsprache bei großen Stücken auch Jahrzehnte später immer noch beeindruckt. Der Stern zeigt eine süchtigmachende Rennserie, ohne sie zu glorifizieren. Eine Geschichte erzählt vom Schicksal der Hinterbliebenen und porträtiert die Lebensgefährtin des 1985 tödlich verunglückten deutschen Fahrers Stefan Bellof, die auch nach 25 Jahren noch gegen das Gefühl der Leere ankämpft.
Ein Formel 1-Magazin muss kein Fanzine sein und darf es sogar nicht sein, wenn es die Hintergründigkeit des Motorsports vermitteln will, statt sie zu retuschieren. Der Stern hat gezeigt, wie das gelingt, was (wie Chefredakteur Andreas Petzold im Editorial schreibt) vielleicht auch daran liegt, dass das Magazin gerade zwei Jahre älter ist als die Formel 1, die im Laufe der Geschichte immer wieder Thema der Illustrierten war. Petzold sieht noch mehr Parallelen: "Ihr Erfolgsrezept ist dasselbe wie das eines gut gemachten Magazins: Zur Aufführung kommt, immer wieder aufs Neue, das hitzige Ringen um Macht, Millionen, große Gefühle – und unvergänglichen Ruhm."
Der Anzeigenmarkt hat das ambitionierte Heftkonzept allerdings nicht belohnt und die Ausgabe komplett gemieden, es finden sich darin lediglich drei Anzeigen für Zeitschriften des Hauses.

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