Europas Pay-Modelle im Vergleich

Bezahl-Inhalte sind bei Zeitungen in Europa auf dem Vormarsch. Bei der Gestaltung der Pay-Modelle in den verschiedenen Ländern gibt es allerdings eine sehr große Bandbreite. In England steht die Times kurz davor, ihre Website komplett kostenpflichtig zu machen. Die französische Le Monde bietet nach einem Relaunch ein Online-All-Inclusive-Paket gegen Geld an und auch die spanische Zeitung El Mundo hat eine Pay-App angekündigt. MEEDIA gibt einen Überblick über ausgewählte Pay-Pläne von Zeitungen in Europa.

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Spanien

Die zweitgrößte spanische Tageszeitung El Mundo hat angekündigt, in Kürze eine kostenpflichtige App für Smartphones wie Apples iPhone oder Blackberrys auf den Markt zu bringen. Die App soll auf den Namen Orbyt hören und auch im Internet funktionieren. Für 14,99 Euro pro Monat oder 60 Cent pro Tag können Nutzer dort die kompletten Inhalte der gedruckten El Mundo auf ihrem Smartphone oder PC abrufen. Hinzu kommen Videos und weitere exklusive Inhalte. Die eigentliche Website elmundo.es soll dagegen kostenfrei bleiben. Elmundo.es gilt als die populärste News-Website der Spanisch sprechenden Welt. Sie hat auch viele Besucher aus Lateinamerika. Auch die spanischen überregionalen Konkurrenz-Zeitungen El Pais und La Vanguardia aus Barcelona setzen bisher weiter auf kostenfreie Websites.

Großbritannien

In Großbritannien gibt es eine Vielzahl an verschiedenen Herangehensweisen. Den radikalsten Schritt wagt die Londoner Times, die zum Medien-Reich von Rupert Murdoch gehört. Ab Juni soll die Online-Ausgabe der Times ein Pfund pro Tag kosten (1,11 Euro). Genau soviel wie die gedruckte. Der liberale Guardian setzt dagegen trotz herber Verluste im vergangenen Geschäftsjahr online weiter auf seine Kostenlos-Strategie. Zwar bietet der Guardian seine iPhone App für 2,99 Euro an, verlangt aber keine Folge-Gebühren. Wer die Guardian App einmal kauft, bekommt das ganze Paket. Während die Times radikal auf Bezahl-Inhalte setzt und der Guardian ein Mischmodell aus bezahlter Print-Zeitung und gratis Online-Inhalten fährt, probiert es der russische Investor Alexander Lebedew in England mit einem radikalen Gratis-Konzept. Er hat den gedruckten Evening Standard zu einem Kostenlos-Titel umgewandelt. Gerade hat Lebedew den Independent für den symbolischen Preis von einem Pfund übernommen und es gibt Gerüchte, dass er diese Zeitung auch zu einem Gratis-Titel machen will. Der Russe setzt auf Anzeigen und ein Stiftungsmodell. Er will finanzstarke Mäzene finden, die in eine Qualitätspresse investieren.

Frankreich

Mit einem gerade erfolgten Relaunch will die traditionsreiche französische Zeitung Le Monde auch an der Pay-Schraube im Internet drehen. Die Texte der gedruckten Zeitung werden künftig auch online nur noch zahlenden Abonnenten zur Verfügung stehen. Agenturberichte und Texte der Online-Redaktion gibt es weiterhin gratis. Außerdem soll die Print-Redaktion künftig auch einige Artikel exklusiv fürs Web beisteuern, die dann ebenfalls gratis zu lesen sein werden. Ab April will Le Monde außerdem kostenpflichtige Apps für iPhone und iPad anbieten. Beim Pricing fährt die französische Zeitung eine All-Inclusive-Strategie. Wer die Le Monde abonniert, bekommt für 29,90 Euro pro Monat das gesamte Paket aus gedruckter Zeitung, Premium-Internet-Zugang plus iPhone und iPad App. In einer Einführungsphase kostet das Abo 19,90 Euro.

Deutschland

Hierzulande ist die Axel Springer AG am weitesten mit ihren Plänen für bezahlte Online-Inhalte. Die Springer-Regionalzeitung Hamburger Abendblatt bietet ausgewählte, vor allem regionale, Inhalte nur noch gegen Bezahlung an. Ein 30-Tage-Zugang kostet derzeit 7,95 Euro. Außerdem hat Springer die iPhone Apps von Bild und Welt kostenpflichtig gemacht. Die Preise sind allerdings noch moderat. So kostet die Bild App einmalig 79 Cent. Für einen 30-Tage-Zugang ohne PDF der gedruckten Bild-Zeitung und weiterer Premium-Inhalte zahlt man dann 1,59 Euro, inklusive Bild-PDF am Vorabend 3,99 Euro. Die App-Version der Welt kostet einmalig 1,59 und anschließend für 30 Tage 2,99 Euro bzw. 4,99 Euro mit PDF. Die Websites von Bild und Welt sind weiter komplett kostenlos. Noch im Frühjahr will Springer außerdem ein E-Mag der Welt am Sonntag, das für Tablet-PCs optimiert ist, herausbringen, das  für sechs Monate mit 7,50 Euro zu Buche schlägt. Gruner + Jahr hat für den iPad-Konkurrenten wePad ein Stern-Emag angekündigt, das pro Ausgabe 2,99 Euro kosten könnte. Die Süddeutsche Zeitung bietet eine kostenlose Basis-App und eine Premium-App fürs iPhone auch mit Print-Inhalten für 1,59 Euro pro Monat.

Fazit

Der Trend hin zu teilweise kostenpflichtigen Zeitungs-Websites und Apps scheint nicht mehr aufzuhalten. Viele Verlage halten sich zwar noch zurück, aber einige große, namhafte Zeitungen sind bei der Pay-Offensive vorne dabei und bilden die Speerspitze der Pay-Bewegung. Derzeit findet eine Phase des Ausprobierens statt. Vom radikalen Pay-Modell á la Times in London über einen Monatszugang für Apps bei freier Website oder einem All-Inclusive-Paket ist so ziemlich alles vertreten. Es ist davon auszugehen, dass die Verlage ihre Pay-Modelle und das Pricing im Laufe der nächsten Monate noch mehrmals ändern, um die Akzeptanz bei Nutzern auszutesten. Mit dem Verkaufsstart von Apples iPad und weiteren Tablet-Computer wird der Trend hin zu kostenpflichtigen Apps und Premium-Zugängen weiter zunehmen. Wahrscheinlich werden die meisten Verlage am Ende bei einem Mix-Modell landen. Agenturberichte, schnelle Meldungen aus dem Newsroom sowie Unterhaltsames und Klickbringendes bleibt gratis. Aufwändige Artikel und Print-Inhalte werden kostenpflichtig, und zwar sowohl auf der Website als auch als App. Die beiden radikalen Ansätze "nur Pay" (Times) und "nur Free" (Evening Standard) versprechen langfristig keinen Erfolg. Bei einem ausschließlichen Pay-Ansatz werden potenzielle Anzeigen-Erlöse aufs Spiel gesetzt, sollte der Werbe-Markt erneut anspringen. Außerdem sinkt bei einem solchen Ansatz die publizistische Bedeutung im Internet wegen der sinkenden Reichweite des Mediums und man schließt viele potenzielle Leser (und Käufer) von einer unverbindlichen Kontaktaufnahme aus. Der reine Gratis-Ansatz ist bei der derzeit angespannten und insgesamt wohl sehr sprunghaft bleibenden Anzeigenlage dagegen keine gesicherte Basis für eine Tageszeitung.

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