„Tatort“: Tote tragen keine Logik

"Ich will nach Hause." Mit diesem Satz endet der aktuelle "Tatort" am Sonntag. Der Hamburger Ermittler Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) fliegt zu seinem Vater in die Türkei und flieht vor dem Schreckensszenario der Entmenschung, das er als Undercover Agent beim fiktiven Flugzeugbauer Apad hat durchleben müssen. Der Sonntagskrimi im Ersten, farblos und steril wie eine weiße Wandfliese inszeniert, liefert einen verworrenen Plot. Zwar gibt es nur eine Leiche, aber gestorben wird dauernd. Das Opfer heißt Logik.

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Die Airbus-Werft bildet die Kulisse eines Falls von Wirtschaftsspionage. Batu soll herausfinden, wer in der Abteilung Baupläne an ausländische Konzerne verrät. Intriganz ist die Basis des täglichen Miteinanders in der Entwicklungs-Unit, individuell ausgestaltet mit den persönlichen Macken. Der erst wenige Wochen dort aktive Ermittler ist verwirrt, egal ob ihm Firmeninterna zugeraunt werden oder der Chef ihn jovial vereinnahmt.
Keiner ist der, als der er oder sie sich ausgibt, und alle haben ein schmutziges Geheimnis. Soweit, so gut und anfänglich auch spannend. Doch je länger der Film dauert, um so weniger ist klar, worum es eigentlich geht. Eine Leiche am Schiffsanleger, ein Begräbnis ohne Worte, mäßig trauernde Angehörige, eine obskure uneheliche Tochter, Kollegen, die im Angesicht des Todes ihres Chefs die Ellbogen ausfahren. Das alles verpackt in eine Mission Impossible-Dynamik, bei der die coolen Bilder mehr dominieren als der beliebige Kriminalfall, der innerhalb von 90 Minuten heiteres Täterraten in alle Richtungen verursacht. Den Gipfel der Verwirrung stiftet dann noch ein Geheimdienst, der in der Story munter die Seiten wechselt. Und nirgendwo zählt ein Killer so lange bis drei, um jemanden nnnnnnnnicht abzuknallen.
Was bleibt hängen, wenn der Abspann läuft? In der Sache nichts, weil der Zuschauer nach den Drehbuchkapriolen nicht wirklich sicher ist: Gab es jetzt einen Mord oder nicht? Tote tragen keine Logik. Mehmet Kurtulus ist ohne Frage ein guter Schauspieler, aber man weiß nicht, ob der NDR ihm mit der blutarmen Inszenierung einen Gefallen tut. Die einzige stabile menschliche Beziehung, die der Ermittler unterhält, ist die zu seinem Vater: per Telefon und Fern-Schach, wobei sich der Alte in der Türkei darüber lustig macht, dass Cenk dabei stets auf ein erleuchtetes Parkhaus blickt. Denn der hockt in seiner Designerwohnung in der Hamburger Hafencity, und es sieht von außen gefilmt so aus, als seien die Fensterstreben tatsächlich Gefängnisgitter.
Gesprächslose Momente, in denen bedeutungsschwanger Klaviermusik klimpert, kennzeichnen den Film, inmitten von lauter Menschen, die auf einer Mission oder auf der Suche sind. Oder beides, egal. Die Sätze sagen wie: "Das Know How wandert nach Asien ab" und von einer Geheimtechnologie namens "Silicium 3" oder einer enorm wichtigen "120er-Turbine" schwadronieren. James Bond lässt grüßen, inklusive eindimensionaler Charaktere. "Leute wie Sie machen hier nie Karriere", sagt ein Apad-Fiesling zum Ermittler, und der Zuschauer begreift sofort: Darauf kann Batu stolz sein.
Bei allen Schwächen der Dramaturgie blitzt dennoch das darstellerische Talent des Kripomanns auf. Etwa, wenn er – quälend lange – mit offenen Augen daliegt, als sein One-Night-Stand das Hotelzimmer verlässt, ohne sich umzudrehen und zu erkennen zu geben, dass er dies registriert. Die Liebesgeschichte funktioniert, kein Wunder: Seine Partnerin ist Désirée Nosbusch (mit einer brillanten Leistung), seine Lebensgefährtin im realen Leben, von dem man so gern in diesem Film etwas spüren würde. Doch auch diese führt den Ermittler in der Rolle der Mia Andergast hinters Licht. So ist das Leben von Cenk Batu: eine elegisch kullernde Träne und zurück ins Single-Dasein. Lost in Emotion.
Auf der Segelyacht eines Toten ohne Mast, kielgeholt in einer Werft, wird der Fall abgeschlossen. Gestrandet und ohne Perspektive scheinen auch die Beteiligten. Dass der neue Hamburger Fahnder im Ranking der "Tatort"-Kommissare hinten liegt, ist nicht sein Verschulden, sondern die Folge des Korsetts, das ihm das Drehbuch beim Ermitteln überstülpt. Und auch Folge der technokratischen und unterkühlten Bildsprache, in der es nur um Bewegung aber nicht um Handlung geht. Bewegen tun sich da nur Rolltreppen, U-Bahnen, Flugzeuge oder Schiffe, alle getaucht in ein blasses, unwirkliches Licht. Aus der Türkei höhnt Batus Vater per Telefon: "Warum soll ich nach Hamburg kommen, um auf ein Parkhaus zu blicken?" Wie recht er hat.

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