Google-Titel: Spiegel seziert China-Zensur

Zum zweiten Mal innerhalb von nur drei Monaten hat es Google auf das Cover des Spiegels geschafft. In der Titelgeschichte findet sich der Web-Konzern in ungewohnten Rolle wieder: nämlich vermeintlich in der des Opfers – zu Jahresbeginn noch hatte das Nachrichtenmagazin mit der Datenkrake Google abgerechnet. In dem 10-Seiter spielt der Internetriese allerdings eher eine Nebenrolle – bestechend wie gleichzeitig bedrückend ist vor allem die Schilderung der Zensur in China.

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Zum zweiten Mal innerhalb von nur drei Monaten hat es Google auf das Cover des Spiegels geschafft. In der Titelgeschichte findet sich der Web-Konzern in ungewohnten Rolle wieder: nämlich vermeintlich in der des Opfers – zu Jahresbeginn noch hatte das Nachrichtenmagazin mit der Datenkrake Google abgerechnet. In dem 10-Seiter spielt der Internetriese allerdings eher eine Nebenrolle – bestechend wie gleichzeitig bedrückend ist vor allem die Schilderung der Zensur in China.    

Die Steilvorlage war groß: Google, der omnipräsente Internet-Riese, der nicht böse sein will und deshalb den Infight mit der aufstrebenden Weltmacht China sucht – das ist ein klarer Fall für einen SPIEGEL-Titel, selbst wenn die letzte Coverstory gerade mal zehn Wochen her ist. Seinerzeit wurde das "Ende der Privatheit" verkündet und Google als datenbesessener Konzern-Multi abgewatscht, der "mehr über Sie weiß als Sie selbst". Das war am Mitte Januar.

Ende März ist Google in die Rolle des Opfers geschrumpft – und zwar durchaus bildlich: Auf dem heute erschienenen Titel rollen wieder Panzer, die direkt auf einen Internet-User zielen, der auf seinem Laptop in Google surft – eine Reminiszenz an das Blutvergießen auf dem Platz des Himmlischen Friedens von 21 Jahren. "Das ist mal ein Titelbild", kommentiert Google-Pressesprecher Stefan Keuchel via Twitter.

China gegen Google: "Konkurrenz zweier Geschäftsmodelle"

Doch das Cover täuscht. "Goliath gegen Goliath", lautet der Titel des 10-Seiters. Beim „Kampf um die Freiheit im Netz“, so der Subtitel, wird Google vom SPIEGEL offenbar auf Augenhöhe mit der aufstrebenden Weltmacht gesehen, die nichts unversucht lässt, um seine 380 Millionen Internet-Nutzer vom Einfluss der westlichen Welt abzuschneiden.  "China gegen Google, das ist aber nicht einfach nur ein Kampf von Gut und Böse", klärt das gerade erst mit dem „Lead Award“ ausgezeichnete Hamburger Nachrichtenmagazin auf, "sondern die Konkurrenz zweier Geschäftsmodelle in der heraufdämmernden Bewusstseinsökonomie." 

Das Opfer indes ist der chinesische Internetnutzer, der heimliche Held der gelungenen, wenn auch etwa langatmigen 34.000-Zeichen-Reportage, der schon beim Gang ins Internet-Café drangsaliert werden kann, als ginge es um die Antragsstellung eines Visums: "Neue Kunden müssen ihren Ausweis vorzeigen, im Notfall reicht der Führerschein. Danach wird ein Foto von ihnen gemacht, die Kamera steckt in einer kleinen Box auf dem Tresen. Die Kunden erhalten ein Zettelchen mit Passwort und zwei Registriernummern, die sie in den Computer eingeben. So können Kontrolleure nachträglich feststellen, wer an welchem Computer mit wem geplaudert hat, welche Blogs und Web-Seiten aufgerufen wurden."

China-Aktivist Guo Baofeng: "Twitter hat mir das Leben gerettet"

Wer sich den strikten Regeln der KP widersetzt, riskiert Gefängnisstrafe, wie Blogger und Aktivisten in den vergangenen Jahren immer wieder erfahren mussten. "Dank des Internets kommen die Menschen der Wahrheit näher", zitiert der SPIEGEL den Blogger Guo Baofeng, der selbst unliebsame Erfahrung mit der chinesischen Justiz machen  musste: Aus dem Gefängnis twitterte er "SOS" – und kam nach dem öffentlichen Social Media-Druck 16 Tage später tatsächlich frei – der Mikroblogging-Dienst habe ihm das Leben gerettet, zitiert der SPIEGEL den Blogger.   

Und Google? Dem wertvollsten Internetkonzern der Welt bleibt angesichts solch anrührender Einblicke in die entwürdigenden Zensurmethoden fast nur eine Nebenrolle in der SPIEGEL-Titelgeschichte, die noch einmal detailliert die Tage um das Ende der Selbstzensur der Internetsuchmaschine nachzeichnet.

"Webseiten müssen  Texte, Bilder und Videos säubern, die Google unterstützen"
 
Einheimische Medien wurden eingeschworen, bei Googles Rückzug nach Hongkong in der Berichterstattung ja keinen Fehler zu machen: "Bringen Sie keine entsprechenden Themenseiten, organisieren Sie keine Diskussionsforen, unternehmen Sie keine investigativen Recherchen", so die Anweisung der Zensoren an die hiesigen Medien.

Besonders im Internet sollte es keine zwei Meinungen geben: "Alle Webseiten müssen bitte Texte, Bilder, Tonaufnahmen und Videos säubern, die Google unterstützen, auf denen Blumen für Google erscheinen, die Google darum bitten zu bleiben, die Google loben oder deren Tonlage anders als die Regierungspolitik gestimmt ist."

Der Rest ist bekannt. Google wich nach Hongkong aus, China zensiert nun selbst. Es habe sich bei der Entscheidung ausschließlich um eine moralische Entscheidung gehandelt, erklärt Google-Mitbegründer Sergey Brin im einseitigen SPIEGEL-Interview . Schade:  Das Interview ist die einzige Enttäuschung der lesenswerten Reportage – Brin wiederholt nur die Beweggründe, die er bereits vor einer Woche in der "New York Times" zum Rückzug geschildert hatte.

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