Verleger: die neue Rolle des G+J-Chefs

Vermutlich kann Bernd Buchholz den alten Spruch eines Verlagsmanagers über ihn nicht mehr hören: "Ein Cowboy, der zu breitbeinig durch den Saloon geht und zu schnell aus der Hüfte schießt." Aber er wird einräumen, dass es nicht ganz unzutreffend war, ihn als Lautsprecher und Krawallo der Medienelite zu bezeichnen. Doch bei der Vorstellung der G+J-Jahresbilanz war der 48-Jährige nichts von beidem. Seine Rede war beachtlich, weil sie eine verlegerische Grundhaltung vermittelte. Das war nicht immer so.

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Vermutlich kann Bernd Buchholz den alten Spruch eines Verlagsmanagers über ihn nicht mehr hören: "Ein Cowboy, der zu breitbeinig durch den Saloon geht und zu schnell aus der Hüfte schießt." Aber er wird einräumen, dass es nicht ganz unzutreffend war, ihn als Lautsprecher und Krawallo der Medienelite zu bezeichnen. Doch bei der Vorstellung der Gruner + Jahr-Jahresbilanz war der 48-Jährige nichts von beidem. Seine Rede war beachtlich, weil sie eine verlegerische Grundhaltung vermittelte. Das war nicht immer so.
Noch Mitte vergangenen Jahres hatte der Vorstandschef seine Mitarbeiter bei einer Betriebsversammlung mit Aussprüchen über das rezessive Printgeschäft und langen Exkursen über die Marktchancen im bei Gruner + Jahr bis dato unbekannten Feld des Professional Publishing massiv verunsichert zurückgelassen. Die Investitionen im Neuland schienen dem Vorstand für viele, die sich um den Verlag sorgten, wichtiger zu sein als das Naheliegende: die angestammten Geschäftsfelder zu pflegen und zu entwickeln. Die Auswirkung auf die Stimmung am Baumwall war entsprechend.
Bei seinem 90-minütigen Auftritt am Donnerstag machte Buchholz diesen Fehler nicht. Sein Vortrag war so, wie man sich ihn von einem Chef eines Medienhauses in der Krise wünscht. Alles hatte darin seinen Platz, und das Kerngeschäft sowie ein klares Bekenntnis zum Qualitätsjournalismus stand dabei an erster Stelle. So deutlich hatte sich Bernd Buchholz in den vergangenen eineinhalb Jahren selten positioniert, und dies ist ein vor allem ins eigene Haus positives Signal. Hinzu kamen klare Ansagen zu den derzeit brennenden Branchenthemen: Leistungsschutz, Grosso-Konflikt sowie der Bedrohung durch die elektronische Presse der Öffentlich-Rechtlichen.
Der Vorstandschef, so der Eindruck seines Auftritts im Foyer am Baumwall, scheint im neuen Job an der Verlagsspitze endgültig angekommen. Die Zahlen, die er präsentierte, passen dazu. Natürlich ist die 2009er-Bilanz verhagelt. Aber wenn man sich die rekordverdächtige Summe an Abschreibungen und Sondereffekten wegdenkt und auf ein konjunkturell womöglich freundlicheres 2010 hofft, dann sieht die Perspektive für Gruner + Jahr auf dem Papier gar nicht so übel aus. Das Schlimmste liegt hinter uns, war die Botschaft von Bernd Buchholz an diesem Tag, und man ist geneigt, dies nicht als Marketing-Floskel abzutun.
Dennoch ließ der Vortrag viele Fragen offen, die es zu lösen gilt. Ungewiss ist vor allem die Situation der Wirtschaftsmedien. Zwar bekannte sich Buchholz klar zum Erhalt der Titel, aber er zeichnete keine Strategie auf, wie die bereits kostenoptimierten Blätter aus den roten Zahlen geholt werden können. Das Anspringen der Konjunktur ist hier die einzige Hoffnung, aber das war schon vor zehn Jahren so. Für 2011, vielleicht 2012 prognostiziert Buchholz schwarze Zahlen, aber nichts Genaues weiß man nicht.
Vage ist auch der Ausblick beim Professional Publishing, das Buchholz als neuen Unternehmensbereich und Wachstumsmotor etablieren will. Mehr als 300 Firmen haben die Akquise-Scouts des Vorstands angeblich 2009 gecastet und durchleuchtet. Man wisse jetzt, was man wolle und befinde sich in fortgeschrittenen Planungen und Gesprächen, was immer das heißen mag. Im vergangenen Herbst hieß es im Unternehmen noch, dass der Zukauf innerhalb des ersten Quartals 2010 erfolgen werde. Davon ist nun nicht mehr die Rede. Wahrscheinlich in diesem Jahr, sagt Buchholz, aber nageln Sie mich nicht darauf fest.
Ungeklärt ist auch, ob und inwieweit Strukturveränderungen oder Kostenrunden bei den Magazin-Flaggschiffen Stern und Brigitte anstehen. Hier befindet sich der Vorstand seit Mitte vergangenen Jahres im Austausch mit den Chefredaktionen. Es ist aber offen, ob es in diesem Jahr zu größeren Umbaumaßnahmen kommen wird. Auch dazu hätte man sich ein klares Statement (oder Dementi) gewünscht; Buchholz sparte diesen Punkt aus.
Auch die wohl etwas schönfärberische Bewertung der "Print-Innovationen" des vergangenen Jahres passte nicht recht zum insgesamt authentischen Eindruck, den Buchholz in seiner Gegenwartsbetrachtung und mit Blick auf die Zukunftsgestaltung vermittelte. Der große Wurf war bei den fünf Neuerscheinungen nicht dabei, sieht man von Nido ab. Oberstes Ziel wird es wohl sein, die Titel am Markt zu halten, Cash Cows sehen anders aus. Auch in diesem Zusammenhang hätte man vom G+J-Chef, der ja in Personalunion auch Zeitschriftenvorstand ist, gern mehr erfahren, zum Beispiel, ob es 2010 weitere Print-Launches geben wird.
Auf all diese Fragen wird Gruner + Jahr mit der Zeit Antworten finden und geben müssen. Die Vorstände Bernd Buchholz, Torsten-Jörn Klein (Ausland) und Achim Twardy (Finanzen) hatten am Donnerstag nicht für alles eine Lösung parat, aber das Trio schaffte es, die Zukunft ins Zentrum zu rücken und damit die Diskussion über die roten Zahlen zu überdecken. Das erfordert politisches Geschick, und dies ist Bernd Buchholz nicht abzusprechen. Seine verlegerische Vision hat er entwickelt. Nun wird er sich daran messen lassen, ob diese auch zur Realität wird.

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