Chatroulette: der neue Web-Megatrend

Es ist der größte Hype seit den ersten Internet-Chatrooms vor 15 Jahren: Eine einfache Website verbindet völlig Unbekannte rund um den Globus per Zufallsgenerator in Video-Chats. Seit das russische Chatroulette Anfang des Jahres bekannt wurde, steigen die Nutzerzahlen epidemisch an, mit freundlicher Unterstützung der Medien. Heute sind bis zu 50.000 Menschen gleichzeitig online. Das Erfolgsrezept: Kontakt ohne Hürden bei totaler Anonymität. Das führt zu teils skurrilen Begegnungen.

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Keine Registrierung, kein Login – wer mitmachen will, braucht einen Computer mit Webcam, geht auf die spartanische Chatroulette-Seite und klickt "New Game". Im unteren Fenster erscheint das eigene Bild, im oberen einer der zigtausend Anderen, die gerade online sind. Eigentlich sollte es jetzt zum Chat kommen. Doch meistens klickt einer der beiden auf "Next", nach wenigen Sekunden. Ein "Zurück" gibt es nicht.

Der Moskauer Oberschüler Andrey Ternovskiy hat die Seite ursprünglich "aus Spaß" programmiert, um für sich und seine Freunde den Internet-Chat mit dem Zufallsprinzip zu bereichern. Gegenüber dem New York Times Blog, das die Identität des 17-Jährigen lüftete, erklärte Ternovskiy, er wollte ein Spiel für Teenager erfinden. Ohne jegliche Werbung hat sich sein Werk über diese Zielgruppe hinaus schnell viral verbreitet. Mittlerweile sind in Spitzenzeiten mehr als 50.000 Nutzer gleichzeitig online. Ternovskiy mietete mehrere Hochleistungsserver – in Frankfurt – und finanziert das Projekt durch "Investoren" im Bekanntenkreis sowie minimale Werbung auf der Seite.

Faszinierend ist die Einfachheit, mit der man einer Person auf der anderen Seite der Welt plötzlich gegenübersitzt, ihr Gesicht liest, in ihren privaten Raum hinein sieht. Dass es selten zu einem längeren Austausch kommt und die Begegnungen meistens nach Sekunden abbrechen, ist oft wünschenswert und zumindest erträglich. Die nächste Begegnung ist gewiss. Chatroulette birgt ein Suchtpotential. Zahlen zur Verweildauer gibt es noch nicht. Viele scheinen allerdings Stunden mit dem Speeddating-Zapping zuzubringen.

Warum funktioniert diese Geschwindigkeit? Vor allen anderen Sinnesorganen entscheidet der Gesichtssinn, ob ein Fremder sympathisch ist oder nicht. Die Psychologin Nalini Ambady hat nachgewiesen, dass das menschliche Gehirn innerhalb von zwei Sekunden eine unbekannte Person bewertet. Die Geschwindigkeit von Chatroulette entspricht der Zeitspanne, in der ein Neandertaler im Anderen Freund oder Feind, Leben oder Tod erkennen musste. Als Belohnung winkt die aufregende Aussicht auf die Begegnung mit dem Unbekannten. Hier kommen Jagdinstinkt und Fluchtreflex zusammen.

Tatsächlich führt dieses merkwürdige Online-Spiel die gesamte evolutionäre Bandbreite vor: Couchpotatoes im Leoparden-Kunstfell, Urmenschen im Wohnzimmer und erstaunlich viele männliche Exhibitionisten. Aber man trifft auch auf Gitarristinnen, Alleinunterhalter und echte Künstler. Es sind die Namenlosen dieser Welt, die bei Chatroulette schneller als selbst bei Youtube oder Facebook zu Sendern und Empfängern werden.

An dem Erfolg des HyperChats haben übrigens auch die Medien einen entscheidenden Anteil. Das New York Magazine griff das Thema auf, CNN und andere große Sender berichteten und beschleunigten das journalistische Karussell weiter. Der US-Entertainer Jon Stewart brachte das Phänomen in seiner "Daily Show" auf den Punkt: Als er dem Publikum die Website vorführte, traf er nicht nur auf Langweiler und Exhibitionisten, sondern jede Menge prominenter Reporterkollegen.

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