Bertelsmann stellt Weichen auf Wachstum

Das Konzernergebnis war im Wesentlichen durch einen Vorabbericht des Manager Magazins bekannt, und so verschob sich die Aufmerksamkeit der Journalisten bei der Bertelsmann-Bilanzkonferenz auf die handelnden Personen und die Nuancen ihres Auftritts. Im Mittelpunkt dabei: CEO Hartmut Ostrowski, der dem MM-Autor Klaus Boldt die rhetorische Brillanz einer "Zinnkanne" bescheinigt hatte. Der Vorstandschef gab sich kämpferisch und entschlossen, und er wirkte dabei überzeugender als 2009.

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Gegenüber dem Vorjahr hatte sich schon der Rahmen verändert. Statt wie traditionell im Hyatt Hotel fand die Veranstaltung erstmals in der Hauptstadtresidenz des Gütersloher Konzerns statt. Die befindet sich in der Adresslage Unter den Linden 1 und dokumentiert damit den Geist und Anspruch des Konzerns, Platzhirschmentalität und den Willen zur Marktführerschaft.
Als Hartmut Ostrowski im März 2009 die Bilanz vorstellte, herrschte eine Atmosphäre der Nervosität und Anspannung. Die Wirtschaftsflaute hatte dem Mediengeschäft den Wind aus den Segeln genommen, und niemand wusste, ob der eingeschlagene neue Kurs der richtige war und das Krisenmanagement am Ende zum Erfolg führen würde. Die Wette auf die Zukunft war höchst unsicher, umso klarer war, dass der Konzern um einen gewaltigen Umbau nicht herum kommen würde. Eine solche Verunsicherung können auch Profis und Vorstände nicht hundertprozentig verstecken. Verspannung liegt dann förmlich in der Luft.
An diesem Dienstag herrschte eine andere Stimmung: der Geist des Aufbruchs, der unbedingte Wille, gerade in der Phase des technologischen Umbruchs, der neu entstehenden digitalen Märke, zu den Gewinnern zu gehören. So, wie es das Unternehmen im Laufe der 175-jährigen Geschichte schon mehrfach gemeistert hat. Ganz sicher ist Ostrowski kein begabter Redner, aber er kann durchaus überzeugend wirken. Das Mediengeschäft hat schon viele glänzende Rhetoriker gesehen, von denen nicht wenige katastrophale Manager waren. Besser umgekehrt, wird sich der Chef aus Gütersloh sagen, und dazu passt sein bei der Bilanz-PK geäußertes Credo: "Wir sind Unternehmer und keine Abenteurer."
Auf den ersten Blick wirkt die neue Zuversicht paradox, denn die Zahlen sind diesmal schlechter als vor einem Jahr. Auf aus Konzernsicht mickrige 35 Millionen Euro ist der Nettogewinn geschrumpft. Doch dies ist für den Vorstand in den von der Krise gebeutelten Märkten kein Maßstab. Der weitere signifikante Abbau der hohen Schulden ist ein Erfolg, die nachhaltige Verschlankung der Unternehmensstrukturen ebenso. Der Vorstand ist überzeugt, dass er in der "Phase des Einschubs" (Ostrowski) seine überlebenswichtigen Aufgaben gelöst hat und sich nun erneut der Expansion widmen kann. Operatives Wachstum, sogar der Aufbau eines neuen Unternehmensbereichs scheinen nicht ausgeschlossen. Ostrowski nennt beispielhaft das Segment Bildung, will sich aber auf Nachfrage nicht festlegen, ob hier eine größere Investition ansteht.
Wer Bilanzpressekonferenzen verfolgt, weiß, dass es dort eigentlich keine schlechten Nachrichten gibt. Alles Negative wird zur notwendigen und zukunftssichernden Maßnahme verbrämt. Deshalb ist es abseits der Zahlenwerke weniger entscheidend, was gesagt wird als das, was von externen Experten auch geglaubt wird. Es reicht nicht, vom Turnaround zu reden, wenn die versammelten Beobachter sich zuraunen, dass dies nur eine Floskel sei.
In dieser Hinsicht haben Hartmut Ostrowski und sein Finanzchef Thomas Rabe einen Punktsieg und Achtungserfolg errungen. Der Konzern steht finanziell deutlich besser da als vor einem Jahr, die operativen Kosten sind deutlich geringer und wurden angesichts des Gesamtvolumens von einer Milliarde Euro zudem mit "nur" 169 Millionen Euro Restrukturierungskosten realisiert.
Noch wichtiger scheint allerdings die breite Aufstellung des Konzerns über verschiedenste Medienkanäle bis hin zur Software-Entwicklung. Das könnte gerade in den Jahren des digitalen Umbruchs, der gerade im Begriff ist, die mobilen Anwendungen zu revolutionieren, Gold wert sein. Schon am Yukon waren die Verkäufer von Sieben oder Schaufeln die sicheren Gewinner der Goldrausch-Ära.
Vom Rauschhaften des ersten Internet-Booms vor zehn Jahren sind die Medien zwar in jeder Hinsicht weit entfernt und auch kuriert. Dennoch dürfte es interessant sein zu sehen, welche Möglichkeiten Bertelsmann und die Unternehmenstöchter mit der Einführung der digitalen Mobilplattformen von iPad bis Kindle zu nutzen imstande sind. Hier eröffnen sich womöglich ungeahnte Perspektiven für das Buchgeschäft oder sogar die Direct Group. Das Verlags-Business und die Fernsehsparte, die immer noch größter Umsatztreiber ist, scheinen dagegen dem Werbeumfeld und dessen Entwicklung stärker ausgeliefert zu sein. Aber auch hier soll der Ausbau des Digitalgeschäfts im Vordergrund stehen.
Wirklich Neues oder Aufregendes gab es bei der Bilanzpressekonferenz von Bertelsmann nicht, aber immerhin einen positiven Ausblick, der fundierter wirkte als noch vor Jahrsfrist. Natürlich ist die Krise nicht vorbei, aber immerhin zeichnet sich ein Weg ab, der von der Kostendiät zurückführt zum Investieren und Gestalten. Der Vorstand setzt auch in eigener Sache ein Signal: Nach dem Jahr der Zurückhaltung, in dem die Gehälter des siebenköpfigen Gremiums um die Hälfte auf 10,9 Millionen Euro schrumpften, will man die Bezüge 2010 wieder auf das alte Niveau anheben. Bei Bertelsmann ist die Zukunft wieder willkommen.

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