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DSDS: die Magie des Mehrzad Marashi

Mehrzad Marashi ist eine Ausnahmeerscheinung. Musikalisch und menschlich. Noch nie ist es in der Geschichte aller Casting-Formate einem Kandidaten so authentisch gelungen, Glaubwürdigkeit, Integrationsfähigkeit, Verantwortung und Gefühl zu repräsentieren – „Oslo“ inbegriffen. Glaubt man Publikums-Umfragen, wird er trotzdem DSDS 2010 nicht gewinnen. Favorit ist sein Wettbewerber, Hasso „Menowin“ Fröhlich: Das „Gute in Menschen“ schien vielen schon immer weniger aufregend, als „Sex and Crime“.

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Als Casting-Star ist man nicht nur Künstler, der anhand seiner Leistung bewertet wird. Spätestens seit Michael Hirte, dem vom Schicksal gebeutelten, späten Jungen mit der Mundharmonika, der sich mit Demut, Dieter und mit Deutschland aus vorweihnachtlichen Fußgängerzonen zum Supertalent 2008 blies, weiß man, es braucht mehr. Seit Hirte wissen wir: Hinter jedem Kandidaten steckt ein Mann, hinter jedem Mann ein Mensch und damit auch ein Schicksal.
 
Auch beim Wettsingen DSDS 2010 sind die Favoriten Männer, und zwei von ihnen scheinen bereits als Finalisten festzustehen: Mehrzad Marashi und Hasso Menowin Fröhlich. Beide singen in einer eigenen Liga, und: Beide stehen für unterschiedliche Konsequenzen und Haltungen, welche sie aus ihren nur begrenzt harmonischen Lebensgeschichten entwickelt haben.
Repräsentiert der Ex-Knacki Fröhlich eher den manchmal verbissenen Kampf eines Täters , der sich selbst und andere auf den Weg „seiner zweiten Chance“ zwingen will, steht Marashi für die sensiblen, liebevollen und „weichen“ Aspekte: Ein Mann, dessen Einschnitte im Leben nie jene eines Täters waren, sondern die eines Opfers.
Der Irak-Iran-Krieg nahm ihm als iranisches Kriegskind Heimat, Familie und Luft. 42 Messerstiche raubten ihm als Erwachsenen erneut die Luft, zwangen ihn ins Koma und in jahrelange Angstzustände – die Lunge wurde getroffen.
Klar sind Täter irgendwie auch Opfer und umgekehrt. Dennoch fällt bei DSDS – zwischen Kampf und Koma, Täter und Opfer – mit der Wahl des Superstars ein wenig auch eine Entscheidung über zwei „Gegenmodelle“ im Umgang mit den ernsten Themen eigener Geschichte. Es geht lange nicht nur mehr alleine um Musik. Es geht um Haltung, Einstellung, Ausstrahlung. Es geht – weit hinaus über das, was die Jury „Gesamtpaket“ nennt – um die Frage, wofür genau beide Künstler in ihrer Außenwirkung stehen.
So scheint es kein Zufall, dass die private Siegesparty nach der letzten Motto-Show des  Menowin (Hasso) Fröhlich in einer Massenschlägerei endete. Mit der Gästewahl der eingeladenen Freunde machte Fröhlich seinem Nachnamen keine Ehre: Dreißig alkoholisierte Schläger mussten im Kölner Club Cap Royal unter massivem Polizeieinsatz befriedet werden und bewiesen so, dass selbst die anerkannt guten Leistungen ihres Idols letztlich scheinbar nur im Vollrausch zu ertragen waren.
Fröhlich sagte Bild, die Schläger kenne er nicht und bedankte sich großzügig bei der Polizei.
So ganz wurde man dabei die leise Idee nicht los, er könne seine Beförderung vom früheren Opfer der Ordnungsbehörden zum jovialen Auftraggeber derselben auch ein wenig genossen haben… Im Anschluss ließ Hasso Menowin Fröhlich sich in einem grenzenlos bescheidenen Anfall von Feinfühligkeit für Bild in Boxerpose ablichten und verlieh so („Hasso, fass!“) einem der beliebtesten Rufnamen deutscher Schäferhunde einen ganz eigenen Raum.
Bei seinen Auftritten spürt man, Fröhlich will und wird kämpfen: Flackernde Augen, manchmal verbissene Mimik, Konzentration. Scheint es bei ihm so, als „kämpfe er gegen..“, wirkt Mehrzad Marashi so, als hätte in seinem Leben nie „gegen etwas“ gekämpft. Allenfalls „für…“: Singt Mehrzad Titel von Xavier Naidoo, so transportiert er, statt der manchmal mechanischen Betroffenheit des Originals, glaubwürdiges Gefühl. Es wirkt fast so, als hätte Naidoo den einen oder anderen Text speziell für Marashi geschrieben. Wo Menowin Fröhlich „mit dem Kopf durch die Wand“ will, findet Mehrzad Marashi „mit den Augen die Tür“.
Seine Interpretation von Lionel Ritchies „Hello“ in der letzten Motto-Show hatte nicht nur musikalische Perfektion, sondern derart viel Tiefgang, dass selbst dem gemäßigten Volker Neumüller als Jury Mitglied nur ein mehrmalig anerkennendes „Leck mich am Arsch!“ entwich. Das war Hochachtung pur, und im Grunde war mit diesem Satz in der Tat alles gesagt. Im TV gibt es selten Momente von Tiefgang, in denen keine Fragen mehr bleiben. Schon gar nicht in Casting-Shows.
Mehrzad Marashi hat Zuschauern genau diese Momente geschenkt: Minuten voller Antwort. Minuten, in welchen es still wird auf unserer Seite des Fernsehers, weil Berührung entsteht: Weil wir wortlos meinen, irgendwie dieses Stückchen Wahrheit, Gefühl, diese lesie Spur von Liebe greifen zu können.
Dafür bin ich wirklich dankbar.
Hasso Menowin Fröhlich ist sicher ein hochbegabter Musiker, der musikalisch zurecht ins ganz große Finale von DSDS gehört. Glaubt man vielen, derzeitigen Einschätzungen, gewinnt er die Competition und ist – um diese paar Millimeter vorn – der aktuelle Bohlen-Favorit. Auch, wenn Bohlen sich innerhalb der Shows spürbar dazu zwingt, das Rennen offen zu lassen.
Ich bin parteiisch: Die warmherzige, erwachsene und liebevolle Art einer ehrlichen Haut, die im Leben „auf die Fresse bekommen“ hat und eben dies nicht durch „Kampf gegen…“ und Leistungsdruck beantworten muss, berührt mich tief. Sie ist so verdammt schwer hinzubekommen und: Sie ist immer die bessere Antwort.
„Und, wenn ein Lied meine Lippen verlässt, dann nur, damit Du Liebe empfängst. Durch die Nacht und das dichteste Geäst, damit Du keine Ängste mehr kennst.“, singt Mehrzad Marashi allen, die zuhören und spricht dabei auch ein wenig mit sich selbst. Ihm glaube ich jedes Wort. Ich werde wohl anrufen.

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