Der Sport-Tag enttäuscht auf ganzer Linie

Schlechte Fotos, maue Texte, ein dürftiges Layout: Der Sport-Tag, die neue Tageszeitung über und rund um die Leibesübungen, startet äußerst dünn - und sucht mit fragwürdigen Textanzeigen weiteres Personal. Zum Start hat es das Blatt noch nicht einmal geschafft, ordentliche Anzeigen zu akquirieren und wirbt stattdessen vor allem für sich selbst. Kommt auf die Zeitungs-Branche ein weiterer, peinlicher Flopp zu? Die MEEDIA-Analyse zeigt: gut möglich.

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Das Berliner Frühstücksthema an diesem Montagmorgen: Weil Hertha BSC auch an diesem Spieltag eine Niederlage kassierte und der Abstieg droht, machten viele Fans ihrem Unmut nicht mehr nur verbal Luft, sondern ließen ihrem Frust mal so richtig freien Lauf – im Olympiastadion flogen Becher und Feuerzeuge, gut 100 Personen drangen nach Abpfiff in den Innenbereich des Stadions ein, um "ihre" Spieler zu jagen. Stellten sich Security und Polizei gegen sie, wurden sie handgreiflich. Ein Thema mit Brisanz, das auch am Sport-Tag nicht vorbeizog, der am Montag just an den Berliner Kiosken an den Start ging. Das Problem ist nur: An diesem Top-Thema zeigt sich, wie miserabel das Blatt loslegte.
Zwei Einzelseiten aus der ersten Ausgabe
Der Sport-Tag kommt im handlichen Tabloid-Format daher und versteckte sich hingegen zunächst an den Kiosken. Von Displaywerbung oder gar einem prominenten Liegeplatz direkt neben den Kassen, wie sie bei einem Launch üblich sind, war bei Stichproben von MEEDIA in Berliner Kiosken und Bahnhofs-Buchhandlungen nichts zu sehen. Stattdessen verbargen sich die 24 Seiten, die für 50 Cent zu haben waren, hinter Regionalblättern: S wie Sport-Tag = S wie Stuttgart? Hier werden zweifellos große Chancen verschenkt, als Neuling ordentlich im Markt einzuschlagen.
Viel schlimmer aber ist der Ressourcen-Mangel, den ein Blick in die neue Tageszeitung offenbart. Aufregende Fotos fehlen ebenso wie essenzielle Informationen, die dem Anspruch einer Tageszeitung gerecht würden. Den "Tatort Bundesliga", wie der Sport-Tag die Krawalle nach dem Hertha-Kick nichtssagend überschrieb, platzierte die angeblich 20-köpfige Redaktion in einem Zweispalter in der Mitte ihres Blattes. Wer wenigstens ein Foto erwartet, das Frustrierte in Aktion zeigt, wird enttäuscht. Lediglich umgeworfene, leere Sitzbänke bildet der Sport-Tag ab. 
Bunter Sport und das Sport-TV-Programm

Alles in allem: Ein peinlicher Start, zumal im Text entscheidende Infos fehlen, die andere Zeitungen gar auf die Titelseite hoben, wie etwa die Süddeutsche Zeitung, die von 26 Strafverfahren sprach. Entsprechendes ging bereits am frühen Sonntagnachmittag über die Agenturen, am Sport-Tag aber offensichtlich gänzlich vorbei. Der scheint ohnehin nicht so ausgestattet zu sein, wie er sollte, um solide auftreten zu können. Im Innenteil wirbt der Sport-Tag jedenfalls noch um das nötige Personal, mit dabei eine Sekretärin und Producer, aber auch Redakteure. Einzige angegebene Bedingung: "Was Sie bisher über Sport geschrieben haben wurde auch veröffentlicht?" Nach Qualitätsjournalismus klingt das nicht.

Stellenanzeige: Die Sportzeitung sucht Verstärkung

Ohnehin zeugt ein genauer Blick auf die Texte nicht von Exklusivität: Vielem fehlt gänzlich Autorenzeile oder Kürzel, Suchen entpuppen das Material als Agenturmeldungen. Interviews, wie mit Michael Schumacher, werden zwar namentlich gekennzeichnet. Das Agentur-Kürzel sid (Sport-Informations-Dienst) unterschlägt der Sport-Tag aber einfach. Juristisch legitim ist das, Anspruch sieht hingegen anders aus. Wie sehr hätte da ein Exklusivgespräch mit einem Top-Sportler oder Funktionär für Aufsehen gesorgt? Doch Pustekuchen!
Ohnehin sieht vieles danach aus, dass die Redaktion vor allem das zusammenkleistert, was dpa und sid zuliefern. Das bringt zwar eine gewisse Vollständigkeit mit sich, aber eben keine Unverwechselbarkeit zu anderen Sportteilen, schon gar nicht zu Kicker oder Bild. Das, was der Sport-Tag derzeit liefert, findet sich so oder so ähnlich auch im Netz – und zwar kostenlos. Macht das Blatt genauso weiter, kann auf den Sport-Tag nur der plötzliche Herztod warten. Alles andere wäre unlogisch.
Dem Produkt fehlt außerdem schlicht jeder Anstrich von Qualität. Druck und Layout wirken wie gut gemeinte Anzeigenblättchen, darüber hinaus kommen sie nicht. Werbekunden dürfte das kaum überzeugen – und hat es vor dem Start offensichtlich auch nicht: Den meisten Raum der ohnehin spärlichen Anzeigenflächen nehmen Eigenanzeigen ein, bezahlte Werbung in Summe nicht mal die Größe einer Postkarte – von einem Flickenteppich aus Hotelanzeigen und der Rückseite einmal abgesehen.
Der Sport-Tag kann sich derzeit also noch nicht einmal im Ansatz mit dem messen, was erfolgreiche Sport-Tages-Zeitungen wie die "Gazzetta dello Sport" in Italien, die "Marca" in Spanien oder die "L’Equipe" in Frankreich bieten, nämlich hochwertigen Sportjournalismus, der nicht nur Ergebnisse liefert, sondern der ganzen Branche neuen Gesprächsstoff. Um dort hinzukommen, sollte der Sport-Tag ernst nehmen, was er in seinen fragwürdigen Stellenanzeigen formuliert: "Es gibt viel zu tun." Gewiss!
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