„Lie to me“: lässig und cool, aber zu bemüht

Vox schickt den nächsten Super-Ermittler in den TV-Abend: Kino-Star Tim Roth entlarvt als Dr. Cal Lightman in "Lie to me" notorische Lügner und hilft der Polizei bei schwierigen Fällen. Sein Talent: Der Wissenschaftler erkennt allein an der Mimik, ob jemand lügt oder die Wahrheit spricht. Die Serie bietet einen interessanten neuen Ansatz in der Kriminalitätsbekämpfung und die Darsteller kommen mit einer beachtlichen Portion Coolness daher. Doch viele Szenen wirken etwas zu ambitioniert.

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Gleich die Anfangsszene macht deutlich: Dr. Lightman lässt sich nichts vormachen, selbst wenn sein Gegenüber nur schweigt. Ein Skinhead hat in einer Kirche der Black-Community im Großraum Washington eine Bombe deponiert, will aber nicht sagen, in welcher. Er will gar nichts sagen, das FBI hat vier Stunden lang vergeblich versucht, die Wahrheit aus ihm herauszuquetschen. Lightman braucht genau fünf Fragen, um die Antwort zu bekommen – nonverbal, versteht sich. "Die Wahrheit steht jedem ins Gesicht geschrieben, ob Hausfrau oder Selbstmordattentäter", erklärt der Wahrnehmungsforscher bei einem Vortrag.
Lightman ist ein Meister darin, sogenannte Mikro-Ausdrücke in der menschlichen Mimik wahrzunehmen und entsprechend zu deuten. Oft weisen nur ein Zucken des Mundwinkels oder erweiterte Pupillen auf eine Lüge hin. Dabei sind die mimischen Ausdrücke universell, in kurzen Shots zeigt die Serie immer wieder Bilder von realen Berühmtheiten in entsprechend verfänglichen Situationen – O. J. Simpson in seinem Mordprozess oder Bill Clinton, bei seiner Beichte zur Affäre mit Monica Lewinsky.
Diese Fähigkeit machen sich die Polizei und die Staatsanwaltschaft in "Lie to me" zunutze. Immer wenn sie mit konventionellen Verhörmethoden nicht weiterkommen, rufen sie Lightman und sein Team zu Hilfe. Neben Tim Roth gehen Kelli Williams als Dr. Gillian Foster, Brendan Hines als Eli Loker und Monica Raymund als Ria Torres auf die Suche nach der Wahrheit. Die Serie ist durchgestylt, sexy und extrem cool. Mit dieser Ausstattung reiht sich "Lie to me" in die derzeit angesagte keimfreie und analytisch äußerst präzise Crime-Serien-Kultur ein.
Die erste Folge startet furios: Nach dem Vortrag über den bombenlegenden Skin klingelt das Telefon, der Bürgermeister ist dran. Ein Schüler soll zu lebenslanger Haft verknackt werden, weil er angeblich seine Lehrerin ermordet hat. Bevor er einen 16-Jährigen für immer hinter Gitter schickt, will der Bürgermeister noch ein unabhängiges Gutachten einholen. Wenig später meldet sich ein Kongressabgeordneter mit einem ebenso schwierigen Problem. Bei Lightman stehen hilflose Behörden Schlange.
Die Serie ist gespickt mit amüsanten Situationen, in denen Lightman Lügner entlarvt. Zum Beispiel führt er dem Staatsanwalt, der Lightmans Verfahrensweise für eine Zirkusnummer hält, seine Methode vor. Der Staatsanwalt fühlt sich ertappt. "Lassen Sie das, nehmen Sie die Finger von der Nase. Männer haben dort Schwellkörper. Die jucken, wenn Sie was verbergen", erklärt Lightman. Schnitt: Sequenz mit Prozessbildern von Mike Tyson und Saddam Hussein – beide mit der Hand an der Nase.
Leider strapaziert "Lie to me" die Fähigkeit Lügen zu entlarven stellenweise zur Universalwaffe, mit der der Protagonist auch Alltagssituationen zu meistern versucht. Einige Szenen wirken zu bemüht, der moralische Anstrich, den sich die Serie gibt, ist etwas überambitioniert.
Dennoch: Vox hat mit "Lie to me" eine gute Wahl getroffen, denn der kuriose Ansatz, der auf den tatsächlichen, wissenschaftlichen Erkenntnissen des Wahrnehmungsforschers Paul Ekman beruht, und die schauspielerische Leistung von Tim Roth überwiegen die kleinen Schwächen der Serie. Vielleicht gewinnt der Sender mit dem Krimi-Format am Mittwochabend ein paar Quotenpunkte hinzu. Leicht wird es allerdings nicht, immerhin läuft in den nächsten Wochen die K.o.-Runde der Fußball-Championsleague auf Sat.1.
Vox zeigt ab heute die erste Staffel in 13 Folgen immer mittwochs um 21.15 Uhr.

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