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Vom Versagen der Lokalpresse

Viel ist die Rede von der Krise der Gattung Print im Allgemeinen und den Problemen von Tageszeitungen im Besonderen. Was passiert nun, wenn eine lokale Tageszeitung eine Skandalgeschichte vor der Haustür vorfindet? Sie ignoriert sie. Zumindest auf ihren Internetseiten. So geschehen bei den aktuellen Missbrauchsvorwürfen in der hessischen Odenwaldschule und der örtlichen Lokalzeitung. Die Geschichte mag ein Einzelfall sein, ist aber symptomatisch für den Zustand der Lokalpresse vielerorts.

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Viel ist die Rede von der Krise der Gattung Print im Allgemeinen und den Problemen von Tageszeitungen im Besonderen. Was passiert nun, wenn eine lokale Tageszeitung eine Skandalgeschichte vor der Haustür vorfindet? Sie ignoriert sie. Zumindest auf ihren Internetseiten. So geschehen bei den aktuellen Missbrauchsvorwürfen in der hessischen Odenwaldschule und der örtlichen Lokalzeitung. Die Geschichte mag ein Einzelfall sein, ist aber symptomatisch für den Zustand der Lokalpresse vielerorts. 
Gerade habe ich bei Spiegel Online einen Artikel über die neuerlichen Missbrauchsvorwürfe an der Odenwaldschule in Heppenheim gelesen. Schlimme Sachen stehen da drin. Das ganze ist mittlerweile ein großer Skandal in der nicht enden wollenden Reihe von Skandalen mit sexuellem Missbrauch an Bildungseinrichtungen, mal unter kirchlicher Leitung, mal nicht. Was mich an der Sache mit der Odenwaldschule aber auch persönlich aufregt und im Prinzip gar nichts mit dem eigentlichen Skandal zu tun hat, ist das Verhalten der Lokalpresse. Ich selbst habe bei der Odenwälder Zeitung volontiert. Das ist eine Lokalzeitung, die im hessischen Kreis Bergstraße erscheint, dessen Kreisstadt Heppenheim ist. Da ist also vor der Haustür ein handfester, riesiger Missbrauchsskandal am Laufen und ich steuere die Website meiner alten Lokalzeitung an, um zu sehen, was dort berichtet wird. Und das ist: nichts.

Unter der kryptischen Adresse www.wnoz.de (WN steht für das Schwesterblatt Weinheimer Nachrichten) lese ich unter "Topnews aus der Region": Galerie: die Hochsprunggala. Gleich darunter: "Weinheim – Joachim Arndt glänzt zweimal mit Gold". Darunter eine brandheiße Umfrage: "Wer wir die neue Apfelkönigin?" Ich klicke mit gezielt in die Lokalberichte zu Heppenheim, dem Schauplatz des Skandals. Was sind die Stories unter "Heppenheim": "Winzer eG verkauft fast zwei Millionen Liter Wein". Gleich darunter: "Die Mitglieder der Landsmannschaft Schlesien kamen in der "Waldschenke Fuhr" auf der Juhöhe zusammen, um einem verdienten Mitglied zu seinem 70. Geburtstag zu gratulieren." Ja, da sage noch einer, in der Region sei nix los.

Ich begebe mich ins Archiv, gebe in die Sucheingabe "Odenwaldschule" ein. Und erhalte null Treffer. Bei Google News erzielt die Eingabe "Odenwald Schule " hunderte Treffer, keiner ist von der Lokalzeitung. Spiegel Online, Focus Online, Stern.de, Welt Online, Hamburger Morgenpost, auch der gar nicht so ferne Mannheimer Morgen – alle berichten ausführlich über den Skandal. Eigentlich müsste die Homepage einer Lokal- und Regionalzeitung zugepflastert sein mit so einem Thema. Die Reporter und Redakteure müssten bei der Ehre gepackt sein, jetzt zu zeigen, dass sie die kompetenten Journalisten vor Ort sind. Eigentlich. Stattdessen gibt es 08/15 Agenturmaterial über die Oscar-Verleihung und lobhudlerische Vereinsmeierei. Als Slogan der Zeitung steht groß über der Website "Die Region ist unsere Welt". Schön wär’s.

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