Die Woche der Medien-Beschimpfung

Hat Heribert Prantl bei der WamS eine Formulierung geklaut? So wird es jedenfalls kolportiert. Bei näherem Hinsehen erweist sich der scheinbare Fall Prantolotl Roadkill aber als nicht skandalfähig. Für mehr Medien-Zoff musste man gar nicht mal auf den großen Krach zwischen Bunte und Stern schauen. Es gab auch so genug: die taz vs. Henri-Nannen-Jury, VZ-Chef Riedl vs. Facebook. Auf Schimpfe von Niggemeier über den Echo in der ARD wartet man aber vergebens. Grund: Er hat dort selbst mitgearbeitet.

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Hat den naheliegenden Witz mit Prantolotl Roadkill eigentlich schon einer gemacht? Man muss ja vorsichtig sein in diesen Tagen, sonst wird man gleich des Plagiats bezichtigt. Oder der Spitzelei. Oder der Kumpanei. In dieser Woche war mal wieder ein kollektives Draufhauen bei den Medien angesagt. Und dabe konnte man den aktuellen Dauerkrach zwischen Bunte und Stern wegen der Spitzelaffäre sogar außen vor lassen. Geschimpft wurde auch so genug. Willi Winkler von der Süddeutschen hat die Springer-Zeitung Die Welt als "krawallliberales Käseblatt" bezeichnet. Das hat man in Berlin sicher nicht so gerne gelesen. Und arbeitet seither daran, das personifizierte SZ-Gewissen Heribert Prantl als Plagiator zu enttarnen.
Der PDF-Newsletter ViSdP meldet ganz aufgeregt "Am Sonntag schrieb Robin Alexander in der Welt am Sonntag über die Geburtstagsparty von Heiner Geißler. Am Dienstag schrieb in der Süddeutschen Heribert Prantl etwas sehr, sehr Ähnliches." Es geht darum, dass der Philosoph Peter Sloterdijk bei Geißlers Geburtstags-Sause als eine Art Gaststar auftrat. Es folgen bei ViSdP einige Textpassagen aus Artikeln von WamS und SZ, die sich ähneln, dies aber vor allem deshalb, weil sie sich auf Zitate von Peter Sloterdijk beziehen. Der implizierte Abschreibe-Vorwurf wird vor allem daran festgemacht, dass Prantl, ebenso wie der WamS-Autor Sloterdijk als den "Westerwelle der Philosophen" bezeichnete.
Welt-Chefredakteur Jan-Eric Peters verbreitete das wortgleiche Wortspiel dann auch noch via Facebook. Und auch auf anderen Wegen fand die Kleinigkeit in die Medienredaktionen der Republik. Haben wir also hier einen Fall von Prantolotl Roadkill? Nö. Erstens ist es in diesen Tagen nicht so weit hergeholt, Irgendjemanden als den "Westerwelle der Irgendwas" zu bezeichnen. Und außerdem wurde auch der Welt-Chef von einem Facebook-Kommentator bereits darauf hingewiesen, dass der Vergleich Westerwelle gleich Sloterdijk bereits im vergangenen Jahr in den Blättern für deutsche und internationale Politik auftauchte. Der Westerwelle-Sloterdijk-Vergleich hat also eine lange publizistische Tradition und ist hiermit zur vielfältigen Wiederholung freigegeben.
Das Beispiel zeigt, wie empfindlich Medien darauf achten, dass bloß kein Konkurrent einen Stich macht oder stichelt. Zu beobachten ist dieses eher unwürdige Schauspiel einmal mehr im Vorfeld des Henri-Nannen-Preises. Da berichtet die taz darüber, dass die Jury-Mitglieder und Chefredakteure von Spiegel, Georg Mascolo, und Zeit, Giovanni di Lorenzo, nichts Besseres zu tun hatten, als Beiträge der eigenen Blätter flugs nachzunominieren. Das mag den Preisregeln entsprechen, hat aber ein gewisses Gschmäckle.
Unterdessen wurde von der Vorjury der Bild-Bericht über die Kundus-Geheimakte nachträglich für eine Nominierung empfohlen. Das ist jener Beitrag, der beim Medienpreis des Medium Magazins noch zu Gunsten eines SZ-Artikels zum selben Thema unbeachtet blieb. Wir erinnern uns: Bild-Chef Kai Diekmann dichtete daraufhin in einer Schmäh-Büttenrede der Medium-Jury eine imaginäre Gurke an die Nase. Bereits im vorigen Jahr gab es im Vorfeld des Henri-Nannen-Preis Jury-intern einige Irritationen, weil die Stern-Enthüllung über den Lidl-Spitzelskandal nicht als nominierungswürdig erachtet wurde. Eigentlich könnte man so etwas einfach aus der Welt schaffen: Jury-Mitglieder sollten über Beiträge eigener Medien nicht abstimmen dürfen, bzw. diese auch nicht nominieren dürfen. Aber der Ruhm der eigenen Blätter ist manchen dann halt doch eine Herzensangelegenheit. Mittlerweile sind die endgültigen Nominierungen für den Nannen-Preis da und siehe: Die Bild ist wieder nicht nominiert.
Gegenseitige Beschimpfungen und Verdächtigungen sind keineswegs nur eine Domäne der so genannten Holzmedien. Clemens Riedl, Chef von Holtzbrincks VZ-Netzwerken, hat den US-Konkurrenten Facebook bezichtigt, nur Erfolg zu haben, weil dieser den deutschen Datenschutz mit Füßen trete und massenhaft Mitglieder via Spam-Mails keule. Sorry, aber das klingt dann schon ein bisschen sehr nach beleidigter Leberwurst. Immerhin war Facebook von Konzept und Layout her das große Vorbild der VZ-Netzwerke. Dass das Original nun auch hierzulande Boden gut macht, bzw. die Kopie überholt, könnte ja schlicht und ergreifend auch am Produkt liegen.
Wer sich schon auf eine sprachgewaltige Kritik von Medienjournalist Stefan Niggemeier zur Echo-Verleihung in der ARD gefreut hatte, dürfte enttäuscht werden. Da würde es nämlich einen handfesten Interessenskonflikt geben. Niggemeier hat als Autor beim Echo mitgearbeitet und sich, wie er sagt, "um einige Texte gekümmert". Aber nicht um die der Moderatoren, versichert er. Gut so. Der Mann hat schließlich einen Ruf zu verlieren.

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