Stern vs. Bunte: Risiken und Nebenwirkungen

Die Spitzel-Enthüllungen des Stern über unseriöse Recherchemethoden einer von der Zeitschrift Bunte beauftragten Agentur von vergangener Woche beschäftigen nach wie vor die Medien-Branche. Die Stern-Geschichte hat eine unselige Dynamik in Gang gesetzt, bei der Medien gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen. Eine bis dato beispiellose öffentliche Selbst-Zerfleischung der Branche könnte die Folge sein. Am Ende, so steht zu befürchten, wird die ganze Medienbranche an Glaubwürdigkeit einbüßen.

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Die Spitzel-Enthüllungen des Stern über unseriöse Recherchemethoden einer von der Zeitschrift Bunte beauftragten Agentur von vergangener Woche beschäftigen nach wie vor die Medien-Branche. Die Stern-Geschichte hat eine unselige Dynamik in Gang gesetzt, bei der Medien gegenseitig mit dem Finger aufeinander zeigen. Eine bis dato beispiellose öffentliche Selbst-Zerfleischung der Branche könnte die Folge sein. Am Ende, so steht zu befürchten, wird die ganze Medienbranche an Glaubwürdigkeit einbüßen.
Die ersten Reaktionen des Hauses Burda auf die Stern-Veröffentlichung von vergangener Woche waren symptomatisch. Statt besonnen zu reagieren oder schuldbewusst die angeprangerten Stasi-Methoden zu verurteilen, wurde aus München die verbale Keule geschwungen und mit Klage gedroht. Der Stern wolle damit doch nur von der eigenen Erfolglosigkeit ablenken, hieß es. Burda-Vorstand Phillip Welte sprach gar vom "dümmlichen Blöken" der Hamburger Konkurrenz. So klingt keiner, der sich einer Schulddiskussion stellen würde. In einem aktuellen Interview in der Welt am Sonntag verteidigt Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel erneut ihre Methoden. "Journalismus fängt da an, wo die Pressekonferenz aufhört", sagte sie und klagt über Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn: "Er war nicht fair."

In diesem Satz liegt der Kern der aktuell zu beobachtenden Eskalation. Bei Bunte und Burda fühlen sie sich unfair behandelt. Der Stern hat mit seiner Veröffentlichung das Tabu gebrochen, wonach ein Medium nichts Negatives über ein anderes berichten sollte. Denn Leichen hat im Zweifel im Laufe der Jahre jeder in seinem Redaktionskeller liegen. Wahrscheinlich sogar der Stern. Ex-Bunte-Reporter und Klatsch-Ikone Michael Grater sagte den bemerkenswerten Satz: "Das ist das erste Mal, dass eine Krähe der anderen ein Auge aushackt." Ansonsten regt sich Graeter nur darüber auf, dass die Bunte solche Recherchen nicht selbst erledigt, sondern eine Agentur beauftragt hat. Er habe sowas früher immer alles selbst gemacht, brüstet sich Graeter stolz.

Es gibt da, so scheint es, ein grundlegendes Missverständnis zwischen zwei verschiedenen Generationen von Medienmachern. Hinter vorgehaltener Hand zuckt mancher gestandene Medienprofi angesichts der Stern-Geschichte mit den Achseln. "Na und, machen doch alle", ist das Credo. Andere, vor allem Jüngere, sind ehrlich entrüstet. Hier ist die herrschende Meinung: "So etwas darf man nicht, da wurde eine Grenze überschritten." Eine Diskussion darüber, was Medien dürfen und was nicht könnte ganz heilsam sein. Dass sie vor den Augen einer staunenden Öffentlichkeit nun aber mit einer gehörigen Portion Hysterie wird, kann der Branche insgesamt aber nicht gut tun. Die Gefahr droht, dass sich verschiedene Medien mit Enthüllungen über unsaubere Methoden der jeweils anderen gegenseitig überbieten.

Schon zeigt das Hamburger Abendblatt in seiner Medienkolumne mit dem Finger auf den Stern und schreibt entrüstet, der Stern-Informant wolle nur gegen Geld reden: "Eine Aufwandsentschädigung? Für das Beantworten von ein paar Fragen? Ein seltsamer Wunsch, der die Frage aufwirft, ob Walther für seine Informationen vom "Stern" bezahlt wurde." So seltsam ist der Wunsch des Informanten sicher nicht. Dass viele, gerade zwielichtige Figuren ihre Infos nur gegen Bares rausrücken ist in der Branche leider gang und gäbe. Es ist nicht die Frage, ob für Informationen gezahlt wird, sondern wieviel. Noch so ein Thema, über das normalerweise nicht geredet wird. In ihrer immer hektischer werdenden Suche nach Exklusiv-Informationen haben die Medien ihre eigene Branche entdeckt und beginnen nun eifrig, sich selbst zu zerfleischen.

Der Stern will in dieser Woche nochmal nachlegen und weitere Details der Spitzel-Affäre auspacken. Der Tabubruch, dass ein Medium seinen Konkurrenten anschwärzt, egal ob berechtigt oder nicht, hat eine Dynamik in Gang gesetzt, in der alle gegenseitig aufeinander los gehen könnten. Am Ende wird die Branche insgesamt an Glaubwürdigkeit eingebüßt haben. Ob verdient oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.

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