Marco Schreyl: Heizdecken gegen die Kälte

DSDS, das erfolgreichste deutsche Wettsingen ist auf der Zielgeraden. Mit an Bord: Der Thüringer Moderator Marco Schreyl. Kaum ein anderer Moderator polarisiert so hartnäckig, wie der Mann aus der Mitte Deutschlands. Kritiker messen ihm den Charme einer weitgehend distanzlosen Grinsebacke mit Lächel-Lähmung zu, die sich in der Show unsicher durch einen verkappten Autoritätskonflikt mit Dieter Bohlen, dem Übervater von DSDS, hangelt. Anderen hingegen sehen in ihm weit mehr als eine "Rampensau".

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Das Medienmagazin DWDL sieht „Marco S.“  in einer Liga mit Gottschalk (der „… latent an Größenwahn..“ leide) und prognostiziert einem Jauch oder Pflaume im Gegensatz zu Marco S. ein Scheitern in der potentiellen DSDS – Moderatoren – Rolle. Bekanntermaßen sind ja Prognosen dann besonders schwierig, wenn sie sich mit der Zukunft beschäftigen, dennoch: Der im DWDL-Beitrag bemühte Marco-Gottschalk-Jauch-Vergleich wirkt eher wie eine peinliche Mischung aus Welpenschutz und Pfeifen im Wald.
Man mag über Jauch und Gottschalk denken, wie man will: Sie haben über einen außerordentlich langen Zeitraum dauerhaft große Erfolge generiert. Auch wenn es hart klingen mag: Man tut niemandem wirklich einen Gefallen, wenn man ihn aus der „Matthias-Opdenhöfel-Liga“  auf das Spielfeld erwachsener Lebensleistungen anderer zerrt. Schon gar nicht übrigens, wenn man ihn dabei „Marco S.“ nennt, wie im Titel des Artikels: Jauch ist Jauch, Gottschalk ist Gottschalk, Kerner ist Kerner. Selbst Pilawa ist Pilawa, und Beckmann ist  Beckmann.
Nur Marco Schreyl ist… „Marco S.“.

Dass derartige Abkürzungen vordringlich innerhalb laufender Gerichtsverfahren mit dem Ziel genutzt werden, die wahre Identität Angeklagter zu schützen – Schwamm drüber! Dass Marco S. als „Gottschalk – Überholer“ in der Erwachsenen – Liga der Moderatoren den Autoren des Beitrags nur den Vornamen wert ist, verweist ungewollt auf die eigentliche Frage. Mit welchem Standing, welcher Souveränität „Marco S.“ in dünner Gipfelluft des Format-Erfolges als Moderator bei DSDS angekommen ist.

Immerhin hat Marco als Spengemann-Erbe seine Co-Moderatorin Tooske Ragas überlebt. Eine Frau, die als Moderatorinnen-Simulation so orientierungsarm im Nirwana der Show herummoderierte, dass einige Zuschauer über die individuelle Wiederbelebung alter Holländer-Wohnwagen-Bilder auf Autobahnen nachgedacht haben mochten.

Überwunden scheint inzwischen auch der legendärste Krisen-Moment von Marco: Damals, im Dezember 2005. Entscheidungsshow – die „Highlander-Situation“. Die verbliebenen Kandidaten warteten auf Weiterkommen oder Ausscheiden, und: Es kann nur einen geben. Die Protagonisten:
Kandidat Stephan Darnstaedt, sozial überforderter Schüler mit hartnäckiger Tendenz zu dünner Stimme und falschen Tönen. Mehrmals von Guru Bohlen und der Jury kritisiert und im Gewirr von Tränen, Traum und Tretminen trotzig vom Publikum in die jeweils nächste Runde gewählt. Sein Wettbewerber: Markus Derwall, Ersatzkandidat für den seinerzeit verhafteten Menowin Fröhlich,  (derzeit wieder in der aktuellen Staffel) und Neffe von Ex-Bundestrainer Jupp Derwall.

Nicht zuletzt: Marco und Tooske in den zentralen Steuerungsrollen des Entscheidungsdramas. Marco Schreyl hatte vom Notar die Abstimmungsergebnisse erhalten, verlas die Entscheidung der Zuschauer und gab dem Zauber des Augenblickes einen ganz persönlichen Reiz. Schreyl las die richtigen Namen vor – mit der falschen Entscheidung: Derwall weiter, Darnstaedt raus.
Tränen und Zusammenbrüche. Tooske tröstete Stephan wie einen jungen Hund, der von der Mutti weggerissen wurde und Suizidpläne schmiedete. Kurz, bevor Seelsorger oder Psychologen  gerufen werden mussten, dann die notarielle Korrektur: Fehler des Moderators. Derwall raus, Darnstaedt drin.
Wieder Tränen. Große Gefühle, ganz großes Kino: Tooske hatte Stephan umsonst getröstet. Der weinte weiter, mit derselben Energie, aber aus nun anderen Gründen, und Tooske musste wie im Streichelzoo ihren Umarmungen ein neues Motiv verpassen. Einen Monat später gab Darnstaedt auf, obwohl mit etwas strategischem Geschick und einer soliden Portion Selbstironie der Titel „Tränen lügen nicht“ als individueller Wettbewerbs-Song Erfolg für ein Weiterkommen hätte versprechen können.
Den Sturm der Entrüstung hat Schreyl überstanden. Auf der großen Bühne ist das Leben halt nicht billig. An Erfahrungen, wie jenen, wächst man. Oder man wird vorsichtig.

Die wirklich schwierigen Momente des Marco Schreyl sind leiser. Seine sichtbare Überforderung etwa, wenn die Jury einen vorsichtig beißgehemmten Ansatz von Kritik gegenüber Kandidaten äußert: „Dein Outfit ist toll, die Titelauswahl war nicht sooo glücklich, …aber es war, sagen wir mal……okay“.

Schreyl steht neben dem Kandidaten frontal zur Jury und hört zu. Sein Lächeln friert ein, der Blutdruck scheint zu steigen. Viel zu schnell kippt Schreyl ins realitätsferne Gegenteil, lächelt bemüht die Spannung weg und ermuntert fast ohne Überleitung euphorisch die Zuschauer, für den lauwarm abgewatschten Kandidaten anzurufen, falls man ihn weiter sehen wolle. Das wirkt angestrengt locker und hart an der Grenze zur Butterfahrt-Moderation: Heizdecken gegen die Kälte! Jeder spürt: Da wird ein Teil  der Wahrheit übersprungen, und: Ein Konfliktguru ist er nicht, der Marco.

Auch im Rahmen impulsgesteuerter Spontanumarmungen von Kandidaten fehlt Marco Schreyl manchmal Glaubwürdigkeit: Klar, es ist Fernsehen. Hier umarmt irgendwie irgendwann jeder jeden. Selbst die erbittertsten Konkurrenten in Casting-Formaten umarmen spontan nach ihrer Niederlage den Konkurrenten und freuen sich Löcher in die Bäuche über ihr „Aus“. Marcos Umarmungen sind nett gemeint. Nähe soll hergestellt und Halt gegeben werden. Ungeklärt bleibt allerdings die Frage, für wen genau: Es gibt sie, diese Momente, in denen die Idee auftaucht, eigentlich sei Marco derjenige, der Halt brauche.

DSDS als Format bildet die absolute Spitze der ersten Liga. Gerade deshalb ist es wirklich schwer, die Gestaltung von Moderationsrollen mit eigenem Charisma zu versehen. Marco Schreyl hat einmal gesagt, sein Job sei es, die Jury und die Kandidaten gut aussehen zu lassen.
Falsch. Moderatoren sind die „Herren des Verfahrens“. Bei DSDS ist der eigentliche Herr des Verfahrens Dieter Bohlen. Da werden Räume eng – nicht nur für Marco, sondern auch für die Jury – Kollegen. Die damit verbundene Kränkung schwingt bei „Marco S.“  stets leise mit. Gute Moderatoren sind authentisch, sehr gute unverwechselbar.
 
Um nicht falsch verstanden zu werden: Marco und seine Moderatoren – Rolle bei DSDS bilden keine Symbiose des Elends. Der Thüringer ist keine Wurst. Marco Schreyl ist in Ordnung – auch wenn er manches dafür tut, dass man dies nicht so schnell merkt. Er müsste es nur noch selbst glauben können.

„Marco S.“: Wahrscheinlich ist „Schreyl“ kein Super-Nachname. Aber unmelodischer als „Jauch“ ist er auch nicht. So gesehen: Lächeln allein genügt nicht, Marco:
 Schreyl, wenn Du kannst!

Christopher Lesko, 55, leitet in Falkensee zwei Beraternetzwerke, die Organisationen zu den Themen Führung, Change-Management und Organisationsentwicklung begleiten. Lesko ist Medienexperte. www.lesko.ch

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