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Zwegat: Der Mann, der aus der Krise kam

Überall geht das Geld aus: Beim Staat, bei den Firmen, bei den Leuten. Aber einer hilft: Peter Zwegat, der Pleite-Terminator von RTL taucht dort auf, wo alle Hoffnung verloren scheint. Beim 21-jährigen Handyverkäufer, beim überschuldeten Handwerker, beim fünffachen Vater, der arbeitslos auf die Minirente zusteuert. Zwegats Finanzdiagnosen sind geradezu schneidend humorlos und doch oft die letzte Rettung vor dem dauerhaften Ruin. Am Mittwoch hat RTL die neue Staffel gestartet – der Erfolg scheint garantiert.

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Woran liegt das? Ein Mann wie der Berliner Zwegat scheint wie geschaffen für die Krise und ihre Auswirkungen. Pedantisch, skeptisch. Immer auf der Hut vor den Ausflüchten und dem Selbstmitleid seiner Gegenüber und dennoch nicht ohne den unerlässlichen Funken menschlicher Wärme. Wenn sich der Schuldenberater zum spielenden Kind der vom Elend bedrohten Eltern beugt, so fällt buchstäblich ein Schatten über die naive Geschlossenheit des Kinderzimmers. Ein paar anteilnehmende Worte, und schon muss Zwegat wieder los wie ein Chefarzt bei der Stippvisite. Der Mann ist schließlich auf einer Mission, die Patienten sind zahlreich.
Der Versuch von RTL, mit der neuen Staffel die Bühne des Schuldenberaters zu erweitern, überzeugt dabei nicht. Zwegat ist kein Dozent fürs große Publikum, sondern ein schonungsloser Analytiker des Einzelfalls. Die Augen kalt und abschätzend, die Miene blass und reglos, tragen seine Lippen die Last der nonverbalen Kommunikation: Mal presst er sie bedenkentragend zum Strich zusammen, lässt sie ungläubig nach vorn schnellen oder stellt die Mundwinkel mal hoffend, mal zweifelnd auf oder ab, um dann pädagogisch mahnend langsam den Kopf zu schütteln, um so das Finale seiner Bestandsaufnahme einzuleiten: ein pastoraler Blick, der keine Worte mehr braucht.
Die Deutschlandkarte der Verschuldung, die zum Auftakt der neuen Staffel präsentiert wird, macht dagegen wenig Eindruck: Wen interessiert es schon, dass das strukturschwache Pirmasens weitaus mehr Zahlungsunfähige hat als das bayerische Eichstätt dank Fabriken wie Osram oder Audi? Am Ende ist die Geschichte der Überschuldung immer eine individuelle.
Auf dieser untersten, direkten Ebene funktioniert das Format mit Zwegat am besten, obwohl der eher als Karikatur eines Beraters daher kommt denn als seriöser Experte, und es funktioniert deshalb, weil "Raus aus den Schulden" eine Reise in den individuell gelebten Kapitalismus mit all den Verlockungen und Fallstricken ist, der Menschen in Geldangelegenheiten straucheln lässt. Die Sendung ist ein Sittengemälde der finanziellen Verwahrlosung, ein Apocalypse Now eines Lebens auf Pump, das zum nicht auszulöschenden Alptraum wird.
Zwegat ist der kühle Rechner, der die Misere taxiert und die Chancen berechnet, doch seine eigentliche Leistung liegt darin, nicht zu richten, den Schuldenopfern nicht zu nahe zu treten. Das haben andere längst erledigt: Kredithaie, Geldeintreiber, Banken, die hunderte Euros im Monat für Zins und Zinseszins in Rechnung stellen, ohne Aussicht, dass die eigentliche Schuld jemals getilgt wird. Zwegat ist der Messias am gekachelten Couchtisch, die letzte Hoffnung, und man merkt ihm an, dass er von den immergleichen Geschichten, die er zu hören bekommt, eher peinlich berührt ist. Seine Gegenüber sind es wohl auch, aber zu sehr damit beschäftigt, um den letzten Rest Selbstachtung zu kämpfen. "Raus aus den Schulden" liefert triste wie eindringliche Lehrstunden, aber eben deswegen auch immer wieder sehenswert.
Das RTL-Format ist in den Jahren der Krise und der Insolvenzen eine sehr deutsche Sendung, und man würde sich wünschen, hier mal Politiker vorgeführt zu bekommen, die ihre Einnahmen- und Ausgabenrechnung präsentieren. Aber Kommunen, Länder und die Republik können bekanntlich nicht pleite gehen, das bleibt überforderten Steuerzahlern überlassen.

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