Indy hisst die weiße Flagge für Lebedev

Die russische Invasion scheint unmittelbar bevor zu stehen. Die Angestellten der von ihnen Indy genannten englischen Zeitung Independent haben die weiße Flagge gehisst und den reduzierten Abfindungszahlungen zugestimmt, wie es der Investor verlangt hatte. Besser als gar keine. Von dem 150 Millionen-Euro-Loch in der Pensionskasse redet dabei keiner. Neuer Eigentümer wird vielleicht schon am Freitag der russische Milliardär Alexander Lebedev, der das verschuldete Qualitätsblatt womöglich für ein Pfund erwirbt.

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Die russische Invasion scheint unmittelbar bevor zu stehen. Die Angestellten der von ihnen Indy genannten englischen Zeitung Independent haben die weiße Flagge gehisst und den reduzierten Abfindungszahlungen zugestimmt, wie es der Investor verlangt hatte. Besser als gar keine. Von dem 150 Millionen-Euro-Loch in der Pensionskasse redet dabei keiner. Neuer Eigentümer wird allem Anschein nach der russische Milliardär Alexander Lebedev, der das verschuldete Qualitätsblatt womöglich für ein Pfund erwirbt.

Alexander Lebedev. Ex-KGB-Agent, russischer Oligarch, Besitzer des London Evening Standard und Teilzeit Society-Hase, war am Montag zusammen mit seinem Sohn Evgeny bei Premierminister Gordon Brown zu Besuch. Am ersten Arbeitstag, seit Brown in einem neuen Buch zu seiner Person des "Bullying" und cholerischer Wutausbrüche bezichtigt worden war. Der Bully und der Ex-Agent – die neue Bromcom wird bald erhältlich sein.  

Lebedev hat bis Freitag Zeit, um den Deal zur Übernahme des Independent unter Dach und Fach zu bringen. Als der einzige Verhandlungspartner für die Independent News & Media (INM) kann er ganz entspannt mit Brown über sein baldiges Nachrichten-Reich in Großbritannien plaudern. Hier die Fakten, die für einen schnellen und billigen Verkauf sprechen: Der Independent ist seit 15 Jahren unprofitabel und hat im letzten Jahr einen Einbruch bei den Werbeeinahmen von 30% verzeichnet. Die Schließung des Indy würde INM etwa 30 Mio. britische Pfund kosten, der Verkauf etwa 20 Mio.

Der größte Stolperstein bei den Verhandlungen ist der Druck-Vertrag mit Trinity Mirror, der ca. 19. Mio. Pfund wert ist. Sollte Lebedev den Indy übernehmen, wird er möglicherweise nach einem anderen Druckhaus suchen. Daher muss Trinity kompensiert werden, und das gilt natürlich auch, wenn der Indy zumachen würde. Zudem gibt es noch alte Büroräume, die leer stehen und bezahlt werden müssen. Angesichts dieser Lage ist es gut möglich, dass Lebedev den Independent wie schon den Evening Standard für den symbolischen Preis von einem Pfund übernehmen kann.

Blahblah – Verluste, Verträge, Verhandlungen. Was doch eigentlich viel mehr interessiert, ist dieser steinreiche Ex-Agent an sich. Wobei: So ein richtiger James Bond auf russisch war er eigentlich gar nicht. Auch wenn er in den späten 80ern in London für den KGB tätig war, beschäftigte er sich mehr als Meinungs-Sammler statt als Spion. Also eher Bild statt Bond. Las Zeitungen und berichtete über soziale, politische und generelle Trends. Daher auch sein exzellentes Englisch und Faible für Nachrichten.

Zu Geld kam er seit 1991 im Privatsektor in Russland, hauptsächlich durch seine Reserve National Bank, aber auch durch Anteile in Aeroflot und Gazprom. Forbes schätzte seinen Kontostand im letzten Jahr auf 600 Mio. US-Dollar, andere Quellen auf dreimal so viel. Söhnchen Evgeny, noch nicht mal 30, arbeitet Seite and Seite mit Papa (51) und scheint ein ähnlich glückliches Händchen fürs Geldverdienen zu haben.

In 2006 kaufte Papa Lebedev zusammen mit Michail Gorbatchov die russische Zeitung Novaya Gazeta. Das ist die einzige noch übrig gebliebene unabhängige nationale Zeitung dort, dessen Kreml-skeptischer Ton für deren Journalisten manchmal tödlich war. Unter den vier ermordeten Reportern war auch Anna Politkovskaya, die 2006 erschossen wurde.

Auch Lebedev selbst musste ein paar Mal um sein Leben fürchten. So wurde in 2009 von einer Quecksilbervergiftung berichtet, zudem wurde angeblich auf sein Auto geschossen. Der Grund sei Geld, so Lebedev, und nicht seine KGB-Vergangenheit oder politische Ambitionen als Putin-Gegner. In London stehen Vater und Sohn aber mit beiden Beinen im  glamourösen Leben. Künstler wie Anthony Gormley, Schauspieler Kevin Spacey und Aristokraten gehören zum Freundeskreis. Evgeny war mal mit Ex-Spice Girl Geri Halliwell liiert.

Mit soviel Geld, genug Anekdoten für Dinner Parties und berühmten Freunden bleibt nur noch die Frage: Was will der eigentlich mit diesen Pleitegeiern der britischen Print-Szene? Antwort: Journalismus und dessen hehre Standards vor dem Untergang retten. Außerdem liebt er London. Lebedev ist Philanthrop, Intellektueller mit sozialem Engagement. Er baute in St. Petersburg ein Krankenhaus für krebskranke Kinder und will noch eins bauen. Vater und Sohn engagieren sich stark für die Raisa Gorbatschova Foundation. Papa – Sohn von Intellektuellen – interessiert sich mehr für Kunst, Theater und Literatur als für Super-Yachten und Fussballvereine.

Auch wenn die russische Invasion des Nachrichtenmarktes mit viel Skepsis beobachtet wird, ist dieser Retter in der Not möglicherweise freundlicher im Umgang als unser eigener Prime Minister.

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