Die zwei Gesichter der Verlage

Zuerst gab es das Buhei um die geplante "Tagesschau"-App für das iPhone, jetzt ordentlich Remmidemmi wegen des Gutachtens des NDR-Rundfunkrats, das offenbar einen Freifahrtschein für den ungebremsten Ausbau von tagesschau.de darstellt. "Ein absolut unglaublicher Vorgang", tönte es prompt vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Doch wenn es darum geht, ein paar Euros bei der Videoproduktion zu sparen, sind BDZV-Mitglieder zu ARD und ZDF wieder ganz lieb.

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Zuerst gab es das Buhei um die geplante "Tagesschau"-App für das iPhone, jetzt ordentlich Remmidemmi wegen des Gutachtens des NDR-Rundfunkrats, das offenbar einen Freifahrtschein für den ungebremsten Ausbau von tagesschau.de darstellt. "Ein absolut unglaublicher Vorgang", tönte es prompt vom Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Doch wenn es darum geht, ein paar Euros bei der Videoproduktion zu sparen, sind BDZV-Mitglieder zu ARD und ZDF wieder ganz lieb.

Fast zeitgleich mit der Empörungswelle wegen des durchgesickerten Gutachtens vom NDR-Rundfunkrat bezüglich tagesschau.de verkündete der Berliner Tagesspiegel stolz eine Kooperation mit dem ARD-Sender RBB. "Tagesspiegel und RBB arbeiten seit vielen Jahren auf verschiedenen Ebenen gut und erfolgreich zusammen. Da liegt es nahe, dass die Lieblingszeitung und der Lieblingssender vieler Berlinerinnen und Berliner auch online kooperieren", jubilierte "Tagesspiegel"-Chefredakteur Lorenz Maroldt. Man hat sich plötzlich ganz doll lieb. Auch die notorisch sparwütige WAZ-Gruppe hat in Bezug auf ARD und ZDF zwei Gesichter. Online kooperiert die WAZ mit gleich drei öffentlich-rechtlichen Sendern: WDR, MDR und dem ZDF. Die nun bekannt gewordenen tagesschau.de-Pläne sind für WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus dagegen "der größtmögliche Super-Gau".

WAZ und Tagesspiegel sind nicht alleine. Der SWR liefert Videos für den Südkurier und die Badische Zeitung, das ZDF stattet das Web-Angebot der Zeit mit Bewegtbildern aus. Es muss schon eine gewisse Doppelmoral in den oberen Verlagsetagen herrschen, wenn man einerseits die große Kritik-Keule schwingt und andererseits mit den eben noch Geschmähten, bei nächster Gelegenheit in die Kiste hüpft. Aus Sicht der Öffentlich-Rechtlichen sind die Kooperationen jedenfalls eine prima Sache. ARD und ZDF nehmen damit auch berechtigter Kritik an ihrer uferlosen Expansion den Wind aus den Segeln und unterstreichen ihre Unverzichtbarkeit auch im Internet.

Es ist ein Armutszeugnis für Verlage, wenn sie nicht in der Lage sind, ein paar Mitarbeiter zu motivieren (oder in allerhöchster Not ein paar neue einzustellen) mit einer Kamera loszuziehen und mit dem Medium Video zu experimentieren. Moderne Klein-Kameras kosten nicht die Welt, ebenso die notwendige Software. Und die Video-Brosamen vom Tisch der öffentlich-rechtlichen Herren, gibt es schließlich auch nicht für umsonst. An Geldmangel kann es im Prinzip nicht liegen, höchstens an Einfallslosigkeit. Und wenn dann das eine oder andere Video-Projekt nicht gleich perfekt wäre oder gar scheitern würde: was soll’s? Dafür wird die eigene Medienmarke nicht verwässert und man lernt dazu. Stattdessen gibt es nun bei Websites von Zeitungen gebührenfinanzierte Einheitsware inklusive Sender-Logo in der Ecke. Da kann man auch gleich die entsprechenden Mediatheken der Sender ansteuern.

So richtig verstehen lässt sich die aktuelle Aufregung um das Gutachten des NDR-Rundfunkrates ohnehin kaum. Wer mal bei tagesschau.de vorbeisurft, wird schon jetzt kaum Unterschiede zu einem digitalen Nachrichten-Vollprogramm feststellen können. Zwar fehlt bei tagessschau.de ein Ressort mit bunten, vermischten Meldungen, wie bei Spiegel Online das "Panorama"-Ressort. Viel Buntes wird bei tagesschau.de aber dann einfach auf die Ressorts Inland, Ausland oder Wirtschaft verteilt. So finden sich dort beispielsweise auch Artikel zum Jubiläum der Coffee-Shops in Holland, der Verkauf der Abbey Road Studios oder "Malaria und Inzucht waren der Fluch des Pharao". Es geht um Tutanchamun.

Was könnte ein Online-Freifahrtschein da noch bringen? Ein tagessschau.de Wissensquiz? Bilder-Galerien? Dass tagesschau.de nur sendungsbezogene Inhalte bieten würde, ist schon heute reine Augenwischerei. Zwar finden sich unter den Beiträgen brav Links zu TV-Sendungen. Der Fundus an TV-Material ist aber gerade bei der ARD so riesig, dass sich quasi zu jedem Thema ohne Probleme ein Sendungsbezug herstellen lässt.

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