HDTV startet mit großen Verzögerungen

Wenn in Vancouver die Olympischen Spiele beginnen, starten ARD und ZDF die Ausstrahlung ihrer Programme in HD. Das neue Fernseh-Zeitalter läuft jedoch äußerst schleppend an. Vor allem im Kabel müssen sich viele noch Gedulden, bis sie ein brillantes Bild empfangen können. Zudem dürfte es noch etliche Monate dauern, bis alle Formate in hoher Auflösung produziert werden. Von einem flächendeckenden Start kann deshalb keine Rede sein. Ein MEEDIA-Überblick über Schein und Sein von HDTV.

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Das ist die neue Technik: HDTV steht für High Definition Television, ist per Definition also hochauflösendes Fernsehen. Dabei setzen sich die Bilder aus deutlich mehr einzelnen Bildpunkten zusammen als im bisher vorherrschenden PAL-Format. Das ist inzwischen mehr als 40 Jahre alt und hat sich technisch schlicht überholt. Die Bilder sind damit deutlich detailgetreuer. HDTV lohnt sich deshalb vor allem bei großen Fernsehern, die das PAL-Bild bisher oft arg grobkörnig zeigten.
Das kann die neue Technik: Die Qualität von Fernsehbildern wird unter anderem in der Anzahl der Zeilen gemessen, in die das Signal aufgeteilt wird. Während der veraltete PAL-Standard lediglich 576 Zeilen schreiben konnte, schreibt HD 720 oder gar 1080. Außerdem steigt die Frequenz, in der das übertragene Bild aktualisiert wird von 25 Mal im alten Standard auf mindestens 50 Mal pro Sekunde. Die Bilder kommen beim Zuschauer also mit einer größeren Detailtreue als auch befreit von Ruckelfehlern an.
Wichtig für den Technikkauf: Die Hersteller sowohl der HD-Fernseher als auch der dafür meist nötigen HD-Receiver für Kabel oder Satellit haben sich diverse Logos ausgedacht, um ihre Geräte bewerben zu können. Die häufig an Geräten prangenden "Full HD"-Logos etwa sagen nichts über die Leistungsfähigkeit des Displays aus sondern sind Marketing-Tricks der Hersteller. Wirklich ausschlaggebend ist die abbildbare Zeilenzahl (720p oder 1080p). Ob nun der niedrige Standard ausreicht oder der hohe und damit teurere nötig ist, hängt vom Zusammenspiel dieser Faktoren ab: der Größe des jeweiligen TV-Gerätes und der Entfernung zum Zuschauer.
Diese Sender machen mit: Bislang strahlen die Privatsender RTL, Vox, Sat.1, ProSieben, Kabel Eins sowie einige Spartensender wie Anixe ihre Kanäle auch in HD aus, jeweils auf zusätzlichen Kanälen zu ihren PAL-Programmen. Auch der Bezahlsender Sky liefert einige seiner Kino- und Sportprogramme in HD. Bei den Gebührenfinanzierten war Arte HD schon Anfang 2009 Vorreiter, jetzt haben sich nach ersten Tests auch DasErste HD, ZDF HD und EinsFestival HD im Regelbetrieb angeschlossen. Wann auch die Dritten oder Phoenix hoch auflösend produzieren, ist unklar.
Diese Formate sind dabei: Dass jetzt eine ganze Reihe an HD-Kanälen auf dem Markt sind, heißt noch lange nicht, dass auch wirklich alle Sendungen in hoher Auflösung ausgestrahlt werden. ARD und ZDF zeigen beispielsweise die Olympischen Winterspiele komplett in HD sowie einige Dokumentationen, Krimis und Filme. "Tagesschau" und "heute", aber auch "Tagesthemen" und das "heute-journal" sind noch nicht dabei. Auch nicht die Magazine wie "Weltspielgel", "Monitor" und "Frontal 21". Bei den Privatsendern ist das nicht anders.
Was beim Zuschauer in HD ankommen soll, muss nämlich auch mit einer moderneren Kamera- und Studiotechnik produziert werden als bisher. So, wie sich die Zuschauer neue Geräte anschaffen müssen, müssen das auch die Sender tun. Bei Nachrichten und Magazinen aber greifen sie häufig auf Zulieferer zurück, die noch nicht für HD ausgestattet sind. So sendet etwa "heute" weiter in schlechterer Qualität, obwohl das erst im vergangenen Herbst eingeweihte neue Studio bereits HD-fähig ist.
Anders sieht das bei Sportereignissen aus. Dort sorgen die Veranstalter dafür, dass alle Sender von den zentralen Kameras HD-Signale erhalten, um die Zuschauer mit brillanteren Bildern zu faszinieren. Das war schon bei der Fußball-EM und bei den Olympischen Sommerspielen vor zwei Jahren der Fall. Weil ARD und ZDF da noch nicht in HD ausstrahlten, wandelten sie die hoch auflösende Signale für das deutsche Publikum in PAL um.
Der Empfang über Satellit: Der Satellitenbetreiber SES Astra hat die Plattform HD+ gestartet. Wer mit einer Schüssel Hochauflösendes sehen will, die auf diesen Sender ausgerichtet ist, muss diese Technik nutzen. Für den Empfang braucht der Zuschauer einen HD-fähigen Sat-Receiver, der mit der Technik HD+ umgehen kann. Die Signale werden von Astra nämlich verschlüsselt übertragen. Die HD-Kanäle von ARD und ZDF sind auf dieser Plattform frei verfügbar. Wer die privaten hochauflösenden Programme sehen will, muss diese Kanäle hingegen freischalten.
Den HD-Plus-Receivern liegt stets eine entsprechende Smartcard bei. Mit ihnen ist der Empfang privater werbefinanzierter HD-Sender (RTL, Sat.1 & Co.) im ersten Jahr kostenfrei, da im Gerätepreis inklusive. Nach dem ersten Jahr muss der Kunde die Freischaltung allerdings verlängern. Das wird für ein weiteres Jahr zunächst 50 Euro kosten. Die Privatsender und der Plattformbetreiber Astra wollen mit diesem "Service-Entgelt" Kosten decken, die sie in HD-Technik investieren. Auch wenn Astra sagt, der Preis sei fix, kann sich diese Gebühr theoretisch jederzeit ändern. Die Verlängerung soll im Netz oder via Telefon möglich sein.
Der Empfang über Kabel: Hier sieht die Sache noch arg kompliziert aus. Zwar haben die Kabelnetzbetreiber eingewilligt, ARD und ZDF in hoher Auflösung ohne Mehrkosten einzuspeisen. Die privaten Kanäle sind bei ihnen vorerst aber die Ausnahme. Lediglich TeleColumbus und PrimaCom sind dabei, erste HD-Ableger privater Free-TV-Sender einzuspeisen.
Alle anderen Kabel-Anbieter zögern noch. Sie verhandeln mit den Sendern unter anderem noch über die Frage, welche Zusatzgebühren sie für die HD-Ausstrahlung verlangen dürfen. Außerdem stören sich einige daran, dass RTL unterbinden will, dass jemand HD-Programme aufzeichnet, dabei aber die Werbung überspringt. Technisch ist es durchaus möglich, das Aufzeichnen von HD-Signalen zu unterbinden. Das gefällt den Kabel-Netzbetreibern aber nicht, weil es deren Kunden verärgere.
Die meisten Kabelnetzbetreiber werden voraussichtlich in diesem Sommer eigene individuelle HD-Pakete schnüren, die ein paar Euro im Monat zusätzlich zum bisherigen Programm kosten werden. Wer diese Kanäle empfangen will, braucht ebenfalls einen digitalen Receiver, in diesem Fall fürs Kabel. Sie werden voraussichtlich bei neuen Kabelverträgen von den Betreibern dazugegeben, kosten sonst 100 Euro und mehr. Einige HD-Fernseher sind zudem bereits von Hause aus mit Receivern ausgestattet. Die Freischaltung funktioniert auch hier meist über eine Chipkarte.
Der Empfang über IPTV: Auch Anbieter wie die Telekom mit ihrem Produkt T-Home setzen auf HDTV. T-Home hatte als erste Plattform einige Sender in hoher Auflösung regulär übertragen, darunter die Fußball-Bundesliga, die bereits seit Jahren in HD produziert wird. Wer sein Fernsehsignal über das Internetprotokoll (IP) empfängt, hat zudem die Möglichkeit, Filme und Dokumentationen per Online-Videothek in hoher Auflösung abzurufen, meist gegen Gebühr.
Auch die Telekom wird zunächst nur die gebührenfinanzierten Sender in HD einspeisen und einige Partnerkanäle sowie Sky. Wie die Kabelbetreiber streitet sie derzeit noch mit den Gruppen RTL und ProSiebenSat.1 über Konditionen und technische Restriktionen bei einer Einspeisung. Wer bereits IPTV nutzt und einen HD-Fernseher besitzt, muss sich also ebenso noch ein wenig gedulden wie Zuschauer, die am TV-Kabel hängen.
Der Empfang über Antenne: Das digitale Satellitenfernsehen, das in Deutschland mit dem Standard DVB-T ausgestrahlt wird, ist zwar technisch in der Lage, hochauflösendes Fernsehen auszustrahlen. In Australien wird das bereits praktiziert. Hier ist das allerdings noch nicht geplant. Das Problem ist, dass das HD-Signal die sehr begrenzte Bandbreite auffrisst, anders als in Australien in Deutschland aber sehr viele frei empfangbare Kanäle über das digitale Antennenfernsehen verbreitet werden. Es könnten nur weniger Kanäle übertragen werden. Das will bisher niemand.

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