Wie die FAZ die Plagiats-Affäre kleinredet

Helene Hegemann, 17-jähriger Shootingstar der Literaturszene, hat Teile ihres viel gelobten Romans "Axolotl Roadkill" bei einem Blogger abgeschrieben. Statt sich in gewohnter Manier über die Urheberrechtsverletzung zu echauffieren, wird das Literatur-Skandälchen im Feuilleton der FAZ zur "webbasierten Intertextualität" umgeschwurbelt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, sonst beinhart in der Verteidigung des Urheberrechts, ist plötzlich geneigt beide Augen zuzudrücken.

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Das Verhältnis der FAZ zur digitalen Welt ist im Normalfall eher gespannt bis zerrüttet. Und das nicht erst seit Frank Schirrmachers Rundumschlag „Payback“. So prozessierte die FAZ etwa gegen die Betreiber der Perlentaucher-Website, weil die Zusammenfassung von Feuilleton-Artikeln ihre Urheberrechte verletzen würde. Die Liste der FAZ-Artikel, die sich über Blogs, unsauber recherchierende Blogger und Social Media generell beschweren, ist lang. Zumindest im Feuilleton.

Dass die Autorin des FAZ-Stücks „Originalität gibt es nicht – nur Echtheit“, Felicitas von Lovenberg, nicht die Autorin von „Axolotl Roadkill“ des Plagiats bezichtigt, sondern dem Internet selbst die Schuld gibt, ist da schon eine bemerkenswerte Volte. Der wahre Missetäter hinter Hegemanns Fauxpas ist nach Lesart von Frau von Lovenberg also das Internet selbst, denn: „Sich mehr oder weniger ungeniert bei anderen zu bedienen und das dann Inspiration zu nennen, ist die moderne Form der webbasierten Intertextualität.“ Alles klar?

Vielleicht, so hofft von Lovenberg an anderer Stelle in ihrem FAZ-Text, wird die „Rezeptionsgeschichte des Romans nun allerdings auch davon handeln, wie nahtlos der Übergang von Opfer zu Täter sein kann und so einen Reifeprozess gerade in jenem Bereich einläuten, wo bisher in Urheberrechtsfragen nur Chaos herrscht – im Internet." Da stört nur ein kleines Detail: „Axolotl Roadkill“ ist nicht im Internet erschienen, sondern im renommierten Ullstein Verlag. Und der dürfte Urheberrechtsfragen im Zweifel mindestens ebenso ernst nehmen wie sonst nur die FAZ.

Von Lovenberg schafft es sogar, die Begriffe Copyright, Remix und Plagiat so lange hin und her zu wenden, bis die Botschaft lautet: Hegemann hatte ein bisschen Pech beim Abschreiben, der Blogger Airen, aus dessen Roman Hegemann ganze Passagen abkupferte, ein bisschen Glück beim Kopiertwerden. Und die FAZ rechtfertigt so ganz nebenbei, „Axolotl Roadkill“ als den „großen Coming-of-age-Roman der Nullerjahre“ zu hypen.

Die „FAZ“-Autorin schreibt: „In der Zeit Googles ist es in der Tat schwierig, eigene Inspirationen von fremden zu unterscheiden – darauf basiert die ganze Idee der Social Media.“ Ein paar Zeilen weiter wird dann im selben Text das Gegenteil behauptet: „Die Netz-Gemeinschaft (kann sich) dank Textsuchmaschinen heute binnen kürzester Zeit einen ersten Überblick über Recherchequellen und mögliche unausgewiesene Zitate verschaffen.“ Der Leser darf es sich aussuchen.

Tags darauf, am Dienstag, legte die FAZ im Feuilleton nochmal nach. Diesmal bescheinigt Andreas Kilb der „klugen Dichterin Hegemann“ (O-Ton), das einzige, was sie versäumt habe, sei der Quellennachweis gewesen. Und überhaupt habe sich doch auch der Autor der Vorlage selbst bei allerlei literarischen Vorbildern bedient. Mit Zitaten von Benn bis Burroughs. Alles halb so wild, meint man zwischen den Zeilen herauszulesen. Den Unterschied zwischen Zitaten und dem Abschreiben ganzer Seiten, sollte doch gerade die FAZ kennen. Seltsam, dass ausgerechnet die Zeitung für kluge Köpfe, die sonst an vorderster Front steht, wenn es um die Verteidigung des Urheberrechts geht, geneigt zu sein scheint, in Sachen Copyright hier beide Augen zuzudrücken.

Von Lovenberg beschließt ihren Artikel übrigens mit der Einsicht, dass der Blogger Airen nach diesem Skandälchen vielleicht „einfach dankbar für die Aufmerksamkeit ist, die sein Roman jetzt findet“. Das wäre ein fast zu schönes Ende.

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