Schwieriger Umgang mit Pöbelkommentaren

Öffnen Leserkommentare neue Sichtweisen, oder halten sie die Redakteure vom Arbeiten ab? Nachdem das US-Blog Engadget die Kommentarfunktion Anfang der Woche wegen überhand nehmender Beschimpfungen sperrte, wird im Web über die Kommentarfunktion debattiert. MEEDIA fragte die Chefredakteure Rüdiger Ditz (Spiegel Online) und Jochen Wegner (Focus Online), wie sie mit den Meinungsäußerungen umgehen. Ditz plant derzeit eine "Erweiterung und qualitative Verbesserung" seiner Kommentarfunktion.

Anzeige

Rüdiger Ditz erklärt: "Ein stark frequentiertes Nachrichtenportal wie Spiegel Online zieht natürlich auch Teilnehmer und Beiträge an, die guten Gewissens unseren Lesern nicht zugemutet werden können – sei es, dass sie strafrechtlich relevant, themenfremd, geschmacklos oder einfach aus purer Lust an der Provokation entstanden sind."
Der Umgang mit Leserbeiträgen ist eine sensible Sache. Einerseits wollen die Macher natürlich modern und offen sein und ihre Leser mit einbeziehen. Allerdings wollen sie auch ihre Marke schützen. Kommentare wie bei Engadgets iPad-Berichterstattung wie "VAIOs suck, Macs rule" oder "Macs are gay" will niemand unter seinen Artikeln lesen. Um dem unflätigen Sound streitsüchtiger Leser vorzubeugen, trifft die Redaktion eine Auswahl, welche Kommentare veröffentlicht werden und welche nicht.
Zwar gibt es bei Spiegel Online keine – im Sinne von Blogs – klassische Kommentarfunktion, im Forum können Nutzer aber trotzdem über zahlreiche Artikel diskutieren. Diese Diskussionen werden von der Redaktion gesteuert: "Durch eine strikte Moderation bleibt von diesem unerwünschten Teil der Kommunikation eine Menge außen vor, was einen erheblichen Arbeitsaufwand darstellt, aber unerlässlich ist", so Ditz.
Auch das Konkurrenzportal Focus Online setzt auf ausgewählte Kommentare. Chefredakteur Jochen Wegner erklärte, dass man sich von von Anfang an – entgegen der allgemeinen Netzsitte – dafür entschieden habe, die meisten Kommentare vor der Veröffentlichung zu lesen. Daher "hatten wir auch nie ein Problem mit den wenigen Verhaltensauffälligen im Netz, die die vielen intelligenten Autoren von einer solchen Plattform vertreiben können", so Wegner. "Der Popularität unserer Kommentarfunktion scheint unser rigides Verfahren geholfen zu haben – wir liegen bei rund 100.000 Kommentaren pro Monat."
Bei Spiegel Online empfindet man die Meinungen der Leser als Bereicherung: "Nach wir vor ist jedoch die sehr große Mehrheit der Beiträge respektvoll, interessant und faktenreich, so dass wir auf diesen Bereich unserer Site nicht verzichten wollen. Im Gegenteil, wir planen derzeit Erweiterungen und qualitative Verbesserungen und komfortablere Lösungen für unsere User", sagte Ditz.
Das Problem mit pöbelnden Lesern ist so alt wie die Kommentarfunktion selbst. Scheinbar lässt die Anonymität im Web bei Vielen die Schranken guten Benehmens fallen. Wer sich die Kommentare unter den Engadget-Artikeln anschaut, wird verstehen, weshalb sich der Chefredakteur Joshua Topolsky dafür entschieden hat, die Kommentarfunktion zeitweise auszusetzen. 

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige