Ein Wechsel, der für alle Sinn macht

Personalwechsel über drei Ecken: Bernd Ziesemer geht bei Holtzbrinck und dockt bei Ganske an, weil Manfred Bissinger dort eine Position räumt und sich künftig auf beratende Tätigkeiten beschränkt. Der neue Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart kommt vom Spiegel und soll das kriselnde Wirtschaftsblatt in die Zukunft führen. Was auf den ersten Blick ein überraschendes Szenario scheint, ist nach der Analyse der Hintergründe logisch und macht Sinn - für die Betroffenen und für die Medienhäuser.

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Ein Personalwechsel über drei Ecken: Bernd Ziesemer geht bei Holtzbrinck und dockt bei Ganske an, weil Manfred Bissinger dort eine Position räumt und sich altersbedingt künftig auf beratende Tätigkeiten beschränkt. Der neue Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart kommt vom Spiegel und soll das kriselnde Wirtschaftsblatt in die Zukunft führen. Was auf den ersten Blick ein überraschendes Szenario scheint, ist nach der Analyse der Hintergründe logisch und macht Sinn – für die Betroffenen und für die Medienhäuser.
"Neulich bin ich mit dem Zug nach Stuttgart gefahren, um den Verleger Dieter von Holtzbrinck zu besuchen. Wir haben über Wirtschaft und Politik gesprochen. Und über das Zeitungmachen im Zeitalter des Internets. Er hat mich gebeten, als Chefredakteur die Führung der „Handelsblatt“-Redaktion zu übernehmen. Das ist Ehre und Herausforderung zugleich." So elegisch und doch nüchtern beschreibt Gabor Steingart, Noch-Spiegel-Korrespondent in Washington, in seinem neuen Blog die Abfolge der Ereignisse, die am Mittwochmorgen zur Breaking News in der Verlagsbranche wurden.
Der 47-Jährige nennt die redaktionelle Wende bei der Zeit, die ebenfalls bei Holtzbrinck erscheint, als sein Vorbild und seinen Ansporn. Und er gibt schon jetzt die Richtung vor: "Die heutige Zeit ist ökonomisch schwierig, aber publizistisch reizvoll: Noch nie haben sich mehr Menschen für das Abenteuer Wirtschaft interessiert als heute. Die Exportnation Deutschland steht im Zentrum der globalen Verschiebung von Macht und Wohlstand, die unsere Epoche prägt. In der Biomedizin und in der Kommunikationstechnologie erleben wir eine zweite industrielle Revolution. Es gibt viel zu erklären und viel zu erzählen."
Wer diese Zeilen liest, ahnt, mit welchem Selbstbewusstsein und Anspruch Steingart sich der neuen Aufgabe nähert. Es kann, es soll, es muss nach oben gehen. Stagnation ist keine Option. Dies ist angesichts des überaus schwierigen Umfelds der Wirtschaftsmedien generell durchaus ein Statement. Nicht von ungefähr zitiert der Journalist in diesem Zusammenhang das Motto seines Schulleiters an der Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten: "Qualität kommt von Quälen." Auch dies ist eine Ansage, an künftige Kollegen und Mitarbeiter und natürlich auch an sich selbst.
Gabor Steingart gehört wie Amtsvorgänger Bernd Ziesemer zu den profiliertesten Journalisten der Republik. Beim Spiegel, wo die glänzende Schreibe bei den renommierten Autoren selbstverständlich ist, gilt er zudem als besonders zielstrebig und konsequent. Und als besonders machtbewusst. Diese Kombination von Qualitäten und Charaktermerkmalen dürfte ihm auf dem Chefposten des Handelsblatts zupass kommen und könnte am Ende den Ausschlag für das Angebot Dieter von Holtzbrincks gegeben haben.
Dass ihm auch der besondere Einfluss der Leitmedien auf Politik und Öffentlichkeit aus erster Hand bekannt sind, gehört dazu. In einem FAZ-Interview 2007 erinnerte sich Steingart an eine Begegnung mit Gerhard Schröder in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes 1998. Der SPD-Kanzlerkandidat sei in kleiner Runde gleich zur Sache gekommen: "Der Spiegel möge ihm beistehen, sonst sei der Kohl nicht zu packen." Schröder bekam die Titelgeschichte vor der Wahl, und zwar eine, die bemerkenswert positiv ausfiel. Ob der Spiegel dem Hilferuf folgte oder ob das Thema auch sonst so freundlich abgehandelt worden wäre, ist eine Frage für Historiker. Schröder gewann die Wahl, und Steingart hatte eine Lektion gelernt.
Die Geschichte von Bernd Ziesemer geht anders. Im Gegensatz zu dem jüngeren Mann vom Spiegel, der jetzt seine erste Chefredaktion übernimmt, steht der 56-Jährige bereits seit acht Jahren an der Spitze von Deutschlands renommiertester Wirtschaftszeitung. Ein Qualitätsjournalist erster Güte, einer, der zuletzt immer wieder und immer öfter die Stimme erhob, wenn es um die Grenzen des Sparens ging. Der sich "ernsthafte Sorgen" um seinen Berufsstand macht. Der Kollegen rät, man dürfe beim Sparen alles opfern, aber "nie den Kopf". Der Handelsblatt-Relaunch und die Schrumpfkur zum Tabloid war seine Sache nicht. Dass er diesen gemeinsam mit dem Online-Chefredakteur als wegweisende Innovation preisen musste, dürfte Bernd Ziesemer endgültig überzeugt haben, dass auch für ihn, der 25 Berufsjahre bei Holtzbrinck verbracht hatte, ein Wechsel ansteht.
Wer seine Ansprache bei der Auszeichnung des Mediummagazins zum "Chefredakteur des Jahres 2009" im Januar hörte, erlebte eine große Rede eines Moralisten, dessen Fokus sich in entscheidenden Punkten von denen vieler Verlagsmanager abhebt. In Berlin gab es dafür anhaltenden Applaus. Jetzt wird klar, dass es auch eine Abschiedsrede war und dass Bernd Ziesemer nicht zufällig neben Nikolaus Brender und Sergej Lochthofen ausgezeichnet wurde: Für alle drei geht es im Medienbusiness auf der angestammten Position nicht weiter, wohl auch, weil alle drei zum Paradigmenwechsel nicht bereit waren.
Und er provozierte zudem mit Statements, die ausgerechnet in Holtzbrincks Wochentitel Zeit nachzulesen waren. Weil es angesichts der Umstände so aussagekräftig ist, hier die ausführliche Passage im Zeit-Dossier vom 26. November 2009 im Wortlaut:
"…Bernd Ziesemer, der Chefredakteur der Wirtschaftszeitung Handelsblatt, die inzwischen zur Dieter von Holtzbrinck Medien GmbH gehört, wie auch die Hälfte der ZEIT (die andere Hälfte gehört nach wie vor zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck), kann sich sogar richtig aufregen. Er denkt daran, was in früheren Jahren all die Berater und Verlagsmanager von ihm verlangt haben: Auch er wollte nicht unmodern sein, nicht sperrig. Doch jetzt sei ein Punkt erreicht, an dem man sich wehren müsse, sagt Ziesemer in seinem Büro in Düsseldorf.
 
Wenn die Controller des defizitären Handelsblatts durch die Bilanzen gingen, wollten sie von Ziesemer wissen: Muss das sein? 18 Korrespondenten? Und Ziesemer antwortete ihnen: Ja, in einer global verflochtenen Wirtschaft muss das sein. Man könne, sagt er, den Fall Opel aufschreiben, indem man zu Pressekonferenzen mit der Bundesregierung gehe. Um wirklich etwas herauszufinden, müsse man aber auch in Amerika recherchieren, in Italien, in Russland. Und wenn einer über Josef Ackermann schreiben solle, müsse es ihm vom Arbeitgeber möglich gemacht werden, "eine bürgerliche Existenz zu führen. Er muss Gegenwind aushalten können."
Unter Verlagsmanagern, sagt er, gebe es aber die weitverbreitete Vorstellung, Journalismus sei, jemandem ein Mikrofon hinzuhalten und seine Sätze abzuschreiben. Dabei sei nichts schwieriger, als exklusive Meldungen über Unternehmen zu recherchieren, Meldungen, die das Unternehmen nicht in der Zeitung lesen will.
Den Rest gegeben habe ihm dieses Meeting mit einer Beraterfirma, die eine Strategie für die Verlagsgruppe Handelsblatt entwerfen wollte. Da warfen Mittdreißiger PowerPoint-Präsentationen an die Wand, deren Kernvorschlag es war, die Redaktion mit der Anzeigenabteilung zu verzahnen. Ziesemer kann es immer noch nicht fassen. "Die hätten wenigstens mal das Pressegesetz lesen können." Selbst sein Anzeigenleiter war erschüttert.
Weil es schon so lange in ihm gärte, hat Ziesemer im Frühjahr diese Rede gehalten, auf dem Kölner Tag für Wirtschaftsjournalismus. "Wir sind dabei, unseren Berufsstolz zu verlieren", rief er den versammelten Journalisten zu. "In den Verlagen haben oft kulturelle Analphabeten das Sagen, die schon lange keine Zeitung mehr lesen, aber sich berufen fühlen, uns Journalisten zu erklären, wie man eine Zeitung macht. Sie behandeln uns wie die Bandarbeiter der Lückenfüllproduktion zwischen den Anzeigen. In solche Hände dürfen wir uns nicht begeben!"
Zitatende. Es wäre unangemessen und falsch zu bilanzieren, dass Bernd Ziesemer als Handelsblatt-Chefredakteur am Ende gescheitert wäre. Aber es fragt sich, ob der Bewahrer der großen Tradition der Zeitung auch der Richtige für die Zukunft gewesen wäre. Redaktionskosten, die Verzahnung der Print- und Online-Aktivitäten, die Weiterentwicklung und kreative Nutzung des neuen Tabloid-Formats – all das sind Aufgaben, die andere Tugenden erfordern als die eines über alle Zweifel erhabenen Journalisten. Qualität hat ihren Preis, die Realität auch. In der Gesamtbetrachtung eröffnet die Neubesetzung der Chefredaktion mit dem vorausblickenden Mann vom Spiegel mehr Möglichkeiten, als dass sie für Holtzbrinck Risiken birgt.
Bei dieser Konstellation war es ein glücklicher Umstand, dass bei der Hamburger Ganske-Gruppe ein großer Journalist aus dem operativen Geschäft ins Beraterfach wechselt. Der von den vergangenen Monaten zermürbte und womöglich amtsmüde Handelsblatt-Chefredakteur dürfte nicht gezögert haben, als man ihm einen neuen Job in Hamburg anbot. Die Position von Manfred Bissinger scheint wie geschaffen für Bernd Ziesemer. Im Corporate Publishing wurde hier stets Kostendisziplin gehalten. Der Neue kann und darf sich zuallererst der Qualität widmen und das Portfolio der Premium-Kunden mit erstklassigen Magazinen bedienen. Für Ganske ist Ziesemer mit seinem umfangreichen Netzwerk innerhalb der Branche wie bei großen Unternehmen eine interessante Verstärkung.
Unter Garbor Steingart, für den die "Herausforderung" Handelsblatt erst beginnt, "wenn der Winter sich aus Deutschland verzogen hat", dürfte die Wirtschaftszeitung politischer werden und wohl auch eine modernere Redaktionsstruktur erhalten. Maßstab wird aber auch dann die Auflagenentwicklung sein. Da die Zahlen nach Einführung des Tabloid-Formats Anfang November durchwachsen sind, gilt für den neuen Chef: Weiterer Relaunch nicht ausgeschlossen.

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