„Häufig nur durchschnittlicher Journalismus“

Mit Qualitätsjournalismus kennt er sich aus, denn schließlich erforscht Volker Lilienthal diesen an der Universität Hamburg. Im MEEDIA-Interview beklagt der Professor, dass es "häufig nur durchschnittlichen Journalismus" gebe. Das kommende Medienjahr sieht er als "Nagelprobe, ob einige deutsche Verlage ihr Paid-Content-Modell für Onlinejournalismus durchsetzen können". Am Schicksal von ProSiebenSat.1 werde sich zeigen, "welche Rolle privater Rundfunk überhaupt noch spielen kann".

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Volker Lilienthal, 1959 in Minden/Westfalen geboren, hat vor mehr als einem halben Jahr die Rudolf-Augstein-Professur für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg übernommen. Zuvor arbeitet er als Verantwortlicher Medien-Redakteur beim Evangelischen Pressedienst (epd). Lilienthal machte auf sich aufmerksam, als er im Juni 2005 seine dreijährige Recherche über den Schleichwerbe-Skandal des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, den sogenannten Marienhof-Skandal, veröffentlichte. Er wurde für seine journalistische Arbeit mehrfach ausgezeichnet, unter anderem im Jahr 2005 als Reporter des Jahres und als Fachjournalist des Jahres.

Durch die Rudolf-Augstein-Professur sind Sie nun Fachmann für Qualitätsjournalismus.
Ich hoffe, dass ich das schon vorher als praktizierender Journalist war, als einer, der als Fachjournalist den Medien immer wieder auf die Finger geschaut sowie nach Qualität geforscht hat. Der sich gemeldet hat, wenn er glaubte, es gibt dort keine Qualität. Ich habe mich mit meinen epd-Kollegen zusammen immer bemüht, auf hochqualitative Weise Medienbeobachtung zu betreiben. Insofern ist mir Qualitätsjournalismus nicht ganz fremd.

Gibt es denn Journalismus, der keine Qualität besitzt?
Aus der Nutzerperspektive kann man eigentlich sagen "Qualitätsjournalismus, was soll denn das sein? Kann ich nicht als Leser, Hörer, Zuschauer  von jeglicher Art von Journalismus erwarten, dass er qualitativ ist?" Ich denke, das ist ein legitimer Anspruch. Aber die Wirklichkeit zeigt, dass es nicht immer gleich schlechten, aber doch häufig nur durchschnittlichen Journalismus gibt.

Was ist durchschnittlicher Journalismus? 
Das ist ein Journalismus, der zwar bestimmte Formaldefinitionen erfüllt, wie beispielsweise Aktualität und Sachlichkeit, der aber sozusagen nicht das im Journalismus schlummernde Potenzial ausspielt. Wenn man jetzt den durchschnittlichen Journalismus vom Qualitätsjournalismus unterscheidet, dann sollte man vom Journalismus mehr erwarten, als wir üblicherweise von den Medien bekommen.

Was gehört zum Qualitätsjournalismus dazu?
Zum Qualitätsjournalismus gehört für mich schon auch noch das Element, dass er mir bei meiner Lebensbewältigung hilft, und das wiederum bedeutet, dass er mich hinweist auf unterbeleuchtete, wichtige Felder in der Gesellschaft, auf die ich in meinem Leben achten muss. Qualitätsjournalismus hat insofern ein gewisses Reflexionsniveau, er interpretiert Wirklichkeit auch und reportiert nicht nur das, was man irgendwo vorgefunden hat, ohne es in einen Sinnzusammenhang zu stellen. Qualitätsjournalismus entsteht durch sehr gute Sprache und ebenfalls sehr gute Recherche. Wenn beides geleistet wird, dann entsteht ein Mehr, ein Surplus, ein besserer Journalismus, der Wirklichkeit eben auch interpretiert und uns allen beim Wirklichkeitsverständnis hilft.

Welche Elemente gehören noch dazu?
Qualitätsjournalismus beginnt natürlich schon bei sehr basalen Übungen eines jeden Journalisten: bei möglichst vollständiger Nachrichtengebung, beim vorurteilsfreien Zugehen auf die Wirklichkeit, bei neutraler, nicht tendenziöser Darstellung widerstreitender Positionen, bei einer Vermittlungsweise, die es dem Leser ermöglicht, aktuelle Entwicklungen verstehend nachzuvollziehen. Bei der heutigen Lage in vielen Redaktionen ist das alles keine Selbstverständlichkeit mehr.

Gibt es denn Ihrer Meinung nach ein Medium, dass das Aushängeschild für Qualitätsjournalismus ist?
Ich würde da jetzt nicht gern eines hervorheben, aber natürlich ist Die Zeit eine exzellente Wochenzeitung und die Süddeutsche Zeitung eine exzellente Tageszeitung und Der Spiegel ein exzellentes Nachrichtenmagazin. Aber ich glaube nicht, dass Qualitätsjournalismus  nur in Hamburger Elitemedien realisiert wird, sondern dass es eine Querschnittsaufgabe ist, die im Grunde von allen Medien zu erwarten ist – vom Online-Medium, vom Fernsehsender und von der lokalen Tageszeitung.

Was ist Ihr besonderes Anliegen in Ihrer neuen Position?
Mein besonderes Anliegen ist, diesen Qualitätsjournalismus hier in der Lehre zu vermitteln und den Studierenden die Motivation nahezubringen, warum gerade dieser Beruf besonderen Spaß macht, warum er sich jenseits des Pekuniären lohnt, warum die Gesellschaft ihn braucht. Das basale Handwerk des Journalismus ist ja schon anspruchsvoll genug. Aber hier im Masterstudiengang wollen wir noch einen Schritt weitergehen und die besonderen Leistungen von Journalismus kennenlernen und auch in praktisch-orientierter Ausbildung erfahrbar machen. Ich glaube, das kann Lust vermitteln, wenn ich als Studierender durchdringe zu einem wirklich faszinierenden Artikel.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Wir versuchen im Moment den Onlinejournalismus in die Ausbildung zu implementieren und haben uns dem Monothema "Vielfalt der Medienstadt Hamburg" angenommen. Dabei sollen ausgewählte Medienunternehmen vorgestellt werden, und zwar mittels der Formenvielfalt von Onlinejournalismus. Das probieren die Studierenden praktisch in dieser Online-Redaktion aus, weil einerseits Onlinejournalismus für den schnell-orientierten und interessierten Leser einen Kurzbericht liefern kann und dann aber in die Tiefe staffeln kann mit weiteren Dokumenten, Podcasts, Videos. Diese mögliche Tiefenstaffelung zeigt ja auch die besondere Dimension von Online-Qualitätsjournalismus. Das in so einem Projektseminar zu erfahren, ist, so glaube ich, motivierend für die Studierenden.

Nun wird die Professur von der Augstein-Stiftung finanziert. Sind Sie in Ihren Forschungsvorhaben eingeschränkt?
Ich bekomme das Geld nicht von der Augstein-Stiftung, sondern die Stiftung hat der Uni Hamburg das Geld zugesprochen, um eine solche Professur einzurichten. Über dieses Geld kann die Uni im Sinne von Freiheit und Forschung verfügen. Daher bin ich nicht beschränkt in meinen Forschungsvorhaben.

Was sieht der Augstein-Professor anders als der Medienjournalist?
Das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, der Augstein-Professor lernt jetzt die Uni von innen kennen, wie viel Gremienarbeit nötig ist und wie wenig Zeit für inhaltliche Arbeit bleibt, für die Forschung und die Betreuung von Studierenden. Das hat sich der Medienjournalist so nicht  vorgestellt, aber das gehört vielleicht zum Umgewöhnungsprozess, dass man das erst kennenlernen muss.

Gibt es denn auch etwas, was Sie vermissen, beispielsweise das journalistische Schreiben?
Ich schreibe ja hin und wieder noch, aber die Zeit dafür ist sehr knapp geworden.

Sie waren ja selbst mal Journalistik-Student, allerdings an der Uni Dortmund. Wie würden Sie die jetzige Studierenden-Generation beschreiben?
Ich würde sie als gut ausgebildet beschreiben, weil unsere Absolventen ja schon einen Bachelor sowie große Motivation und gute Kenntnisse mitbringen. Die können schon einiges. Was stärker sein könnte, ist das Augenmerk dafür, wie wichtig Sprache als Vermittlungsmedium ist, also dass man selber an seinem eigenem sprachlichen Ausdruck ständig feilen muss. Und dann gibt es ein wesentlich neues Element: Die Studierenden wissen notwendigerweise, wie schlecht ihre Berufsaussichten sind. Davon geht eine kolossale Demotivation aus. Man bekommt Selbstzweifel, ob es überhaupt der richtige Beruf ist.

Wie äußert sich das?
In der verstärkten Nachfrage nach Rat, wie man an ein Praktikum oder Volontariat kommt, wie man mit Redakteuren umgehen soll. Der Medienbetrieb heute signalisiert den Berufsanfängern: "Wir haben auf dich nicht gerade gewartet". Das ist die Demotivation und das finde ich bedauerlich. Darauf muss ich mich in meiner Lehre auch einstellen. Wir können die Wirklichkeit in den Medien nicht schöner malen, als sie ist, aber wir als Dozenten können versuchen, eine Leidenschaft für diesen Beruf zu vermitteln, warum es sich schon noch lohnt, Journalist zu werden, so wie ich es in meiner Antrittsvorlesung gesagt habe. Wir müssen diese Leidenschaft irgendwie glaubhaft machen, auch durch das gelebte Beispiel eines Dozenten der aus der Praxis kommt.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Was passiert im Medienjahr 2010?
Einige Zeitungen werden wieder schwer zu kämpfen haben, was ihr Fortbestehen angeht, denn nicht nur die Werbung bleibt mau, sondern die Abonnenten gehen ja auch verloren und kommen nicht zurück. Die Nagelprobe wird sein, ob einige deutsche Verlage ihr Paid-Content-Modell für Onlinejournalismus durchsetzen können, was ich hoffen will. Aber da bleibe ich skeptisch, weil wir so verwöhnt sind davon, dass im Internet alles kostenlos ist. Das Publikum muss bereit sein, auch für Onlinejournalismus zu zahlen. Das wird ein Hauptkampfplatz sein. Dann gibt es die große Krise von ProSiebenSat.1. An ihrem Schicksal wird sich zeigen, welche Rolle privater Rundfunk überhaupt noch spielen kann. Und wir werden ja die ersten legalen Product Placements erleben. Das hat der Gesetzgeber bedauerlicherweise zugelassen. Dann noch der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Diskussion um ein neues Gebührenmodell. Bleibt es bei der Geräteabgabe oder gibt es eine neue Kopfabgabe?

Auf was freuen Sie sich denn persönlich in diesem Medienjahr?
Nach langer Zeit bin ich mal wieder in der Grimme-Jury. Das heißt, dass ich in der ersten Februarwoche mit Kollegen von morgens bis abends Fernsehen darf. Das schlaucht zwar, macht aber auch enorm viel Spaß.

Können Sie als Fernsehkritiker überhaupt noch entspannt Fernseh schauen?
Sie werden lachen, aber ich amüsiere mich gerne mal unter meinem Niveau. Irgendwann habe ich nach meiner Recherche zu dem "Marienhof"-Skandal aufgehört, Product Placements zu zählen. Es gibt auch Placements, die sind nicht so dramatisch. Die sind dann sozusagen unter meiner journalistischen Aufgreifschwelle.

Schalten Sie denn manchmal denn noch bei "Marienhof" ein?
Nein, das guck ich bestimmt nicht mehr. Damit habe ich unmittelbar aufgehört, als meine Story veröffentlicht wurde. Das Kapitel ist abgeschlossen.

>> Video zur Antrittsvorlesung von Professor Dr. Volker Lilienthal am 10. Dezember 2009 "Kritik und Verantwortung – Zur journalistischen Haltungsgeschichte nebst einiger subjektiver Exkurse"

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