TV-Trash ist die neue Leitkultur

Mit dem Privat-TV im Allgemeinen und mit RTL im Besonderen ist das so eine Sache. Einerseits gibt es einen offensichtlichen Abbau an Schamgefühl und Niveau (Kunstfurzer beim "Super Talent", bepinkelte Hose bei "DSDS"). Andererseits schafft der Marktführer RTL eine Traumquote nach der nächsten. Sollte man von RTL fordern, dass der Sender weniger Trash-Unterhaltung anbietet? Oder muss man dem Sender applaudieren für das perfekte Bedienen des Massengeschmacks? Ein Dilemma.

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Mit dem Privat-TV im Allgemeinen und mit RTL im Besonderen ist das so eine Sache. Einerseits gibt es einen offensichtlichen Abbau an Schamgefühl und Niveau (Kunstfurzer beim "Super Talent", bepinkelte Hose bei "DSDS"). Andererseits schafft der Marktführer RTL eine Traumquote nach der nächsten. Sollte man von RTL fordern, dass der Sender weniger Trash-Unterhaltung anbietet? Oder muss man dem Sender applaudieren für das perfekte Bedienen des Massengeschmacks? Ein Dilemma.

Man kann das Dilemma mit dem Privatfernsehen gut am Beispiel von RTL durchexerzieren. RTL ist der erfolgreichste Privatsender in Deutschland in so ziemlich jeder Beziehung. RTL ist auch der Sender, der inhaltlich und programmtechnisch das Kommerzfernsehen bis ins letzte Detail perfektioniert hat. Was ist das Erfolgsrezept von RTL? Erklärungsversuche:




1. Trends werden frühzeitig erkannt

Egal ob "Wer wird Millionär?" oder "Rach der Restauranttester". Wenn es international ein viel versprechendes neues TV-Format gibt, greift RTL in der Regel zuerst zu. Bei "Wer wird Millionär?" setzte sich der Sender an die Spitze der mittlerweile wieder abgekühlten Quiz-Manie. Mit "Bauer sucht Frau" hat man die Adaption der englischen Produktion "Farmer wants a wife" in Deutschland zum Über-Hit gemacht. Mit "Rach" hat der Sender "Ramsay’s Kitchen Nightmares", ebenfalls ein englisches Format, erfolgreich umgesetzt. Von den Quoten-Dauerbrennern "Deutschland sucht den Superstar" (im Original "Pop Idol", bzw. "American Idol"), "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" ("I’m a Celebrity, get me out of here!") und jüngst "Das Super-Talent" ("America’s got Talent") gar nicht zu reden. Die Konkurrenz hat meistens das Nachsehen und übt sich in halbgaren Nachahmungen wie seinerzeit "Das Quiz" bei Sat.1 oder aktuell der "Rach"-Abklatsch "Rosins Restaurant" bei kabel eins.

2. Es werden die besten Protagonisten gecastet

Das Personal ist bei den personalisierten Doku-Formaten wie "Rach", "Super-Nanny" oder "Raus aus den Schulden" das A und O. Und auch hier haben RTL und die mit RTL zusammenarbeitenden Produktionsfirmen das eindeutig beste Händchen. Christian Rach als Restaurant-Tester ist einfach ein guter Typ: authentisch, witzig, kompetent, hart und gefühlvoll gleichermaßen. So einen muss man erstmal finden. Ähnliches gilt für den charismatisch ulkigen Schuldner-Berater Peter Zwegat und, mit Einschränkungen, für die streng gekämmte "Super-Nanny" Katharina Saalfrank.



3. Formate werden ständig weiter entwickelt

Bei RTL gibt es keine Scheu, bestehende Formate umzukrempeln und auf den Kopf zu stellen, wenn es der Quote dient. Bestes Beispiel ist die Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar". Was als halbwegs ernsthafte Musik-Show seinen Anfang nahm, ist mittlerweile eine Art Musik-Doku-Soap mit Bohlen-Sprüchen. Der Sender hat kontinuierlich am Format geschraubt, den Blick starr auf die Quote gerichtet. Inhaltliche Bedenken gibt es nicht. Wenn das Prinzip der Scripted Reality, also das Vorspielen angeblich authentischer Handlungs-Elemente, mal nicht so gut funktioniert, dann wird das auch umgehend korrigiert. Der aktuelle Staffel-Auftakt von "Rach" wirkte im Vergleich zu den vorherigen Folgen wieder erstaunlich ungescripted. Es gab keine aufgesetzten Handlungs-Elemente, die Sendung konzentrierte sich auf die Restaurant-Kritik und Rachs Rettungs-Einsatz in Herzogenaurach. Die Zuschauer honorierten das bei diesem Format mit einer Spitzen-Quote. Bei "Bauer sucht Frau" dagegen werden die Handlungs-Kapriolen immer wilder und unglaubwürdiger und auch hier steigt die Quote. Offenbar nimmt der Zuschauer "Rach" noch als echtes Doku-Format wahr, während "Bauer sucht Frau" nur noch eine kultige Freakshow ohne Realitätsbezug ist. Bei RTL erkennt man die Bedürfnisse der Zuschauer für jedes einzelne Format. Und jedes Bedürfnis wird sofort befriedigt.

4. RTL hat die massentauglichsten US-Serien

Auch bei den US-Serien ist die RTL-Programmierung gnadenlos gut. "Dr. House", "CSI Miami" oder "Monk" sind perfekte Formate für das deutsche Durchschnittspublikum. Abgeschlossene Folgen, leicht verdaulich, professionell gemacht und bloß nicht zu kompliziert. Von einem genial vertrackten Handlungs-Monster wie "Lost" oder den Brutalo-Exzessen bei "24" hat man bei RTL schön die Finger gelassen.

5. RTL betreibt knallhartes Programm- und Kostenmanagement

Was funktioniert, wird gegen jede Kritik duchgepeitscht. Was nicht funktioniert, wird ohne zu Zögern beendet. Als die teuer produzierte Serie "Die Anwälte" die Quoten-Erwartungen nicht erfüllte, setzte RTL die Reihe nach nur einer Folge ab. Die ARD klaubte die Serie auf RTLs Reste-Rampe auf und handelte sich einen veritablen Quoten-Flop ein. Bei "DSDS" kann die Kritik oder die Medienaufsicht noch so laut heulen – so lange Quote und Kasse stimmen, schert sich RTL nicht um Urinflecken auf Kandidaten-Hosen und die ritualisierten Meckereien von Landesmedienanstalten und Hinterbänklern. Und wenn sich die einst als Untergang des Abendlandes geschmähte Dschungel-Show "Ich bin ein Star, holt mich hier raus!" auf einmal zum Liebling der Feuilletonisten gemausert hat, kümmert RTL das auch nix. Die Sendung lässt sich derzeit nicht gut verkaufen, also wird es vorerst trotz guter Quoten und Kritiken vorerst keine neue Staffel geben. So läuft das.

Dies sind fünf Gründe, die den Erfolg von RTL zumindest teilweise erklären. Die Frage aber ist: Wohin führt das? Bei "DSDS" wird ein Kandidat vorgeführt, der sich vor Aufregung in die Hose macht, alle zeigen mit dem Finger auf ihn und lachen ihn aus. Es werden niedrigste Emotionen, Reflexe und Instinkte bedient, die schon in der Schule auf dem Pausenhof zuverlässig funktionierten: Schadenfreude, Rache, Jemanden der Lächerlichkeit preisgeben. RTL ist ein Wirtschaftsunternehmen, das mit Emotionen handelt. Das sich mit den edelsten Emotionen kein Geld verdienen lässt, ist nicht die Schuld der Macher. Führt uns der Sender also nur vor Augen, wie roh die Sitten wirklich sind oder trägt RTL zum Sittenverfall bei? Wahrscheinlich beides.
Nun könnte man die These aufstellen, dass sich TV zum Unterschichten-Medium entwickelt, während die bildungsnahen Schichten weiter gelehrig zu Zeit und FAZ greifen und abends Arte gucken. Ganz so ist es aber auch nicht. Bei "Bauer sucht Frau", "DSDS"-Castings und der Dschungel-Show beömmelt sich der Akademiker genauso wie der Müllwerker. Wer solche Formate mal gesehen hat, weiß, dass man sich der Sogwirkung ihrer perfekten Produktion kaum entziehen kann. Es ist ein bisschen wie mit Fast Food. Man weiß schon, dass das Zeug nicht wirklich gut tut, aber man kann die Finger auch nicht ganz davon lassen.
TV ist nach wie vor das Leitmedium, wenn es um Reichweiten und Werbegelder geht. TV wird dabei inhaltlich immer mehr zu einem Trash-Medium. Daraus könnte man folgern, dass Trash die neue Leitkultur ist. Das kann man bedauern. Ändern wird man es nicht.

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