Wie der neue Chef die dpa umbaut

Radikaler Relaunch bei der Deutschen Presseagentur: Mit dem Umzug in die Axel-Springer-Zentrale werden Ressorts zusammengelegt und neu gegründet. Eine Task-Force soll die Koordination der 450 Redakteure verbessern. Und mit einem neuen Kundenintranet will die dpa dafür sorgen, dass sich ihre Kunden bei der Gewichtung des Weltgeschehens stärker an ihr orientiert statt an Spiegel Online & Co. Der Preis: Der neue Chef Wolfgang Büchner will Stellen streichen und an den bisher üppigen Gehältern sparen.

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Es gibt Tage, an denen Wolfgang Büchner die Laune eines durstigen Kamels plagt. Der 10. September des vergangenen Jahres zählte dazu. Büchner war damals noch stellvertretender Chef der Deutschen Presse-Agentur (dpa), die an jenem Donnerstag auf einen Fake reinfiel: ein Selbstmordattentat in einem US-Kaff namens Bluewater, das Berliner Rapper verübt hätten. Die vermeintliche News wurde auf einer Internetseite und per Anrufen unter falscher Flagge lanciert. Der Ort war ebenso frei erfunden wie der Rest dieser Geschichte. Zwei Redakteure schlampten. Die Sache nahm ihren Lauf – auch auf Seiten vieler unkritischer Kunden.

Seit diesem Jahr ist Büchner Chef der dpa, die Zeitungen, Sender und Internetportale mit Neuigkeiten versorgt. Nach Bluewater sprach er neue Regeln aus, damit sich die 450 Redakteure nicht mehr täuschen ließen. Am Freitag aber erst wurde dpa wieder Opfer. Ein "Bluewater" im Kleinen war die Meldung, dass der Chef der deutschen Partei Die Republikaner sein Amt aufgebe. Einige Stunden später meldete dpa in eigener Sache, eine gefälschte Mitteilung "ohne die notwendige Überprüfung" verbreitet zu haben.

Neben solch peinlichen Qualitätsmängeln seiner Agentur, der 2009 ein noch weit größeres Debakel vorausging, muss sich Büchner aber noch mit viel grundsätzlicheren Dingen beschäftigen. Er muss die dpa in diesem Jahr nämlich für den Kampf gegen die neue Agenturallianz aus ddp und DAPD stärken, die den Marktführer „verzichtbar“ machen will.

Wer mit Büchner über die Zukunft sprechen wollte, ging bisher leer aus. Seine Bitte: „Lassen Sie mich doch erst mal arbeiten, dann können wir reden.“ Bis dato äußerte er sich nur auf einigen Podien, gab sich dort aber wenig konkret und hinterließ Sätze wie: „Wir müssen nicht mehr nur die Inhalte unserer Redakteure editieren, sondern auch das Web.“

Intern hat er seine Hausaufgaben längst gemacht. Wenn im Juli die auf Hamburg, Frankfurt und Berlin verteilten Redaktionen in der Berliner Axel-Springer-Passage zusammenziehen, fusioniert Büchner die Ressorts für In- und Ausland. Diese griffen inzwischen derart ineinander, dass jede andere Struktur „von gestern“ sei. Eine ständige Task-Force soll zudem helfen, die auf 50 deutsche Büros und auf 32 im Ausland verteilten Korrespondenten bei Ereignissen besser zu koordinieren. Feste Redakteure sollen dann nur noch damit beschäftigt sein, sich Konzepte zu überlegen und Recherchen portioniert anzuschieben.

Neu soll auch ein Ressort mit dem Arbeitstitel „Netzwelt“ sein, wie es das schon bei „Spiegel Online“ gibt, das Büchner bis zum Sommer leitete. Die dpa will darin Neuerungen in Internet und Heimelektronik begleiten, aber auch gesellschaftliche Auswirkungen. Damit holt Büchner nach, was dpa bisher vernachlässigte, und greift zugleich den Konkurrenten DAPD an, der diese Sparte als ehemaliger Ableger des US-Dienstes Associated Press mit seinem Paket „Computer & Cyberspace“ seit jeher dominiert.

Ausbooten will Büchner seine Mitbewerber, zu denen auch ein Ableger der Agence France-Presse (AFP) gehört, mit mehr Service. Er entwickelt derzeit das Kundenintranet „dpa News“, in dem der Nachrichtenticker wie auf klassischen Portalen üblich aufbereitet wird – und mehr Gewichtung ermöglicht. Büchner will, dass seine Kunden nicht mehr auf „ARD Text“ oder „Spiegel Online“ blicken, wenn sie wissen wollen, was wichtig ist, sondern vor allem auf dpa. Geht diese Strategie auf, würden alle anderen Agenturen nur noch ein Schattendasein führen.

Auf dem passwortgeschützten Portal, das im Sommer starten soll, können Kunden jede Nachricht kommentieren und so um weitere Recherchen bitten oder Fehler monieren. Die dpa will ihnen auf „dpa News“ auch die Kontaktdaten zu erwähnten Personen mitgeben und weiterführende Links, damit sie die Geschichten selbst weiterdrehen können. Intern nennt Büchner dieses Konzept „Open Notebook“, das bei Bedarf auch andere Einblicke in die Notizen der dpa-Reporter gewähren soll, darunter gescannte Dokumente aus denen dpa zitiert.

Die Kehrseite dieses Modells ist: Wenn mehr als zweihundert Journalisten vom Sommer an auf einem Stockwerk wie Legehennen zusammensitzen, sollen es etwa 30 weniger sein als bisher in den auf die Republik verteilten Redaktionen. Büchner will sparen. Rauswerfen muss er dafür aber wohl niemanden, denn nicht jeden wird es von Elbe oder Main an die Spree ziehen. Schon Anfang nächster Woche soll feststehen, wie viele der etwa 270 betroffenen Mitarbeiter Kisten packen wollen oder nicht.

Büchner will den Kostenblock „Personal“ außerdem noch ganz anders angehen. Bis zum Umzug sollen Chefredaktion, Geschäftsführung und Betriebsrat ausloten, ob die Tarifstruktur angetastet werden kann. Bei der dpa gilt immerhin noch bis heute vielfach: arbeite zehn Monate und bekomme knapp 14 bezahlt. Luxus im Vergleich etwa zu den ddp-Mitarbeitern, die einst vor der Pleite standen und seitdem Opfer von Dumpinghonoraren sind. Auch das kann ein Wettbewerbsvorteil sein.
Der Text erschien bereits in der "taz" und wird mit Genehmigung des Autors bei MEEDIA neu veröffentlicht.

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