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„Focus“-Relaunch: Signal und Affront

Helmut Markwort hat Fakten geschaffen. Seine Entscheidung, den Relaunch durchzuziehen, während der Nachfolger tatenlos zusehen muss, ist mehr als eine Managementmaßnahme. Es ist ein Signal an Wolfram Weimer, an Philipp Welte, auch an Hubert Burda. Und es ist ein Affront. Selten wurde ein designierter Chefredakteur vom Vorgänger öffentlich so beschädigt wie Weimer in diesen Wochen von "Mr. Focus" Markwort. Gut möglich, dass es statt zum geordneten Rückzug nun zum Bruch kommt.

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Helmut Markwort hat Fakten geschaffen. Seine Entscheidung, den Relaunch durchzuziehen, während der Nachfolger tatenlos zusehen muss, ist mehr als eine Managementmaßnahme. Es ist ein Signal an Wolfram Weimer, an Philipp Welte, auch an Hubert Burda. Und es ist ein Affront. Selten wurde ein designierter Chefredakteur vom Vorgänger öffentlich so beschädigt wie Weimer in diesen Wochen von "Mr. Focus" Markwort. Gut möglich, dass es statt zum geordneten Rückzug nun zum Bruch kommt.
"Herr Weimer darf sich freuen, wenn er ein modernes Heft übernehmen kann", hatte Markwort Anfang November gesagt und süffisant hinzugefügt, der Neue könne ja "noch zusätzliche Akzente setzen". Das war schon nicht freundlich. Weimer, von dem so viel erwartet wird, musste sich wie ein Verwalter fühlen, der das Werk seines Vorgängers hier oder da polieren darf. Nicht Architekt, eher ein Hausmeister. Kein Hoffnungträger, sondern ein Juniorpartner. Und Markwort hatte noch eine Überraschung für seinen Nachfolger parat: "Die Leser lieben mein Tagebuch. Ich werde diese wöchentliche Kolumne als Tagebuch des Herausgebers weiterführen". So tunnelt man einen designierten Chefredakteur, der vielleicht so unbescheiden sein könnte, die Leser selbst begrüßen zu wollen.
Mag sein, dass die Leser SEIN Tagebuch lieben. Aber auch Markwort weiß, dass die Leser immer weniger werden und dass ihm zuletzt immer seltener eingefallen ist, wie angesichts der im Branchenvergleich überproportionalen Verluste redaktionell und konzeptionell gegengesteuert werden kann. Er musste registrieren, wie das politische Profil des "Focus" zunehmend verblasst, wie der Einzelverkauf immer öfter unter die 100.000er-Marke sackt. Die Probleme sind gewaltig; der "Focus" braucht eine Generalkur, keinen Rebrush. Und selbst Verlagsinsider fragen sich, ob dieser Kraftakt allein aus der Redaktion gestemmt werden kann.

Genau dies aber war die erste Fehlentscheidung im "Projekt Z", wie der Chef die Operation Relaunch taufte. Es war die einsame Entscheidung des "Focus"-Gründers, der dabei seine herausragende Stellung bei Burda ausnutzte. Schließlich ging es um sein Magazin, seine letzten Monate mit voller Machtfülle, seinen Ruf als Blattentwickler und -macher. Das, so muss befürchtet werden, wiegt aus der Sicht des Chefredakteurs, Herausgebers und Vorstands mehr als die aktuellen wirtschaftlichen Probleme seiner Zeitschrift oder mögliche Blessuren im Image seines Nachfolgers.
Die Uhr tickt. Schon bei der Bambi-Verleihung war zu spüren, wie sehr sich das Verhältnis der Protagonisten des Konflikts abgekühlt hat. Die Begrüßung der 800 Gäste per Handschlag übernahm neben dem Verleger statt dem Ersten Journalisten der seit einem Jahr amtierende Vorstand Philipp Welte. Markwort saß angesäuert drinnen am Tisch. Wolfram Weimer war einer der Gäste, Herzlichkeiten zwischen dem scheidenden und dem kommenden "Focus"-Macher sind nicht überliefert. Nachdem nun klar ist, dass der Relaunch im Januar kommt, dürfte professionelle Kühle in Frost umschlagen. Der Verleger muss mit Weimer den Mann der Zukunft stützen und stärken, die offenkundige Einfrierung des millionenschweren Marketing-Budgets für den Relaunch ist ein erster Schritt hierzu.
Helmut Markwort ist zu klug, um die Kollateralschäden seiner Sturheit nicht zu sehen, es scheint eher, dass er diese bewusst in Kauf nimmt. Der "Focus"-Gründer ist ein Journalist mit einer glänzenden Karriere und großen Verdiensten im Hause Burda, aber er ist auch eitel. Und manchmal kapituliert die Intelligenz vor dem Charakter. Markwort ist ein Sonnenkönig, keiner für die zweite Reihe. Fast 500 ausstehende Urlaubstage habe er noch, sagte er kürzlich und fügte hinzu, dass er mit freien Tagen wenig anzufangen weiß.
In den bald zwei Jahrzehnten der "Focus"-Geschichte hat er eine auf ihn eingeschworene Redaktion aufgebaut, in der es bisher kaum personelle Wechsel und keine empfindlichen Sparrunden gegeben hat. Etliche leitende Redakteure sind seit vielen Jahren beim "Focus" und treue Vasallen des Gründers, der stets seine mächtige Hand schützend über sie gehalten hat. In diesen Tagen gründet die Redaktion einen Betriebsrat, man weiß ja nicht, was nach Markwort kommt. Mit 73 Jahren muss der nun akzeptieren, dass es Zeit ist, sich zurückzuziehen, ob er will oder nicht. Soviel scheint klar: Er will nicht. Ebenso klar ist: Markwort als Mann mit dem auf Dauer größeren Schatten – das kann es nicht sein. Damit geriete der ohnehin zähe Führungswechsel vollends zur Groteske.

Die alles entscheidende Frage ist dabei, wie aktiv Markwort seine Herausgeberschaft definiert. Skepsis ist angebracht, dass er die neuen Regeln akzeptiert und sich stattdessen mit Weimer sowie Philipp Welte, der seine Vorstandsmacht zum Jahresende erben wird, überwirft – zum Schaden der Beteiligten und des ohnehin nicht sorgenfreien Magazins. Dieses Problem muss bis zum Amtsantritt von Wolfram Weimer, den Ringier erst im Juni freigeben will, nachhaltig gelöst werden. Es gibt nur einen, der das kann.
Von Hubert Burda weiß man, dass ihm daran gelegen ist, die Ära des Ersten Journalisten harmonisch ausklingen zu lassen. Macht mir den Markwort bitte nicht nieder, ließ er dem Vernehmen nach Medienautoren ausrichten, nachdem klar war, dass ein neuer Chefredakteur bereitsteht. Nicht nötig, möchte man entgegnen, das erledigt Helmut Markwort gerade selbst. Der Verleger, der seine Nachfolge – wohl auch als Signal an den drei Jahre älteren "Focus"-Chef – selbst bereits geregelt hat, ist auch dafür bekannt, dass er wie im Fall Todenhöfer eine harte Entscheidung trifft, wenn er sie im Interesse des Konzerns für unausweichlich hält. Er dürfte ahnen, dass ihm eine solche auch 2010 nicht erspart bleiben könnte.

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