Neue „Brigitte“: Der Knalleffekt bleibt aus

Drei Monate nach der Ankündigung der Chefredakteure Andreas Lebert und Brigitte Huber erscheint am 2. Januar die erste komplett model-freie "Brigitte". MEEDIA hat den Erstling nach der neuen Heftrezeptur vorab geblättert. Erstes Fazit: Einen Knalleffekt gibt es nicht; so anders als bisher kommt die "Brigitte" nicht daher. Daraus ließe sich folgern, dass Gruners Frauenmagazin mit der neuen Strategie richtig liegen könnte. Oder auch: Die Model-Diät allein kann nicht alle Probleme des kriselnden Heftes lösen.

Anzeige

Eine Banderole um das 186 Seiten starke Magazin meldet den Käuferinnen Vollzug: "Die erste Brigitte OHNE MODELS" ist da zu lesen und soll auf den Inhalt mit "neuen Gesichtern" neugierig machen. Tatsächlich war die Resonanz auf die Konzept-Korrektur, die die Chefredakteure am 5. Oktober wie ein gesellschaftspolitisches Manifest öffentlich gemacht hatten, offenbar immens: Rund 20.000 Frauen, so der Verlag, haben sich seit dem Start der Initiative "Ohne Models!" bei der Redaktion gemeldet und sich für Fotoproduktionen beworben. Diese hatte zugesichert, dass auch die Kandidatinnen ohne Laufsteg-Efahrung "ein Honorar im bisher für Fotoproduktionen üblichen Rahmen" erhalten würden.
Das erste Statement in Sachen Amateurmodels macht im Heft aber nicht die Redaktion, sondern ein Anzeigenkunde: Dove bewirbt auf einer sechsseitigen Strecke "wahre Schönheit" von alt, jung und vielem, was vom Schönheitsdiktat der Modelabels abweicht. Das ist elegant, denn auch eine "Brigitte"-Redaktion braucht auf Dauer die Unterstützung der Anzeigenkunden. Dass die Propagierung der "Authentizität und Ausstrahlung" der "echten Frauen" im Zusammenhang mit dem aktuellen Titelthema, dem Jahreswechsel-Klassiker "Die neue Diät" unpassend wirken könnte, weiß auch die Redaktion, die im Editorial vorbaut: "Die Botschaft ist die gleiche wie bei unserer Initiative ‚Ohne Models‘ … das ist kein Schlankheitswahn, das dient der Gesundheit."
Dann geht’s los mit der neuen Model-Freiheit, die natürlich nicht für die weiteren Anzeigenmotive gilt. Das Problem ist dabei weniger die ungewohnte Präsenz von Amateurmodels, die mal mehr, mal weniger auffällt, sondern eher, dass das Fashionfieber nicht enden zu wollen scheint: Mode auf Capri mit Franca (aus Hamburg), Mode in Afrika (mit Marlies und Jörg), Make-up im Studio (mit Sybille aus Hamburg), Mode auf Island (mit Didda), nochmal Mode auf Capri (mit Chiara, Letizia und Giusy), Street-Style in Berlin (mit sechs jungen Schauspielern), Accessoires in Hamburg (mit Redakteurin Katja). Immerhin: Hier erfahren die Leser etwas über die gezeigten Menschen, statt dass diese wie sonst oft nur als "Kleiderständer" herhalten müssen.

Und so geht es weiter: 18 Seiten Beauty, dann eine erste Reportage zum wahren Leben und dem Tabuthema Intersexualität. Auch das nächste große Stück ("Warum finde ich keinen Partner?") ist nichts für Optimisten, und man fragt sich, warum der Redaktion zum Thema Humor und Unterhaltung nicht mehr als Kulturtipps und ein Stück über den Langeweiler Hugh Grant eingefallen ist.
Neben den Service-Rubriken Kochen, Living und Reise sowie den Kolumnen hat das Neustart-Magazin noch zwei Schwerpunkte: die Brigitte-Diät (22 Seiten plus Extraheft: "Kalorientabelle für die Handtasche") sowie ein ausführliches Dossier über "die neue Beziehung zwischen Frauen und Mode" – quasi eine redaktionelle Neupositionierung, deren Botschaft lautet: "Attraktivität hat nichts mit vermeintlichen Traummaßen und Schönheitsidealen zu tun, sondern mit Persönlichkeit, mit Ausstrahlung, mit Leben". Zumindest bei der Cover-Gestaltung, die für die Kaufentscheidung am Kiosk enorm wichtig ist, ging man auf Nummer sicher: Das Antlitz von Christina Richter, 21, aus Kiel dürfte dem tradierten Schönheitsideal in allen Punkten entsprechen.
Im Dossier wird 20 begeisterten Testimonials nur eine kritische Stimme gegenübergestellt. Der Berliner Modedesigner Michael Michalsky sagt: "Niemand will sich ansehen, wie Hobby-Radler den Berg hochkeuchen. In der Modebranche ist es genauso." Und er fügt auch an, dass die Redaktion "einen ganzen Berufszweig aussperrt, nur weil es einige Models gibt, die magersüchtig sind."
Ob die neue Strategie der "Brigitte"-Macher aufgeht und Leserinnen sowie Anzeigenkunden das Konzept annehmen, werden die kommenden Wochen und Monate zeigen. Seit langem leidet das G+J-Premiumprodukt unter Auflagenrückgang. Im Fünfjahresvergleich schmolz der Einzelverkauf um 33 Prozent, die Abo-Auflage um 19 Prozent zusammen, gegenüber dem Vorjahr sind es laut MEEDIA Analyzer 14 Prozent minus im Einzelverkauf sowie 9 Prozent bei den Abos. Der Gesamtverkauf der "Brigitte" liegt bei knapp 700.000 Exemplaren.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige