Kommunisten, Phantom-Geräte, Job-Hopper

Springers Finanzmann bei AS Media Impact hüpft bald woanders hin - nur wo, das ist die Frage. Zwei attraktive Destinationen in Ost und West stehen Ulrich Lingnau zur Auswahl. Apropos Sprünge: Wer, denkt, dass man beim Trash-TV keine komplexen Handlungssprünge geboten bekommt, irrt. Die "Super Nanny" schlägt sogar noch in der letzten Sendeminute Script-Kapriolen. Außerdem: Phantom-Geräte geistern durch die Branche und Springer-Chef Mathias Döpfner klaut markigen Sprüche.

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Job-Hopping – aber wohin? Nach etlichen beruflichen Stationen im Axel Springer Verlag hat sich Ulrich Lingnau aus dem Berliner Medienhaus verabschiedet. Laut Verlagsmitteilung geht der 41-Jährige auf eigenen Wunsch, um sich neuen beruflichen Aufgaben zu widmen. Bei Springer war der frühere Bundeswehr-Offizier zuletzt als Chief Financial Officer beim Vermarkter AS Media Impact tätig, blieb dort aber nur zwölf Monate. Angeblich hat der Manager schon einen neuen Vertrag unterschrieben, man rätselt aber noch wo. Zwei Versionen kursieren derzeit in Entscheiderkreisen. Nummer eins: Lingnau geht zur "Freien Presse" nach Chemnitz und wird dort Geschäftsführer. Ebenso hartnäckig wird folgende Variante getuschelt: Lingnau wird Geschäftsführer bei der Bremer Tageszeitungen AG ("Weserkurier") und folgt dort auf den bereits aussortierten Florian Kranefuß. Von offizieller Seite heißt es überall: kein Kommentar. Abwarten, ob Ossis oder Wessis die Personalie noch vor Weihnachten verkünden.

Manchmal können Minuten oder gar Sekunden entscheidend sein. Auch beim Genuss von Privat-TV. Bei der wöchentlichen Trash-Dosis "Super Nanny" verließ ich während der letzten Werbepause das TV-Zimmer. Gerade noch gab es eine Riesenkrise, die Asi-Oma wollte zugunsten ihres Enkel-Kindes nicht ihre tägliche TV-Dosis reduzieren, obwohl das mit der Super-Nanny so abgemacht war. Wie immer drohte die Lage zu eskalieren. Im Teaser vor dem Break erklärte die Super-Nanny schon, dass sie jetzt keinen Sinn mehr "in der Aktion" sehe usw. Fast pünktlich zum Ende der Pause zurück, war aber alles schon wieder ganz anders. Die Nanny lächelte freundlich und winkte. Die Asi-Oma nuschelte irgendwas Unverbindliches, die Mutti mit den Insektenfühler-artigen Augenbrauen hielt die kleine Chantal wohl im Arm. Die Off-Stimme erklärte, jetzt sei der Anstoß gegeben, umsetzen müsse die Familie das nun selbst etc. So sinngemäß jedenfalls. Es können nur wenige Sekunden der Abwesenheit gewesen sein und schon war die ganze Scripted-Reality-Dramaturgie auf den Kopf gestellt und Peter Zwegat wackelte schon Bedenken tragend durch Peine. Um die Verwirrung nachträglich noch zu steigern, berichtete am folgenden Tag Bild.de, dass die Nanny wegen der Oma aufgegeben und das "Experiment" abgebrochen hätte. Zwei, drei Handlungs-Volten Minimum in maximal 30 Sekunden. Das ist doch mal hoch verdichtetes Fernsehen.

Es gibt sie nicht, aber alle reden über sie: Phantom-Geräte. Das bekanntes ist wahrscheinlich der Tablet-PC von Apple. Seit Monaten spekulieren Fans der Apfel-Marke, dass bald ein solches Gerät erscheinen könnte. Man malt sich in Bildern, Text-Kaskaden und Videos aus, was dieses Zauber-Ding alles können müsste und sollte. Einige US-Verlage, wie Condé Nast, Hearst, Time und News Corp. gehen in ihrer Verzweiflung wegen diesem Internet sogar soweit, schon Inhalte und Techniken für das Phantom-Gerät zu entwickeln. Ein weiteres Phantom-Gerät, von dem viele reden, das aber noch niemand sah, zumindest nicht offiziell, ist das Google-Telefon. Und jüngst gab es schon Gerüchte, Google könnte auch ein Netbook herausbringen. Es fehlt nicht mehr viel und es wird die immer wiederkehrende Mär vom Kühlschrank mit Internet-Anschluss aufgetaut. Für die Unternehmen, denen diese Phantom-Produkte zugeschrieben werden, also im wesentlichen Google und Apple, ist das eine zweischneidige Sache. Einerseits ist es toll, dass die Leute den Unternehmen so viel Innovationskraft zutrauen, andererseits kommen die Firmen auch ganz schön unter Druck. Im Börsenkurs sind die ganzen Phantom-Gerätschaften schon längst eingepreist.

Springers Oberchef Mathias Döpfner hat im Interview mit dem "manager magazin" ordentlich vom Leder gezogen. Der Journalismus sei nicht mehr so gut und gründlich wie er sein müsse. Forderungen nach Gratis-Inhalten im Web seien "abstruse Fantasien von spätideologisch verirrten Web-Kommunisten" und es könne ja wohl nicht sein, "dass die dummen Old-Economy-Guys für viel Geld wertvolle Inhalte erstellen und die smarten New-Technology-Guys sie einfach stehlen und bei ihren Werbekunden vermarkten." Gut gebrüllt Löwe, auch wenn der Spruch mit den Web-Kommunisten ein wenig, Kai Diekmann würde vielleicht sagen: übergeigt, daherkommt. Aber hätte sich der große Vorsitzende für seine Tirade im "manager magazin" nicht ein paar neue Sprüche zurechtlegen können? Die schmissigen Passagen aus dem Interview sind nämlich weitgehend aus seinem Streitgespräch mit Arianna Huffington auf dem Monaco Media Forum recycelt. Auch dort klagte Döpfner über "Web-Kommunisten", schimpfte auf den Journalismus und beweinte die armen "Old-Economy-Guys", die sich beklauen lassen müssen. Wir lernen: Auch Döpfner klaut. Aber wenigstens bei sich selbst.

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