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Das goldene Händchen der Ex-„Max“-Boys

Während Magazine an Auflage verloren oder eingestellt wurden, haben die Hamburger Journalisten Oliver Wurm und Alexander Böker im Krisenjahr mit einer simplen Idee eine Goldgrube entdeckt: Mit dem Panini-Album "Hamburg sammelt Hamburg" lösten die zwei Journalisten einen solchen Hype aus, dass die Hefte und Sticker innerhalb weniger Wochen ausverkauft waren. Aufgrund des immensen Erfolgs bauen die früheren "Max"-Redakteure ihre Geschäftsidee aus: Im März erscheint "Köln sammelt Köln".

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Die Idee ist einfach und kam dem Duo beim Eisessen im Sommer am Alsterufer: Sticker von Hamburger Persönlichkeiten und Sehenswürdigkeiten werden in 216 freie Fenster eines 35-Seiten starken Sammelalbums geklebt. Hinzu kommen Unternehmen, die sich einen Stickerplatz erkaufen können. Hiesige Marken wie Nivea, Fritz-Kola oder Alice sowie Firmen wie Xing, Tui oder Görtz fanden so den Weg ins Album. Die Restaurantkette Block House hat sogar eine Doppelseite gebucht. Als besonderes Gimmick läd das Restaurant zu einem Menü nach Wahl ein, sollten alle Steak-Sticker auf ihrer Seite vollständig eingeklebt sein.
„Die kleinen Sticker mit den Logos der Unternehmen sind vermutlich die emotionalsten Anzeigen des Medienjahres 2010", erklärt Wurm den Ansatz der Geschäftsidee. "’Tausche Nivea Dose gegen Heidi Kabel und den Michel‘ – ganz ehrlich: Mehr geht doch nicht! Die Kunden haben das auch sofort verstanden.“  Bereits im Vorfeld konnten sie ihr Projekt so refinanzieren und sich Monat für Monat ihr Gehalt sichern. An dem Album, das 1 Euro Schutzgebür kostet, verdienten die beiden Journalisten selbst nichts, nur an den Stickern, die für 50 Cent im Handel erhältlich waren.
In Eigenregie fertigten sie die Erklärtexte unter den Stickern, stellten jedem Promi und jedem Unternehmen das Konzept vor, klärten die Rechte an den Bildern und engagierten Fotografen. "Wir sind, wenn man so will, zugleich Praktikant, Redakteur und Verlagsleiter", sagt Wurm über das neue Aufgabengebiet der beiden Journalisten, die sich bei der Zeitschrift "Max" kennenlernten. Vom Lifestyle-Glanz und dem Anspruch des Trendmagazins ist die Panini-Ausgabe allerdings weit entfernt: Tierpark, Musicals, Hafen, Kiez und alte HSV-Helden – ein Hamburg-Bild, das eher an Ohnsorg-Theater und "Großstadtrevier" erinnert. Aber: Die Idee funktioniert.

Mit einem sechsstelligen Betrag gingen die zwei mit der Juststickit! GbR an den Start. Zunächst war geplant, getreu ihres Lokalpatriotismus-Ansatzes, das ganze Vorhaben nur mit Hamburger Unternehmen umzusetzen. Doch keine lokale Druckerei war in der Lage, fünf verschiedene Sticker maschinell in eine Tüte zu packen.
Der Auftrag ging ins italienische Modena – dem Sitz der Panini-Druckerei. Dort hieß es: Bei einer Auflage von unter 50.000 Alben und unter 500.000 Stickern würden die Maschinen nicht in Betrieb gehen – enorme Zahlen für das junge Start-up Unternehmen, und dementsprechend auch ein finanzielles Wagnis. "Wir haben uns dann tief in die Augen geschaut und gesagt: Das machen wir jetzt, wir gehen das Risiko ein", sagt Böker. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die langjährigen Milchstraßen-Redakteure bereits mit einem Medienbüro selbstständig gemacht. Die "Max" war ein Jahr zuvor eingestellt und Bökers Nachhaltigkeits-Projekt "Ivy World" danach von Burda gestoppt worden. Das gleiche Schicksal hatte das Männer-Magazin "Player" aus dem b+d-Verlag, bei dem Wurm Chefredakteur war, ereilt.
Die Medienmacher gingen ein hohes Risiko, doch ihre Idee erwies sich als Glücksgriff: Am 26. Oktober  in den Handel gekommen, waren die Hefte und Sticker nach drei Wochen ausverkauft. Die Druckauflage wurde verdoppelt und damit folgten die Anfragen aus anderen Städten.
"Uns war von Anfang an klar, dass Köln die zweite Stadt sein muss. Denn die Kölner lieben ihre Stadt mindestens genau so wie die Hamburger", sagt Wurm über das nächste Projekt. Mit dem Auslaufen der aktuellen Auflage von "Hamburg sammelt Hamburg" im Februar kommt einen Monat später "Köln sammelt Köln" auf den Markt – mit 700.000 Tüten und 3,5 Mio. Sticker und damit einer noch höheren Startauflage als in der Hansestadt.
Die zwei Medienleute haben derweil einen Exklusivvertrag mit Panini getroffen und ihre Idee gesichert: Jede "x sammelt x"-Geschichte, die von Panini gedruckt wird, läuft über das Hamburger Unternehmen und wird von ihnen persönlich betreut. "Wir glauben jetzt so sehr an unsere Idee, dass wir uns im nächsten Jahr schwerpunktmäßig darauf konzentrieren wollen", sagt Böker.
Für September ist "München sammelt München" geplant, dazu sind noch Anfragen aus Berlin und Frankfurt in der Pipeline. Und auch das Ausland kommt langsam ins Sammelfieber: Mit Lyon und Wien laufen derzeit Gespräche. "Wir trauen uns durchaus mehrere Hefte in einem Jahr zu und planen auch schon konkret vier weitere. Dafür werden wir uns auch vergrößern", gibt Böker eine Aussicht aufs kommende Jahr.
Die beiden bleiben dennoch ihrer Liebe zu Hamburg treu. Im Oktober 2010 wird es eine zweite Auflage von "Hamburg sammelt Hamburg" geben, mit neuen Motiven und neuen "Welten", wie sie sagen. "Wir haben jetzt beide jahrelang in einer so dahin darbenden Branche gearbeitet – links und rechts sterben die Magazin, und dann macht man ein Printprodukt und hört nach drei Wochen: ‚Ausverkauft‘. Da freut man sich", sagt Böker. Von Krise keine Spur, jedenfalls nicht bei der Juststickit GbR.

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