„Anne Will“: einlullendes Polit-Phlegma

Die ARD wird den Vertrag mit Anne Will, wie von der "Süddeutschen gemeldet", bis Herbst 2012 verlängern. Der sonntägliche Polit-Talk "Anne Will" feierte gerade die 100. Sendung und erzielt durchweg gute Quoten. Zwar lässt sich über die Qualität und inhaltliche Güte der Sendung nach wie vor trefflich streiten, aber "Anne Will" hat zwei entscheidende Vorteile auf ihrer Seite: Der "Tatort" vorneweg führt der Sendung viele Zuschauer zu. Und: Das mäßige Niveau von Polit-Formaten im TV macht es Will leicht.

Anzeige

2009 schalteten im Durchschnitt 3,8 Millionen Zuschauer bei "Anne Will" ein, das ist ein prima Marktanteil von 13,8 Prozent für eine so staubtrockene Polit-Sendung. Versuche von anderen, sich im Vorfeld der Bundestagswahl mit Polit-TV zu profilieren, es "anders" zu machen, gingen spektakulär in die Hose. "Hart aber fair"-Mann Frank Plasberg gab als krawattenloser Frager im Kanzler-Kandidaten-Duell eine schwache Figur ab, als er die Diskussion an so ziemlich dem einzigen Punkt abwürgte, als es interessant zu werden drohte, nämlich bei der Frage nach dem Schuldenabbau. Und der ambitionierte Versuch von Sat.1, das TV-Duo Sabine Christiansen und Stefan Aust mit Twitter und Co. in die "Wahl-Arena" zu lassen, muss als komplett gescheitert betrachtet werden. Die Sendungen wahren fahrig und hektisch, die Quoten katastrophal. Nach dieser Erfahrung wird ein Privatsender das Valium-Genre Polit-Talk wohl nicht einmal mehr mit der Kneifzange anfassen.

Bleibt also die gepflegte Langeweile der "Anne Will" am Sonntagabend. Alle jene, die nach dem "Tatort" am Sonntag vergessen, um- oder abzuschalten, sie werden in der Statistik gezählt als glühende Fans des bleischweren Gesprächs der grauen Herren. Als "Anne Will" im ablaufenden Jahr ihre beste Quote erzielte, waren das 6,41 Millionen Zuschauer und ein sensationeller Marktanteil von 25,8 Prozent. Es war die Sendung nach dem Kanzlerkandidaten-Duell, das die meisten Zuschauer bei der ARD verfolgt hatten. Ähnlich wie sonntags beim "Tatort" blieb "man" halt danach dran und schaute auch noch "Anne Will". So wie man früher halt noch dranblieb und die Christiansen geguckt hat. Old habits die hard.

Es hat ja auch was von einem gemütlichen Ritual. Die Politiker, Gewerkschaftsfunktionäre und die Betroffenen auf ihrem Sofa murmeln Staatstragendes vor sich hin. Kaum je wird es laut. Die Farben sind angenehm in Creme gehalten. Frau Will macht eine gute Figur. Man kann sich eine Tasse Blasen-Tee holen und schon mal die Zähne putzen. Ganz entspannt, ohne Angst, etwas zu versäumen. Es ist dies das beruhigende Phlegma des sonntagabendlichen Polit-Talks in Reinkultur. So gesehen passt die Sendung perfekt zum einlullenden Politik-Stil der Kanzlerin. Und wahrscheinlich passt die Sendung auch perfekt zum Sonntagabend. Der Zuschauer will wahrscheinlich gar keinen aufreibenden Krawall-Talk. Er will ein bisschen Ruhe und Gedämpftheit. Und das bekommt er nun auch weiterhin. Mindestens noch bis Herbst 2012.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige