Borchert geht: Wo steht DerWesten?

Am Freitag geht eine Ära zu Ende: Katharina Borchert, Chefredakteurin, Geschäftsführerin und irgendwie auch Gründerin von DerWesten hat ihren letzten Arbeitstag. Mit Borchert verliert das WAZ-Portal sein streitbares und umstrittenes Gesicht. Kaum war klar, wann sie aufhört, flammt die längst entschiedene Debatten über die Ausrichtung der Seite wieder neu auf. Obwohl Borchert DerWesten zu einer echten Web-Marke formte, scheiden sich bei einer wichtigen Frage noch immer die Geister: Ist das Portal ein Erfolg oder nicht?

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Am Freitag geht eine Ära zu Ende: Katharina Borchert, Chefredakteurin, Geschäftsführerin und irgendwie auch Gründerin von DerWesten hat ihren letzten Arbeitstag. Mit Borchert verliert das WAZ-Portal sein streitbares und umstrittenes Gesicht. Kaum war klar, wann sie aufhört, flammt die längst entschiedene Debatten über die Ausrichtung der Seite wieder neu auf. Obwohl Borchert DerWesten zu einer echten Web-Marke formte, scheiden sich bei einer wichtigen Frage noch immer die Geister: Ist das Portal ein Erfolg oder nicht?

Zur objektiven Leistungsbewertung einer Webseite gibt es unstrittige statistische Größen. Laut IVW kam DerWesten im November auf 80,4 Millionen Klicks und 7,06 Millionen Visits. In der aktuellen AGOF-Wertung holte die Seite zudem 1,29 Millionen Unique Visitors. Mit diesen Leistungsdaten liegt das WAZ-Portal im Ranking aller deutschen Nachrichten-Portale auf Position zehn bzw. 13.

Das heißt: Das Portal hat keine schlechten Werte. Vor allem wenn man den eigenen Anspruch als Maßstab nimmt: "Wir hatten nie vor, mit Spiegel Online & Co. zu konkurrieren", stellt Borchert gegenüber MEEDIA klar. Trotzdem wurde und wird die Seite ständig mit den Großen der Branche verglichen. Eines der Probleme, mit denen sich die Chefin von Anfang an herumschlagen musste, ist die immense Erwartungshaltung an ihr Portal. Für viele Beobachter und – offenbar – auch viele WAZ-Mitarbeiter scheint ein Automatismus zu existieren, dass DerWesten die Nummer Eins in NRW sein muss. Diese Position besetzt allerdings seit Jahren das Web-Angebot der "Rheinischen Post".

Im Vergleich zur Konkurrenz aus Düsseldorf gelang es den Web-Workern aus Essen bislang nur sehr schlecht, ihre Print-Reichweite ins Internet zu transformieren. Zudem konnten im Netz nur wenige neue Leser hinzugewonnen werden. Dieser Effekt lässt sich mit Zahlen belegen, wenn man zum Beispiel Print-Reichweite ins Verhältnis zur Online-Reichweite setzt.

Das Ergebnis zeigt in NRW für RP-Online den mit Abstand besten Wert. Der Vergleich belegt aber auch, dass die Regional-Angebote von der "Rheinischen Post" und der "WAZ" gegen ein bundesweites Qualitätsangebot wie Sueddeutsche.de chancenlos sind. Dritte Erkenntnis: Die Essener stehen im Verhältnis zur direkten Pott-Konkurrenz, wie der Zeitungsgruppe Neue Westfälische oder der Ruhr Nachrichten/Münstersche wesentlich besser da. Auch hier zeigt sich: DerWesten kämpft vor allem mit den hohen Ansprüchen.

Entstanden und gewachsen sind die Erwartungen bereits weit vor dem Start des Portals. Denn von Anfang schien das Motto hinter der Plattform zu lauten: think big. Das Verlags-Projekt hatte sich die Mammut-Aufgabe verordnet, eine gemeinsame Plattform für die fünf Zeitungstitel "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", "Westfälische Rundschau", "Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung", "Westfalenpost" und "Iserlohner Kreisanzeiger" zu werden. Zum Start wurden so 94 Lokalredaktionen aus rund 140 Städten und Kleinstädten in Nordrhein-Westfalen angehalten, täglich fünf Artikel zum gemeinsamen Online-Angebot beizusteuern. Hier muss kritisch angemerkt werden, dass es nie gelungen ist, diese massive Redaktionspower online "zum Arbeiten" zu bringen. Es wäre aber wohl unfair, dies der Webspezialistin anzulasten. Dafür waren die Widerstände in den Reihen der Printler einfach zu ausgeprägt.

Bereits die schiere Menge an Redaktionen zeigt, welch immenser Aufwand hinter dem Projekt stand. Alleine alle Lokal-Vertretungen zu besuchen und sie von der Notwendigkeit des Web-Projekts zu überzeugen, kostete Borchert Monate. Liest man allerdings die Kommentare im WAZ-Gewerkschaftsblog Medienmoral-NRW, entsteht schnell der Eindruck, dass die investierte Zeit oftmals für die Katz waren. In vielen Lokal-Redaktionen scheinen noch immer mehr Web-Skeptiker als Online-Fans zu sitzen.

Bei so viel betriebsinternen Widerständen überrascht es kaum, dass seit dem vergangenen Samstag wieder die Debatte aufflammte, ob es überhaupt die richtige Entscheidung war, für alle NRW-Zeitungen eine gemeinsame Web-Plattform zu konstruieren. Den Zweiflern widerspricht Borchert: "Viele Jahre lang hatten die einzelnen WAZ-Titel ihre eigenen Webseiten, aber ohne dass man die Stärke der Print-Marken auch online umsetzen konnte. Mittlerweile ist es längst so, dass kaum noch jemand in seinen Browser den Namen eines Einzeltitels eingibt. DerWesten hat sich eindeutig als die Online-Dachmarke durchgesetzt."

Zudem verweist die 37-Jährige auf eine geglückte Renovierung der Seite. "Durch den Relaunch ist es uns gelungen, unsere Kernkompetenz, die regionalen und lokalen Inhalte, noch stärker in den Fokus zu rücken". Weiter sagt Borchert: "Außerdem läuft die Arbeit der Onliner an den Regiodesks sehr gut an, die die Zusammenarbeit zwischen dem Newsdesk in Essen und den Lokalredaktionen verstärken sollen."
 
Die Früchte dieser Umbauarbeit wird die Chefredakteurin nicht mehr ernten. Obwohl sie erst im März ihren neuen Job antritt, ist bereits der morgige Freitag ihr letzter Arbeitstag. Während der Aufbauarbeit sammelte sie offenbar genügend Resturlaub an, damit sie jetzt schon aussteigen kann.

Ein missgünstiger Vorwurf offenbart jetzt das komplizierte Verhältnis zwischen Verlags-Management, Print-Mitarbeitern, Öffentlichkeit und der Online-Redaktion. Böse Zungen sprechen anlässlich des Wechsels zu zu Spiegel Online schon von einer Flucht aus Essen. Doch Borchert macht klar: "Ich gehe nur, weil es eben der Spiegel ist. Ich kenne kaum jemanden, der ein Angebot des Spiegels ablehnen würde. Wir haben schon viel erreicht bei DerWesten, aber es gibt auch noch sehr viel zu tun und ich hätte ansonsten auch gerne weiter mit diesem tollen Team daran gearbeitet."

Vor allem WAZ-Boss Bodo Hombach soll wenig begeistert von der Kündigung seiner Online-Chefin gewesen sein. Jetzt muss der Verlags-Manager einen geeigneten Nachfolger finden. Borcherts kaufmännische Aufgaben bei WAZ New Media kann ihr  Co.-Geschäftsführer Arndt Salzburg mit übernehmen – es sei denn, der neue Chefredakteur fordert ähnliche Doppel-Kompetenzen wie seine Vorgängerin. Vor Neujahr wollen die Essener angeblich keinen Nachfolger für die scheidende Front-Frau präsentieren. Wer allerdings ab Samstag als Interims-Lösung die Führung der Webseite übernimmt, ist offiziell noch unklar. Der Verlag will sich zu "gegebener Zeit" erklären.
Update (11. Dezember, 11.00 Uhr):
Ein Nachfolger für Frau Borchert wurde offenbar doch schneller gefunden, als erwartet. WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz soll auch die Leitung der Online-Redaktion übernehmen.

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