Die Wikipedia-Krise in den USA

Das "Wall Street Journal" hat Zahlen veröffentlicht, laut denen immer mehr freie Autoren der Arbeit an der Online-Enzyklopädie Wikipedia den Rücken kehren. So habe die Wikipedia, um Zu- und Abgänge bereinigt, in den ersten drei Monaten des Jahres 2009 über 49.000 Admins verloren. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres lag der Verlust bei nur 4.900. Derzeit gibt es vor allem in den USA eine Diskussion um den künftigen Kurs bei Wikipedia.

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Der ursprüngliche Gedanke einer Online-Enzyklopädie, an der jeder mitschreiben kann, lässt sich mit steigender Artikelzahl immer schwerer umsetzen. Ein Grund ist ebenso banal wie einleuchtend: Die Wikipedia ist schon sehr umfassend. In der englischsprachigen Wikipedia gibt es über drei Millionen Artikel, in der deutschen immerhin über 980.000. Gleichzeitig wuchs die Zahl derjenigen, die an der Wikipedia mitschreiben wollten und die Zahl der Seitenzugriffe wuchs und wächst noch immer. Innerhalb von zwölf Monaten sei die Zahl der Wikipedia-Besucher laut Comscore um 20 Prozent gestiegen, schreibt das "Wall Street Journal".

Doch mit der steigenden Popularität steigt auch die Anziehungskraft, die die Wikipedia auf Scherzkekse und Manipulatoren ausübt. Die Online-Enzyklopädie hat immer öfter mit tendenziösen oder verfälschten Artikeln zu kämpfen. So wurde der Tod des US-Senatoren Edward Kennedy in der Wikipedia fälschlicherweise bereits Monate vor dessen tatsächlichem Tod gemeldet. In Deutschland sorgte der Fall für Furore als Scherzbolde dem damals neuen Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in Wikipedia einen falschen Vornamen unterjubelten, der prompt von vielen traditionellen Medien abgeschrieben wurde.

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales sagt im "Wall Street Journal", seine Top-Priorität sei es, die Genauigkeit der Artikel zu verbessern. Wales plädiert dafür, dass alle Änderungen erst von Wikipedia-Admins freigegeben werden müssen. Damit würde sich das Projekt Wikipedia freilich vom ursprünglichen Gedanken eines Bürger-Lexikons schrittweise verabschieden.

Schon jetzt herrscht großer Unmut unter Teilen der aktiven Nutzer über das Vorgehen einiger Admins. So wird von voreiligen Lösch-Aktionen berichtet und zunehmenden Problemen von neuen Autoren, ihre Artikel oder Änderungen überhaupt bei den Admins durchzubekommen. So sollen Wikipedia-Admins 2008 ein Viertel aller Beiträge von Gelegenheits-Autoren gelöscht haben. 2005 wurden nur ein Zehntel solcher Beiträge gelöscht. Der Spagat zwischen Qualitätskontrolle und Freiheit ist bei einem Gemeinschaftsprojekt wie Wikipedia nicht leichter hinzubekommen, als in einer ganz normalen Redaktion.

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