Fall Lahm: Meinungsfreiheit auch für Profis

Kaum ein Tag vergeht, an dem der Deutsche Journalisten-Verband nicht eine neue Forderung in die Welt setzt. Nicht alle zeugen von übergroßer Sachkenntnis, und manche erscheint angesichts der Medienrealität unsinnig. Dieser am Dienstag verbreitete DJV-Beschluss greift allerdings ein elementares Thema auf: Beim Verbandstag in Berlin stimmten die Delegierten mit großer Mehrheit für Forderung, dass "Meinungsfreiheit auch für die Fußballspieler des FC Bayern gelten muss". Der Fall Lahm und die Folgen.

Anzeige

Der Antrag war vom Bayerischen Journalisten-Verband gestellt worden. Der DJV argumentiert, dass es zur öffentlichen Meinungsbildung unerlässlich sei, dass auch Spieler mit ihren Ansichten dazu beitragen könnten. Der FC Bayern und sein Geschäftsführer Uli Hoeneß müssten deshalb ihre "Maulkorbpolitik einstellen und Spieler nicht bedrohen, weil sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrnähmen."
Viele hatte es irritiert, wie brachial die Vereinsführung auf ein Interview des Abwehrspielers Philipp Lahm in der "Süddeutschen Zeitung" reagiert hatte. Lahm werde es "noch bedauern", hatte Manager Uli Hoeneß angedroht, sein Vorstandskollege Karl-Heinz Rummenigge kündigte eine in der Vereinsgesschichte "beispiellose" Geldstrafe an. Die "Welt" schrieb von "erdbebebenartigen Zuständen" im Klub.
Was war wirklich geschehen? Lahm, 26 Jahre alt und Nationalspieler, hatte sich gegenüber der Zeitung frustriert gezeigt, dass es für seine Mannschaft in dieser Saison nach dem katastrophalen Klinsmann-Jahr wieder nicht laufe, und er hatte die Einkaufspolitik des Vereins sowie fehlende Kreativität im Mittelfeld beklagt. Insgesamt möchte man meinen, dass die Äußerungen von Lahm zu den erhellendsten Expertisen der Münchner Spielkultur in den letzten Monaten zählen.
Dass der Verein Lahm dafür geradezu niederknüppeln will, ist beschämend und aufschlussreich zugleich. Es zeigt den Zustand eines Teamsports, in dem auch Millionäre gefälligst das Maul zu halten haben, wenn die Medien in der Nähe sind. Der FC Bayern, der bereits unter Jürgen Klinsmann sein ohnehin rigides und die Pressefreiheit einschränkendes Verlautbarungssystem weiter verschärfte, ist auch in der Missachtung des Rechts auf individuelle Meinungen Rekordmeister.
Journalisten, die allzu kritisch berichten, werden von offiziellen Terminen ausgesperrt. Spieler, die kritisch mitdenken, gelten als von rachsüchtigen Beratern ferngesteuerte Krawallos. Auch so kann man sich seine heile Welt zimmern. Die Wahrheit im sportlichen Bereich ändert dies nicht.
Hoeneß, Rummenigge und vor allem Franz Beckenbauer äußern selbst, was ihnen gerade in den Sinn kommt – unabhängig davon, ob es dem Verein nützt oder einzelnen Spielern schadet oder die Karriere verhagelt. Sie nutzen die gigantische Medienbühne, die Deutschlands Sportart Nummer eins ihnen bietet. Das ist die Abteilung Spektakel, die der Popularität nützt. Das hiervon abweichende Meinungs- und Stimmungsbild wird schnell als geschäftsschädigend verurteilt.
Dabei wäre es juristisch durchaus interessant zu prüfen, ob die betreffende Vertragsklausel, die den Spielern derartige öffentliche Aussagen verbietet, überhaupt wirksam ist. Der Hamburger Sport- und Medienrechtler Dirk-Hagen Macioszek hält die Entscheidung des FC Bayern-Präsidiums für "rechtlich durchaus bedenklich", da eine solche Klausel den Profi gegenüber seinem Klub und Arbeitgeber einseitig benachteilige.
Die Realität nicht nur bei Bayern München: Auch topbezahlte Profis haben zu kuschen, gegenüber den Medien und wohl auch intern. Es ist kaum davon auszugehen, dass ein Spieler wie Lahm das Risiko eines derartigen Interviews auf sich nimmt, ohne vorher seine Kritik auch im Verein und bei der Mannschaftsführung hinterlegt zu haben. Geschehen ist wohl nichts, und das hat wohl den Leidensdruck größer gemacht als die Furcht vor der unvermeidlichen Bestrafung, man spricht von 50.000 Euro. "Maulkorb für Millionäre", urteilte die "SZ".
Die Geldbuße hat Lahm ohne Widerrede hingenommen. Dass er sich für die "Art und Weise seiner Aussagen und den eingeschlagenen Weg entschuldigt" hat, dürfte auch taktische Gründe haben. Von seiner Kritik an der Spielphilosophie ist er nicht abgerückt. Philipp Lahm weigert sich, zum Verteidiger in eigener Sache zu werden. Das ist eine gute Nachricht. Nicht für Uli Hoeneß, aber für den Fußball und für die Medien.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige