„Blick“: Ringier entmachtet alle Ressortleiter

Gestern wurde die Belegschaft der "Blick"-Gruppe des Ringier-Verlags ("Blick", "Blick am Abend", "Sonntagsblick" und Blick.ch) im Bernhard-Theater in Zürich mit dem neuen gemeinsamen Newsroom bekannt gemacht. Dort sollen ab März 2010 Inhalte für alle Titel produziert werden. Der damit einhergehende Personalabbau wird erst am 1. Dezember konkret bekannt gegeben - eine Bombe platzte aber bereits: Alle bisherigen Ressortleiter verlieren ihre Funktion und müssen sich für die neugeschaffenen Ressorts wieder bewerben.

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Allerdings können sich auch Externe für die neuen Ressorts (News, Politik, Wirtschaft, People, Lifestyle, Sport, Bild und Layout) bewerben, doch Zeit bleibt dafür nur bis zum 13. November. Eine bemerkenswert kurze Frist für den stets sehr langfristig planenden Verlag. Das plötzliche Bekenntnis des Medienhauses zum Wettbewerb überrascht, hatte doch die “Blick”-Gruppe publizistisch noch bis vor Kurzem einen Kurs gefahren, in dem fast täglich Manager, die Restrukturierungen vornehmen, angegriffen wurden. Nun ist der Verlag offenbar selbst dazu genötigt.

Marc Walder, Chef von Ringier Schweiz und amtierender Chefredakteur von “Blick”, konterte die zu erwartenden Proteste der Mitarbeiter mit ungewohnt klaren Worten: “Ich habe kein Verständnis für Gejammer oder Polemik, denn wenn das größte Medienhaus die Bedürfnisse des Lesers nicht versteht und darauf reagiert, dann haben wir alle – ich inklusive – bald keinen Job mehr.” Die Stimmung unter den Mitarbeitern war nach dem Anlass gemischt, die Unsicherheit über die eigene Zukunft ist durch die Information eher gewachsen als gesunken. Vermutlich freuen können sich die Online-Mitarbeiter, deren tiefe Löhne den hohen Löhnen der Print-Mitarbeitern angepasst werden sollen.

Die Führungscrew ist durch die Entmachtung der Ressortleiter komplett neu aufgemischt. Unklar ist auch, wie fest der von “Bild” kommende Ralph Grosse-Bley, der sich als stellvertretender Chefredakteur etablieren konnte und seit dem Abgang von Bernhard Weissberg den “Blick” prägt, gesetzt ist. Koordiniert werden sollen die Mitarbeiterverschiebungen von den vier Chefredakteuren in Leitungsteams. Bis zum 16. Februar erfahren die einzelnen Mitarbeiter, ob und wo sie Platz finden im neuen Newsroom. Falls es Streit gebe, entscheide Marc Walder.

Es bleibt zu hoffen, dass die dringend notwendige Restrukturierung der überbesetzten “Blick”-Redaktionen nicht zu spät kommt. Ein Schritt in die richtige Richtung ist sie auf jeden Fall. Sollten die Titel wieder aus der Krise kommen, so würde das dann auch eine verpasste Chance für den Axel-Springer-Verlag bedeuten, von dem viele vermuteten, er würde das schlingernde “Blick”-Schiff mit bei “Bild” erprobter Boulevard-Kompetenz frontal angreifen. Das ist nicht geschehen, vielleicht ist das Geschäftsmodell einer Boulevardzeitung auf Papier nicht mehr zeitgemäss genug für ein neues Projekt.

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