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Medien-Halloween, Dementitis, App-Angst

Es ist Halloween - Kostüm-Favoriten in den USA sind der Börsen-Betrüger Bernie Madoff und Michael Jackson. Bei Gruner Verlagsgruppe Exlusive + Living ist man diese Woche an akuter Dementitis erkrankt. Der Umbau der Gruppe wurde Anfang der Woche noch abgestritten, zwei Tage später kam die Pressemitteilung, geschmeidiger lief das die Kommunikation zur Top-Personalie der Woche, dem anstehenden Wechsel an der "Focus"-Spitze. Und die "B.Z." startete zaghaft die Pay-Offensive von Springer mit einer Billig-App.

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Die Nacht von Freitag auf Samstag ist Halloween und wieder werden Horden mehr oder minder schaurig verkleideter Kinder durch Straßen ziehen und mit der Drohung, einem den Vorgarten mit Klopapier zu „verzieren“, Süßigkeitenerbetteln. Auch im Internet macht sich Halloween breit. Die skurrilste Aktion ist wahrscheinlich die eines Londoner „Mediums“, in der Halloween Nacht via Twitter Kontakt zu toten Prominenten aufnehmen zu wollen, u.a. zu Michael Jackson und William Shakespeare. Tweance nennt sich das, was für „Twitter Seance“ steht und so bescheuert klingt, dass es schon wieder gut ist. Das in den USA beliebteste Halloween-Kostüm nach Börsen-Hasardeuer Bernie Madoff ist übrigens auch Michael Jackson. Wäre das nicht auch mal eine Anregung für Verkleidungsfreunde hierzulande – nicht immer nur die ollen Vampir- und Frankenstein-Maskeraden rauszuholen, sondern aktuelleren Mummenschanz zu betreiben? Zu wünschen wäre eine schaurig schöne Halloween-Medien-Party mit vielen Hubert Burdas, Mathias Döpfners (Stelzen!) und Bernd Buchholzes.

An akuter Dementitis litt diese Woche offenbar Gruners „Exclusive + Living“ Geschäftsführerin Julia Jäkel. Am Montag dementierte sie einen Bericht der Fachzeitschrift „werben & verkaufen“ zu einer Umstrukturierung in Ihrer Gruppe. Am Mittwoch verschickte der Verlag dann die entsprechende Pressemitteilung. Mit so einem Kommunikationsverhalten tut sich der Verlag selbst am wenigsten einen Gefallen. Die Mitarbeiter lernen auf diese Weise, dass sie eher den externen Fachmedien trauen können, als dem eigenen Führungspersonal. Vertrauen ist schnell verspielt und kann nur langsam zurückgewonnen werden.

Besser wurde beim „Focus“ die Nachfolge für Helmut Markwort kommuniziert. Ausführliche Veröffentlichung bei Focus Online plus Pressemitteilung bevor die lauter werdenden Spekulationen zu sehr ins Kraut schossen. Im Herbst 2010 soll WolframWeimer den Chefredakteurssessel von Helmut Markwort übernehmen. Man darf davon ausgehen, dass sich Weimer inoffiziell schon ein wenig früher in den neuen Top-Job einarbeitet. Man kann es drehen und wenden wie man will: Ab dem Zeitpunkt der Veröffentlichung der Personalie richten sich alle Augen auf den Nachfolger. Dass mit der frühen Veröffentlichung der Personalie ein bisschen Dynamik in die Sache kommt, dürfte einigen im Verlag nicht ganz ungelegen kommen.

Die Münchner Medientage brauchen ganz offenbar eine Frischzellenkur. In Zeiten von Web2.0 und Medienkrise wirkte der Kongress wie ein blasser Abklatsch aus vergangenen Tagen. Einstmals pfiffige Ideen wie die Elefantenrunde erwiesen sich als ausgelutschte Rituale, in denen zu viele alte Männer zu viele alte Argumente austauschten. Mit Veranstaltungen zu Twitter und Co. wollte man modern sein und hechelte doch nur dem Zeitgeist hinterher. Weniger, dafür besser durchdachte Vorträge und Podien und auch eine bessere Begleitung des Kongresses im Web wären wünschenswert. Besonders viel Kritik erntete im Internet Andreas Scherer, der Geschäftsführer der „Augsburger Allgemeinen“. Er kündigte an, für seine Zeitung eine kostenpflichtige iPhone-App für 79 Cent pro Artikel zu starten. „Realitätsverweigerung“ attestierte ihm Christian Jakubetz in seinem Blog. Thomas Knüwer diagnostizierte „Größenwahn“. Einen Tag später kam dann die Axel Springer AG mit ihrer ersten kostenpflichtigen iPhone-App um die Ecke. Das iPhone-Programm für die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ kostet zur Einführung ebenfalls 79 Cent – aber für das volle Paket, nicht für einen einzelnen Artikel! Ab dem Frühjahr 2010 soll das dann auf ein nicht näher erläutertes Abo-Modell umgestellt werden. Ganz offensichtlich traut man bei Springer dem Paid-Content-Braten doch noch nicht so recht und will erstmal vorfühlen. Auf die groß angekündigten, kostenpflichtigen iPhone-Apps zu „Bild“ und „Computerbild“ wartet man immer noch. Es bleibt spannend, wer als erster den Sprung ins kalte Bezahl-Becken wagt und nicht bloß bibbernd die Zehen eintaucht.

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