Quotenkiller: Moderator unter Mordanklage

Der brasilianische TV-Moderator Wallace Souza war in seiner Sendung "Crime-Show" dem Verbrechen auf der Spur. Seit Anfang Oktober sitzt er selbst im Gefängnis: Im Kampf um die exklusivsten Bilder soll er skrupellos mindestens fünf Morde in Auftrag gegeben haben. Jetzt sollen Wallace und sein Sohn Raphael in ein Zuchthaus in einem anderen Bundesstaat verlegt werden, berichtet die Zeitung "O Diário do Amazonas". Über einen Prozeßtermin im unglaublichsten Kriminalfall des Jahres ist noch nicht entschieden.

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Auf dem grau-weißen Bild ist nur wenig zu erkennen. Männer stehen in einem Wald. Einer von ihnen hält ein Mikrofon in der Hand. Auf dem stoppeligen Boden liegt etwas Dunkelgraues, das so stark gepixelt ist, dass keinerlei Zuordnung möglich ist. Die Kamera zoomt an den Gegenstand heran. Er qualmt.

„Der Mord ist so frisch, dass der Körper des Opfers noch immer qualmt“, kommentiert der brasilianische TV-Moderator Wallace Souza. Der 51-Jährige hat sich den Kampf gegen die Kriminalität zur journalistischen Aufgabe gemacht. In der „Crime Show“ auf Canal Libre konnten die Zuschauer die Verbrecherjagd in und um die Stadt Manaus im Bundesstaat Amazonas verfolgen. Immer aktuell, immer exklusiv, immer schnell.

Etwas zu schnell vielleicht; denn bereits seit August 2008 hat der Sender die beliebte und äußerst quotenstarke Sendung eingestellt. Seit diesem Zeitpunkt ermittelt die Polizei gegen den Moderator. Der Verdacht: Souza soll es nicht nur seinem journalistischen Gespür zu verdanken haben, dass seine Kamerateams immer als Erste, oft sogar vor der Polizei, am Tatort waren. Mindestens fünf Morde, von denen seine Sendung berichtet hat, soll er selbst in Auftrag gegeben haben.

Laut der Aussage seines ehemaligen Leibwächters und Hauptzeuge Moacir Jorge da Costa – kurz Moa genannt – sei eine gute Quote dabei nicht der einzige Beweggrund gewesen. Souza war nicht nur in das Organisierte Verbrechen und Drogenhandel verwickelt, ihm wird auch die Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Da Costa selbst soll für Wallace Aufgaben im Waffen- und Drogenhandel übernommen haben. Eines der Mordopfer stammt aus dem Drogenmilieu und wäre, wenn die Vorwürfe stimmen, ein Konkurrent des Moderators gewesen.

Laut France 24 wurden bei einer Durchsuchung in der Wohnung des Brasilianers mehrere illegale Waffen und 175.000 Dollar gefunden. Trotzdem blieb Souza lange auf freiem Fuß – als Regionalabgeordneter im Parlament des Bundesstaats Amazonas genoss er Immunität.

Seine politische Karriere hatte der Moderator vor allem seiner Popularität zu verdanken. In Reden prangerte er immer wieder die zu ausufernde Kriminalität in seiner Heimatstadt Manaus an und versprach diese zu bekämpfen. Die Wähler glaubten ihm, er erzielte mehr Stimmen, als alle anderen Abgeordnetenkandidaten. Die Auftragsmorde dienten also drei Zwecken: Sie beförderten seine TV-Show, schalteten Gegner aus – und dienten nicht zuletzt dazu, die Verbrechenssituation in der Amazonas-Stadt zu dramatisieren, was wiederum die Chancen Souzas bei seiner Kandidatur für den Gouverneurs-Posten steigerte.

Als die Volksvertretung Souza schließlich Anfang Oktober nach mehr als einem Jahr der Vorwürfe ausschloss, verlor der Politiker seine Immunität. Am 5. Oktober wurde gegen Souza Haftbefehl wegen Mordes, Drogenhandel, unerlaubtem Waffenbesitz und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung erlassen. Souza tauchte zunächst unter, stellte sich aber vier Tage später selbst. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. 15 weitere Personen sollen in den Fall verwickelt sein und wurden ebenfalls festgenommen, darunter Souzas Sohn und Produzent Raphael.

Der Moderator sieht sich selbst als Opfer einer Schmutzkampagne gegen ihn. Seiner Aussage nach bekamen seine Kamerateams die schnellen Informationen von besonders gut unterrichteten Quellen und hörten den Polizeifunk mit. So wie an dem Tag, an dem sie die verkohlte Leiche filmten.

Wie die Zeitung „O Diário do Amazonas“ am Mittwoch berichtet, sollen Souza und sein Sohn Raphael in ein Staatliches Zuchthaus verlegt werden.

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