Strunz: „Mein Arbeitsplatz ist im Newsroom“

Auf den Tag genau vor einem Jahr übernahm Claus Strunz, Ex-Chef der "Bild am Sonntag", das "Hamburger Abendblatt". Zum Start rief der neue Chef das von vielen belächelte Projekt "Abendblatt 3.0" aus und machte sich daran, das vermeintlich angestaubte Traditionsblatt fit für den Medienwandel zu machen. Nach geräuschvollen Personalumbauten, den Umzug in einen modernen Newsroom und dem Relaunch der Webseite zieht Strunz bei MEEDIA Bilanz – und verrät Details zum Print-Relaunch.

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Wie hart war der Wechsel von einem wöchentlichen Magazin zu einer Tageszeitung?
Hart, aber schön. Tageszeitung ist ja nur die halbe Wahrheit. Das „Hamburger Abendblatt“ erscheint sieben Tage die Woche und 24 Stunden am Tag online, dazu sechsmal als Zeitung – das ist Sprint und Marathon zugleich. Ganz ehrlich: Da brauchte es schon ein bisschen, mein Zeit-Management neu zu organisieren.
 
Kommen Sie mit dem Zeit-Managemt mittlerweile zurecht?
Ich arbeite nach einem sehr gut organisierten Stundenplan und achte dabei mit viel Disziplin auf die einzelnen Termine. Grundregel: Innen geht vor außen. Und: Mein Arbeitsplatz ist im Newsroom.
 
Wie muss man sich das vorstellen. Claus Strunz setzt sich an den Rechner und sagt sich: Jetzt checke ich zehn Minuten die Konkurrenz, dann beantworte ich 20 Minuten Leserpost und dann habe ich fünf Minuten Kaffee-Pause?
Das Prinzip ist genau so, die Zeiteinteilung natürlich anders. So schaffe ich mir auch Freiräume für zusätzlichen Kundendienst, zum Beispiel den direkten Kontakt mit Lesern, der mir sehr wichtig ist. Pro Tag schaffe ich es, mindestens auf fünf Leserbriefe oder -anrufe persönlich zu antworten, das sind 30 pro Woche und ungefähr 1500 pro Jahr.
 
Also keine Beschwerdebriefe von Werbekunden oder Politikern?
Werbekunden haben andere kompetente Ansprechpartner im Haus. Und Politiker-Beschwerden sind meistens Komplimente für die Abendblatt-Redaktion. Natürlich höre ich mir auch Kritik an. Ole von Beust zum Beispiel hat sich im vergangenen Jahr öfter über unsere Distanz zur Hamburger Politik gewundert. Kritischer Journalismus ist für manchen eben gewöhnungsbedürftig.
 
Tatsächlich?
Ja,  es ist eine wahre Freude, jeden Tag zu sehen, wie viele Fachleute und kritische Geister in dieser Redaktion hochwertigen Qualitätsjournalismus produzieren. Damit ecken wir bisweilen natürlich auch an – wunderbar! Als Lohn dafür erhalten wir im Gegenzug nicht nur sehr positives Feedback unserer Leser, sondern sind auch schon vielfach dafür ausgezeichnet worden.
 
Sie waren vorher Chef der „Bild am Sonntag“, einem Boulevard-Magazin. Haben Sie auch beim „Abendblatt“ mehr leichte Themen eingeführt?
Nein. Jeder Titel setzt auf andere Tugenden, um auch in der Zukunft erfolgreich zu sein. Wir beim Abendblatt haben uns den drei Tugenden der seriösen Abonnements-Zeitungen verschrieben: Qualität, Qualität, Qualität.
 
Was haben Sie noch verändert?
Wir haben die Strategie Abendblatt 3.0 mit den drei Säulen „Lokales vertiefen, Regionales verstärken und bundesweite Bedeutung stärken“ eingeführt. In allen drei Feldern sind wir bisher erfolgreich. Zudem haben wir einen gelungenen Relaunch von abendblatt.de vollzogen. Innerhalb eines Jahres konnten wir die Anzahl der Nutzer und Zugriffe mehr als verdoppeln. Und haben zudem die Printauflage weitestgehend stabilisiert.
 
Also keine Ad-hoc-Maßnahmen?
Nein. Das Projekt „Abendblatt 3.0“ ist langfristig angelegt. Unser Auftrag ist ein Veränderungs-Prozess, den vor allem die Leser mittragen und gestalten sollen. Nur so können wir erfolgreich sein. Die Zeiten, in denen man ein Redesign über die Köpfe der Leser hinweg durchsetzen konnte sind unwiederbringlich vorbei.
 
Warum?
Es gab früher einfach viel weniger Konkurrenz. Ich vergleiche das gern mit einem Eisverkäufer an der Alster. Früher gab es da nur einen Stand. Da galt die Devise: Das Geschäft kommt zu mir, weil es zu mir kommen muss. Heute steht – im übertragenen Sinne  alle hundert Meter ein Büdchen: 100 TV-Kanäle, Lokalrundfunk, viele neue Online-Angebote. Und es gibt sogar Händler, die verschenken mittlerweile ihr Eis. Das würden wir nicht tun – denn Qualität kostet auch Geld! Erfreulicherweise stehen an unserem Stand mit Qualitäts-Eis auch heute sehr viele Leute. Wir müssen in Zukunft weiterhin so gut sein, dass diese Leute immer wieder gerne zu unserem Stand kommen – und am besten noch möglichst viele dazu.
 
Wie muss Ihr Blatt aussehen, dass immer mehr Leser zurückkommen?
Viel wichtiger ist erst einmal die Frage: Wie sieht der Leser der Zukunft aus? Wer wird überhaupt noch Zeitung lesen? Also: Für wen soll ich die Zeitung der Zukunft machen?
 
Für wen denn?
Der Zeitungsleser von morgen ist besser gebildet als der Durchschnitt und verfügt über ein überdurchschnittliches Einkommen. Vermutlich wird er weiterhin auch älter als der Durchschnitt sein. Eine Zeitung der Zukunft hat nur dann eine Chance, wenn sie diesen Leser der Zukunft erreicht.
 
Was haben sie bislang gemacht, um den Leser der Zukunft zu erreichen?
Die Textqualität gesteigert, die Foto-Sprache modernisiert, Inhalte verbessert. Wir haben eine neue Schulseite eingeführt und ein noch größeres Augenmerk auf den Kulturteil gelegt. Auch unsere redaktionellen Serien sind ein hervorragendes Instrument, neue Zielgruppen an das Blatt heranzuführen. Und wir haben am vergangenen Sonnabend gerade ein hochwertiges Magazin als neue Wochenendbeilage gestartet.
 
Ist das Magazin die Blaupause für den kommenden Relaunch des „Hamburger Abendblatt“?
Der neue größere Schrifttyp, die Bildsprache und der viele Weißraum entsprechen in weiten Teilen dem, wie ich mir eine Zeitung vorstelle. Aber das sind natürlich nur Einzelelemente. Deshalb: Nicht Blaupause, sondern in optischen Dingen ein Vorbote.
 
Wann kommt der große Relaunch?
So etwas ist doch immer ein fließender Prozess. Wir beziehen sehr stark unsere Leser mit ein, so dass es ein „User-generated-Relaunch“ wird. Unsere wichtigste Aufgabe als Redaktion ist es, dem Leser die Informationen, die er haben will, über jeden Kanal zukommen zu lassen. Und das machen wir heute schon sehr erfolgreich – sowohl in Print als auch online oder mobil. Wir haben hinsichtlich des Relaunches also keinen Zeitdruck.
 
Bei der Print-Auflage haben Sie in dem vergangenen Jahr vier Prozent verloren.
Wenn Sie genau hinsehen, werden Sie feststellen, dass wir große Mengen unrentable „sonstige Verkäufe“ aussortiert haben. Insofern muss die Zahl relativiert werden. Außerdem: In der gleichen Zeit haben wir ein Vielfaches dessen Online hinzugewonnen – allein bei den Visits auf abendblatt.de innerhalb eines Jahres 65 Prozent. Summa summarum erreicht das „Hamburger Abendblatt“ heute mehr Leser als jemals zuvor.
 
Wo befinden Sie sich im Projekt „Abendblatt 3.0“?
Mittendrin. Wir machen sukzessive aus einem Traditionsblatt eine moderne multimediale Metropolen-Zeitung. Ganz entscheidend dabei ist die Geschwindigkeit. Zu schnell ist genauso falsch wie zu langsam. Wir gehen dynamisch, aber mit Sorgfalt voran.
 
Sie haben ja auch schon einiges erreicht.
Danke. Wir haben sehr erfolgreich unseren Onlineauftritt überarbeitet, das Blatt optimiert und arbeiten jetzt in einem der modernsten Newsrooms Europas. In der Redaktion existiert zudem ein großer kreativer Spirit.
 
Sie haben auch die Redaktion umgebaut?
Das gehört dazu. Für die erfolgreiche Umsetzung des Projekts „Abendblatt 3.0“ brauche ich eine schlagkräftige Mannschaft: Einige Kollegen haben uns verlassen, einige haben neue Aufgaben erhalten und einige sind neu dazu gekommen.
 
Bei den Lead Awards haben sie noch die Verlags-Manager in die Pflicht genommen, auch für funktionierende Geschäftsmodelle zu sorgen, damit sich journalistische Arbeit lohnt. Haben sich die Manager bereits genügend ins Zeug gelegt?
Seitdem hat sich bereits einiges verändert. Jeder deutsche Verlag arbeitet mittlerweile ganz konkret an Paid Content-Plänen. In fünf Jahren wird es wahrscheinlich normal sein, wenn User für Verlags- und Medieninhalte zahlen.
 
Sie unternehmen den Umbau aus einer Position der Stärke, Sie haben einen modernen Newsroom – was passiert, wenn Sie trotzdem scheitern?
Wieso scheitern? Mit der Abendblatt 3.0-Strategie sind wir bestens für die Zukunft gewappnet.

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