„Focus“ soll einen Betriebsrat bekommen

Aufregung im Focus Magazin Verlag. Für den 10. November wurde zu einer Betriebsversammlung eingeladen, bei der ein Betriebsrat gegründet werden soll. In der Einladung, die MEEDIA vorliegt, wird auch auf Spekulationen verwiesen, dass die Position oder der Aufgabenbereich von "Focus"-Chef Helmut Markwort nach 2010 "neu definiert" werden könnte. Markwort hat sich immer beispielhaft für seine Mitarbeiter eingesetzt. Offenbar wird nun gefürchtet, dass dies bald nicht nicht mehr der Fall sein könnte.

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Zuerst berichtet hatte das Weblog Ruhrbarone.de über die mögliche Gründung eines Betriebsrates. Mittlerweile wurde MEEDIA die Meldung von „Focus“-internen Quellen bestätigt. Auch offiziell wurde das Vorhaben mittlerweile bestätigt. Eine „Focus“-Sprecherin sagte auf MEEDIA-Anfrage: „Es ist richtig, dass einige Focus-Mitarbeiter derzeit die Gründung eines Betriebsrats planen. Das ist – allgemein gesprochen – ein gutes Recht von Angestellten. Ich denke, dass in der schwierigen wirtschaftlichen Lage, insbesondere in der Print-Branche, ein solches ‚Zusammenrücken‘ unter Kollegen kein überraschender Vorgang ist.“ Hier nun das Einladungs-Schreiben zur Betriebsratsgründung beim „Focus“ im Wortlaut:

„Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in den letzten zwölf Monaten haben sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingunen nicht nur in der Printbranche dramatisch verändert.

Die Stimmung innerhalb der FOCUS Magazin Verlags GmbH blieb davon nicht verschont. Zudem gibt es immer wieder Spekulationen über die Zeit nach 2010, wenn sich die Position bzw. der Aufgabenbereich von Herrn Markwort möglicherweise neu definiert.

Um die Position der Redaktion auch in Zukunft stabil zu halten, haben sich die Unterzeichnenden entschlossen, die Wahl eines Betriebsrats anzusetzen (bislang hat die Focus Magazin Verlags GmbH keinen gewählten Betriebsrat).

Betriebsräte haben die Aufgabe, die unmittelbare Interessenvertretung der Beschäftigten im Betrieb wahrzunehmen. Sie erhalten dafür vom Gesetz definierteInformations- und Mitwirkungsrechte, so zum Beispiel bei Versetzungen, Umgruppierungen oder gravierenden Veränderungen in der Betriebsstruktur.

Die Wahl muss in einem ordentlichen Wahlverfahren, wofür es eine eigene Wahlordnung gibt, durchgeführt werden. Der erste Schritt zur Betriebsratswahl ist die Einsetzung eines Wahlvorstandes. Dieser hat die Aufgabe, die Wahl vorzubereiten und durchzuführen. Die Einsetzung des Wahlvorstands erfolgt in einer Betriebsversammlung. Zu dieser Versammlung laden wir hiermit ein. Teilnahmeberechtigt sind alle Beschäftigten, also auch Teilzeitbeschäftigte, Pauschalisten, VolontärInnen, Praktikanten, Aushilfen etc.“

Das Schreiben endet mit einer kurzen vorgeschlagenen Tagesordnung und ist von drei „Focus“-Mitarbeitern aus Dokumentation, Redaktion und Grafik unterzeichnet. Bei „Focus“ sorgte die Einladung für einige Aufregung. Den Kollegen wird allgemein Respekt für den mutigen Schritt gezollt. Das Schreiben sorgte auch wieder für ein Aufflammen der Gerüchte, wer ein möglicher Nachfolger für Helmut Markwort sein könnte. Im Flurfunk heiß gehandelt wird erneut der Name des „Spiegel“-Redakteurs Gabor Steingart. Markworts Vertrag läuft noch bis Ende 2010 und er hat immer wieder bekräftigt, dass er ihn auf jeden Fall erfüllen möchte.

Allerdings gerät die Auflage des „Focus“ immer stärker unter Druck. In der aktuellen IVW-Auswertung für das dritte Quartal verlor das Magazin 22,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und kam noch auf eine Gesamtauflage von 614.033 Exemplaren – so wenige wie seit 1994 nicht mehr. Besonders prekär: Das Minus resultiert nicht allein aus dem Abbau von unrentabler Auflage, wie etwa reduzierten Sonderverkäufen oder verbilligten Abos. Auch der Einzelverkauf ging um 15 Prozent zurück.

Um seinen „Focus“ fit für die Zukunft zu machen hatte Markwort vor einiger Zeit das „Projekt Z“ ins Leben gerufen. „Z“ wie „Zukunft“ aber auch „Z“ wie „Zugmieze“, der Codename unter dem „Focus“ einst bei Burda entwickelt wurde. Drei Arbeitsgruppen mit den Namen Alpha, Omega und Ypsilon tüftelten an neuen Ideen für das Magazin. Nach dem Willen von Markwort sollen die besten Ideen aller drei Arbeitsgruppen frischen Wind für den „Focus“ bringen.

Bisher blieb „Focus“ von den drastischen Spar-Programmen in der Branche und auch bei Burda weitgehend verschont. Markwort hat intern wie extern den Ruf, wie ein Löwe für seine Mitarbeiter zu kämpfen. Zudem hat er mit eigenem Vorstandsressort die entsprechende Hausmacht, um Spar-Avancen von seinem Vorstandskollegen Philipp Welte abzublocken. Nur: wie lange noch? Markwort wird am 8. Dezember 73 Jahre alt, sein aktueller Vertrag läuft noch bis Ende 2010. Die angestrebte Gründung eines Betriebsrates zeigt deutlich, dass sich die „Focus“-Mitarbeiter über die Zeit nach der Ära Markwort große Sorgen machen.

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