G+J-Newcomer „Business Punk“: Seid böse

Männer-Woche bei G+J: Drei Titel bringt der Hamburger Verlag in dieser Woche an den Kiosk – "Beef!", "Gala Men" und "Business Punk". Letzterer war im Vorfeld wohl der umstrittenste One Shot. "Business Punk" will fies sein und feiert die Helden der Ellbogengesellschaft. Virgin-Gründer Richard Branson ist die Cover-Story gewidmet, und er bekennt: "Ich breche Regeln". Torwart-Legende Oliver Kahn fordert: "Seid böse." Mit Moral gibt sich der "Business Punk" schon gar nicht ab: Wer hart arbeitet, darf alles.

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Zunächst die Fakten: Das Heft hat 154 Seiten, erscheint mit einer Druckauflage von 100.000 Exemplaren und wurde von Redaktionsleiter Nikolaus Röttger konzipiert. Der Titel ist ein Testballon, weitere folgen, wenn der Markt das Konzept annimmt. Der Survival-Kampf, den das Magazin überall wittert, gilt also zuallererst für „Business Punk“ selbst. Nur wenn die schräge Type genügend Freunde findet, hat sie eine Überlebenschance.
Vielleicht ist das der Grund dafür, dass das eigenwillig im 70er Jahre-Stil layoutete Magazin sich in der ersten Ausgabe vorrangig damit beschäftigt, die Existenz des „Punks“ unter den Jungen, Dynamischen und Erfolgreichen nachzuweisen. „Punks und schlaue Unternehmer haben viel gemeinsam. Nicht die Haare, nicht die Hose – sondern den Mut, etwas anders zu machen“, heißt es etwas nebulös im Vorspann der redaktionellen Standortbestimmung „Never mind the crisis“, was gleichzeitig eine Reminiszenz an die Sex Pistols ist, die vor mehr als drei Jahrzehnten die Musikwelt aus den Angeln hoben.
Im Anschluss werden 20 „berühmte Businesspunks“ aufgelistet, und der Leser nimmt erstaunt zur Kenntins, dass unter den Ahnen des neuen Heftes auch der RWE-Chef, Microssofts Steve Ballmer, Steve Jobs, Red Bull-Eigner Dietrich Mateschitz und Donald Trump zu finden sind. Das alles wirkt etwas beliebig und könnte den Eindruck erwecken, dass der Business-Punk als solcher eine Fiktion sei. Auch Protagonisten wie Mercedes-Manager Wolfgang Benhard, Xing-Gründer Lars Hinrichs oder Media Markt-Urgestein Walter Gunz sind offen gestanden nicht gerade die Sex Pistols der Wirtschaftswelt.
Hier liegt wohl auch das Problem des Magazins: Die Zielgruppe muss sich als solche erst noch selbst entdecken; es gibt keine zwingenden Protagonisten oder Identifikationsfiguren. Von daher ist „Business Punk“ verlegerisch der mutigste unter Gruners One Shots im Oktober. Als Magazin blättert es sich durchaus ungewohnt, was auf dem überfüllten Markt ein Pluspunkt ist: bloß kein weiteres Me too-Produkt.
Das zeigt auch die Resonanz beim Werbemarkt, der offenbar abwartend reagiert: 14 Anzeigenseiten, davon zehn verkaufte und vier Seiten Eigenanzeigen aus der Verlagseinheit der G+J-Wirtschaftmedien. Das Inhaltsverzeichnis von „Business Punk“ ist zweigeteilt: „work hard“ (Businessthemen) und „play hard“ (Lifestylethemen) – ganz wie das Motto des Titels.

Im Interview mit Oliver Kahn, dem ehemaligen Torwart-Titan, wird deutlich, welche Attitüde hinter „Business Punk“ steht: „Seid böse“, fordert Kahn. Gezeigt werden unfaire Szenen aus der Fußball-Geschichte, etwa der Kopfstoß von Zinédine Zidane gegen Marco Materazzi im WM-Finale 2006 oder die „Hand Gottes“ von Maradona bei der WM 1986 in Mexiko – der Erfolg gibt den Foulspielern in der Logik von „Business Punk“ recht. Warum sollte das nicht auch für das Verhalten in Job und Gesellschaft gelten. Der halbstarke, kalte Wall Street-Rigorismus der 80er Jahre – ist er etwa wieder zurück?
Die entscheidende Frage am Baumwall bleibt: Gibt es da draußen genügend koffein-getriebene Allnighter, die zwischen Topjob und Szenebar pendeln und dabei genügend klar im Kopf sind, auf dem Weg zum Büro sechs Euro für den „Business Punk“ zu investieren? Die Antwort werden die kommenden Wochen geben. Erst danach wird G+J entscheiden, ob der „Business Punk“ häufiger kommt.

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