„Gegen die Vernunft des Marktes“

Vor fast einem Jahr startete eine Gruppe um die Ex-"Bild"-Leute Uwe Dulias, Udo Röbel und Christel Vollmer das "Klima-Magazin". Eine Zeitschrift, die den weltweiten Klimawandel zum Thema hat. Fast ein Jahr später ist der Begeisterung des Anfangs eine gewisse Ernüchterung gefolgt. Aber das "Klima-Magazin" lebt noch, und Macher Uwe Dulias spricht im MEEDIA-Interview über weitere Ausbaupläne. So sind künftig auch Kundenzeitschriften und PR-Projekte geplant.

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Zum Start des „Klima-Magazins“ haben Sie gesagt „Wir riskieren alles!“ …fast ein Jahr später: Was haben Sie gewonnen, was verloren?

Zuerst einmal das Positive. Der Markt hat ein Magazin gewonnen, das sich in kürzester Zeit eine sehr hohe Reputation erarbeitet hat. Mit renommierten Autoren wie Professor Franz Alt, Professor Ottmar Edenhofer oder Frau Professor Kemfert und einem hochkarätigem Beirat mit Wissenschaftlern wie Professor Mojib Latif, Professor Hartmut Graßl oder Professor Olav Hohmeyer. Das Magazin ist Mediapartner der Klimawoche und der Gorbatschow-Foundation. Die UN hat diese Zeitschrift genauso auf dem Zettel wie der Hamburger Bürgermeister. Das Magazin hat seinen festen Platz in der Klima-Diskussion und ist aus dieser Debatte nicht mehr wegzudenken. Für die nächste Ausgabe liegt sogar eine Anfrage des brasilianischen Sozialministers Patrius Ananias vor. Er hat bei einer Reise durch Deutschland das Magazin gesehen und würde gern einen Beitrag schreiben: Wie die Stadt Belo Horizonte mit einer Gesetzesinitiative den Hunger besiegte. Darauf kann man doch stolz sein, nicht wahr? Was wir verloren haben? Viel Zeit und vielleicht ein Stück unserer Leichtigkeit. Und nicht zuletzt einen Haufen Geld. Wir haben gemeinsam mehrere hunderttausend Euro Privat-Vermögen in dieses Projekt gesteckt.

Wer kauft das „Klima-Magazin“?

Alle, die einen Beitrag zum Klimaschutz leisten wollen. Es geht schließlich um das wichtigste Thema unserer Zeit. Und das wird immer brisanter. Uns liegen ganz neue Untersuchungen vor. Danach müssen wir mit einem Anstieg der Welttemperatur von bis zu 3,3 Grad rechnen. Wissen Sie was das heißt? So etwas hatten wir vor Millionen von Jahren das letzte Mal. Da kocht die Erde über! Wissenschaftler wie der Kieler Professor Mojib Latif rechnen in Deutschland mit Sommer-Temperaturen von bis zu 50 Grad. Unsere Leserstruktur zeigt, dass das Thema bei der Masse und im Osten Deutschlands noch nicht angekommen ist. 59 Prozent der Klima-Leser sind Frauen. 64 Prozent haben Abitur oder Hochschulabschluss. 90 Prozent kommen aus den alten Bundesländern. Der größte Teil der Lesergruppe ist zwischen 40 und 49 Jahre alt, nämlich 35 Prozent. Das zeigt doch, dass da noch viel Aufklärungsarbeit in der mittleren und unteren Bevölkerungsschicht erforderlich ist. Da muss endlich etwas von der Politik getan werden. Allein die Stadt Hamburg verfügt über ein Klima-Etat von 25 Millionen Euro jährlich. Aber das einzige was an Öffentlichkeitsarbeit rausgekommen ist, sind Aktionen, die von der Bevölkerung kaum wahrgenommen werden. Wie ein Gottesdienst zum autofreien Sonntag. Und da musste die Kirche auch noch die Musiker selbst bezahlen. Was machen die mit ihren Millionen? Sie pumpen ihren Behörden-Apparat auf. Das ist Klima-Politik in Deutschland.

Wie hoch ist die verkaufte Auflage?

Wir sind mit einer Druckauflage von 100.000 Exemplaren gestartet. Für ein Zwei-Monats-Magazin ist es immer sehr schwierig die genauen Verkaufszahlen zu ermitteln. Die Auswertung hinkt Monate hinterher. Betriebswirtschaftlich müssen wir allerdings die doch sehr hohe Remmission kalkulierbarer machen. Deshalb haben wir diverse Maßnahmen zu einer stabilen Auflagensteigerung beschlossen. Demnächst wird es zum Beispiel eine sehr enge Vertriebskooperation mit Arztpraxen und deren Einkaufsgenossenschaft geben. Wir gehen davon aus, dass im nächsten Jahr unser „Klima-Magazin“ in nahezu allen deutschen Arztpraxen zu lesen sein wird. Wir haben schon jetzt mehrere zielgruppengenaue Konzepte umgesetzt, mit denen wir alle relevanten Umweltverbände, sämtliche Bundestagsabgeordnete und Entscheidungsträger aus Wissenschaft und Wirtschaft mit dem Magazin erreichen. Zudem wird das „KM“ auf Veranstaltung wie dem Extremwetterkongress, der Klima-Woche oder der Biofach-Messe verteilt. Das bringt Reichweite und steigert unsere Bekanntheit. Wir basteln an einem Kooperationskonzept mit Initiativen wie Desertec und Firmen im nachhaltigen Energie-Bereich, mit Schulen und Messen. Wir werden auch 2010 wieder Partner der Klima-Woche sein, der Aktion Climate 2010, der Münchner Klimatage und, und, und. Ziel ist es 2010 IVW-Mitglied zu werden und über 35.000 Exemplare zu melden.

Wie ist mittlerweile die Resonanz bei Anzeigenkunden?

Klasse. Wir sind einigen Kunden wirklich sehr, sehr dankbar. Manager von Frosch, Spitzner oder EWS haben sich persönlich sehr für das Magazin eingesetzt. Aber auch ohne Telekom, Schott, RWE, BMW, Renault oder VW gebe es kein „Klima-Magazin“. Die Autokonzerne haben sofort verstanden, dass unser Konzept die ideale Kommunikations-Plattform für nachhaltige Zukunftstechnologien ist. Im Gegensatz zum bisherigen Umweltminister. Nullkommanull haben die für uns getan. Staatssekretär Matthias Machnik hat uns mehrfach in persönlichen Gesprächen seine Unterstützung garantiert. Der hat uns in Berlin antanzen lassen und weiß der Himmel was nicht alles versprochen. Er hat das wohl auch ehrlich gemeint. Aber Gabriels Truppe hat uns über den Tisch gezogen. Seine Mitarbeiter haben uns von Ausgabe zu Ausgabe vertröstet. Bis heute haben wir Null-Unterstützung vom Umweltministerium bekommen. Gut, das es einen Regierungswechsel geben wird.

Wie hat sich das Magazin seit dem Start verändert?

Ich hoffe, es ist besser geworden. Wir haben einige Boulevard-Elemente über Bord geworfen und sind damit natürlich etwas politischer geworden. Wir haben uns eine große Glaubwürdigkeit erarbeitet und die meisten Skeptiker überzeugt.

Wie geht es jetzt weiter?

Mit Jonas Kliemke als Geschäftsführer ist ein erfahrener Verlags-Manager an Bord gekommen. Er hat uns auf noch professionellere Beine gestellt und einige Abläufe optimiert. Die Anzeigen-Prognosen sind ebenfalls gut. Es liegen bereits jetzt Vorbuchungen für 2010 vor. Rainer Gierke hat selbst in der größten deutschen Anzeigenkrise gezeigt, das man etwas bewegen kann, wenn man sich selbst bewegt. Aber vor uns liegt noch ein verdammt schwerer und steiniger Weg. Ohne zusätzliche „Sponsoren“ und Investoren wird es eng. Wir brauchen für das nächste Jahr Volonteers und ehrenamtliche Helfer, die uns unterstützen. Wir haben da auch ein paar Ideen. Uwe Kehlenbeck und ich wollen die Initiative „Writers for Climate“ gründen. Der Verlag plant Unternehmen und NGOs für eine gemeinsame Plattform „Partner fürs Klima“ ins Leben zu rufen. Wir wollen der Verlagspartner für alle Unternehmen werden, die nicht nur „Greenwashing“ betreiben wollen, sondern es mit dem Wort „Nachhaltigkeit“ wirklich ernst nehmen.

Würden Sie sagen, dass sich das Magazin etabliert hat?

Dafür liegt noch viel Arbeit vor uns. Das Magazin muss optisch und inhaltlich noch viel besser werden. Wir müssen mehr inhaltliches Profil herausarbeiten, teilweise aggressiver agieren und Klima-Killer wie den Energiekonzern Vattenfall noch stärker unter die Lupe nehmen. Wir brauchen mehr investigativen Journalismus. Aber dafür müssen wir Enthusiasten finden, die gegen Klimawandel und für kleine Honorare schreiben wollen. Wir brauchen mehr Marketing-Gelder und würden unseren Internet-Auftritt gern etwas frischer daher kommen lassen. Im Moment ist der manchmal so spannend wie eine Biogas-Anlage von außen. Das Internet bleibt auch 2010 ganz oben auf der To-Do-Liste.

Was würden Sie mit der Erfahrung jetzt, beim Start anders machen?

An manchen Tagen verspreche ich mir selbst, so etwas machst du nie wieder. Wegen der sehr hohen privaten Zeit-Belastung. Wir alle – auch unsere Kolumnisten – arbeiten ohne Honorar. Uwe Kehlenbeck, Christel Vollmer und ich opfern fast die gesamte Freizeit. Im manchen Wochen mehr als 60,70 Stunden. Aber wir jammern nicht rum. Wir wollten das ja so haben. Und an den Tagen, an denen wir das neue, frisch gedruckte „Klima-Magazin“ in der Hand halten, sind alle Strapazen wieder vergessen. Dann geht es mit Volldampf an die nächste Ausgabe. Im Grunde sind wir sehr, sehr glücklich. Ich denke, da hat eine Handvoll privater Menschen gezeigt, was man auf die Beine stellen kann. Gegen die Vernunft des Marktes. Wir alle haben durch dieses Engagement sehr viele neue Freunde gewonnen. Ich hoffe, dass klingt jetzt nicht zu pathetisch, wenn ich sage: Mit dem „Klima-Magazin“ haben wir endlich mal was Sinnvolles getan. Man darf ja auch nicht vergessen, dass wir in Sachen Klimawandel Überzeugungstäter sind und dass es für alle Beteiligten eine Herzensangelegenheit ist. Geld verdienen wir mit anderen Jobs.

Wie sehen die weiteren Pläne mit dem „Klima-Magazin“ aus?

Wir gründen gerade die IOCCC Corporate Publishing, als Spezialisten-Agentur für Kunden-Magazine und nachhaltige PR. Wir sind nachhaltige Kommunikation, wer sonst in Deutschland kann das von sich behaupten? Wir haben mit dem „Klima-Magazin“ und unserem persönlichen Einsatz bewiesen, dass wir auf diesem Gebiet die Nummer eins sind. Mit der geballten Fachkompetenz unseres Beirates und der Redaktion sind wir in der Lage, die hohen Kommunikations-Ansprüche der Zukunft für nachhaltige Unternehmen zu erfüllen. Wir wollen Partner für die Solar-Branche, für alle Energie-Konzerne, die auf erneuerbare Energien setzen und alle Unternehmen werden, die nicht nur ihre Rendite sondern auch die Zukunft unseres Landes im Blick haben. Wir wollen Kunden-Magazine, PR und Marketingstrategien entwickeln – um alle Felder optimal zu besetzen, bereiten wir den „Grünen Ring“, eine Kooperation mit Partnern wie „WIRE“, „Aldebaran Broadcasting Research“ oder „Soppamedien“ vor.

Sie sind mit dem „Klima-Magazin“ mitten in die Medienkrise hinein gestartet – was würden Sie jungen Unternehmern raten, die heute eine Zeitschrift gründen wollen?

Wenn ihr keine Verrückten seid, lasst die Finger davon. Im Ernst: das Wichtigste ist ein guter Druckpartner, wie Johlernorddruck. Mit ihm steht und fällt so ein Konzept. Hätte Johler uns nicht immer sehr große Freiheiten eingeräumt – das „Klima-Magazin“ wäre wohl nie so weit gekommen. Und dann braucht man kluge Investoren. Investoren ohne Gier, aber mit viel Herz. Einen haben wir schon gefunden, aber wir brauchen noch mehr so phantastische Menschen, die wirklich etwas für die Zukunft unserer Erde tun wollen.

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