Bertelsmann: Liz Mohn erbt alle Macht

Schon am Tag nach der Beisetzung des am Wochenende verstorbenen Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn lanciert der Konzern die Nachfolgeregelung: Die "Süddeutsche Zeitung" und die "FAZ" berichten unter Berufung auf den Aufsichtsrats-Chef Gunter Thielen, dass die zweite Ehefrau Elisabeth "Liz" Mohn künftig das letzte Wort im weltweit agierenden Unternehmen haben wird. Die 68-Jährige soll diese Funktion bis zum 75. Lebensjahr ausüben und danach selbst entscheiden, wer ihre Rolle danach einnimmt.

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Entscheidender Faktor für die Vormachtsstellung von Liz Mohn ist das Veto-Recht in der Bertelsmann Verwaltungs-GmbH (BVG), das Reinhard Mohn testamentarisch auf seine Gattin übertragen hat. Die BVG verfügt über sämtliche Stimmrechte bei Hauptversammlungen der Bertelsmann AG. Reinhard Mohn hatte dabei zu Lebzeiten ein Sonderrecht: Er konnte gegen alle Beschlüsse sein Veto einlegen. Damit war seine Zustimmung in allen Angelegenheiten unabdingbar. Dieses Recht hat der 88-Jährige vor seinem Tod an seine Ehefrau vererbt, die nun über eine Machtfülle verfügt wie nie zuvor. Bis dato war angenommen worden, dass das Veto-Recht mit dem Tod des übermächtigen Konzern-Lenkers erlischt.
Auch wenn nun klar ist, wie die Autoritäten in den kommenden Jahren verteilt sind, so ist die spätere Regelung der Machtfrage nun wieder offen. Nachdem Reinhard Mohn in seiner Biographie angedeutet hatte, dass seine Tochter Brigitte den Konzern lenken werde, hat nun auch der von ihm kritisierte Sohn Christoph wieder Chancen. Die waren gesunken, nachdem er das Internet-Unternehmen Lycos Europe in die Pleite gewirtschaftet hatte und mit diesem weder im Web 1.0 noch im Web 2.0 Fuß fassen konnte. Christoph Mohn übernimmt den Sitz in der BVG von Reinhard Mohn. „Es gibt keinen Automatismus, nach dem Brigitte Mohn später die Rolle ihrer Mutter übernimmt. Christoph Mohn hat die gleichen Chancen wie seine Schwester“, erklärte Aufsichtsratschef Thielen der „FAZ“.
Die drei Kinder von Reinhard Mohn aus seiner ersten Ehe mit Magdalene Mohn spielen in der Nachfolge keine Rolle. Das Testament des Patriarchen ist noch nicht eröffnet worden; die Bestimmungen bezüglich der Nachfolge an der Konzernspitze wurden vorab mitgeteilt.
Mit der von Aufsichtsratschef Thielen, einem engen Vertrauten von Liz Mohn, äußerst zügig erklärten Nachfolgeregelung für den verstorbenen Reinhard Mohn ist jetzt allen klar, mit wem bei Bertelsmann in Zukunft zu rechnen ist. Gleichzeitig ist die deutliche Positionierung der Witwe im Machtzentrum ein Signal an alle Vorstände im Konzern und bei den Unternehmenstöchtern, dass jede strategische Maßnahme mit der Eigentümerin abzustimmen ist.
Angesichts dieser Verhältnisse fragt die „FAZ“: „Ist Liz Mohn den großen Aufgaben gewachsen?“ Und schreibt weiter: „Liz Mohn, geborene Beckmann, hatte Reinhard Mohn beim Spiel ‚Reise nach Jerusalem‘  auf einer Betriebsfeier im Bertelsmann-Buchclub Rheda-Wiedenbrück kennengelernt. Dort arbeitete die damals 17 Jahr alte Frau als Telefonistin … Viele Beobachter bezweifeln, dass Liz Mohn den großen Aufgaben, die sich aus ihrer enormen Machtfülle ergeben, gewachsen ist. Diesen Zweiflern entgegnet Thielen: ‚Liz Mohn hat einen engen Kreis von Ratgebern. Es sind hochkompetente Fachleute aus unterschiedlichen Themenbereichen. Sie trifft ihre Entscheidungen immer nach sehr intensiver Beratung und überlegt. Dieser Weg war auch für Reinhard Mohn wichtig.'“
Reinhard Mohn war am Mittwochnachmittag im engsten Familienkreis beigesetzt worden. Eine öffentliche Trauerfeier soll erst in der dritten Oktoberwoche stattfinden.

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