Mutig: „Brigitte“ wird Mager-Model-freie-Zone

Die Entscheidung ist radikal und mutig, ob die Käuferinnen sie auch honorieren, bleibt abzuwarten: In Gruner + Jahrs Traditionstitel "Brigitte" wird es 2010 keine Modestrecken mit Profi-Models mehr geben. Das haben die Chefredakteure Andreas Lebert und Brigitte Huber entschieden. Am Montag wird es dazu eine Pressekonferenz geben, der "Spiegel" berichtet bereits am Wochenende exklusiv darüber. In der "Mutter aller Frauen-Zeitschriften" sollen nur noch "echte Frauen" modeln und keine "Hungerhaken" mehr.

Anzeige

Für Chefredakteur Andreas Lebert ist dieser Schritt geradezu ein Befreiungsschlag. Seit zwei Jahrzehnten, argumentiert er gegenüber dem „Spiegel“, gingen die Auflagen im Segment der Frauen-Zeitschriften stetig zurück. Von diesem Trend ist auch die „Brigitte“ nicht verschont geblieben. Allein in den vergangenen fünf Jahren verlor das Magazin im Einzelverkauf 40 Prozent seiner Auflage, bei den Abonnentinnen waren es 17 Prozent. Lebert ist überzeugt: „Das muss doch etwas mit unserem Umgang mit Mode und Beauty zu tun haben.“ Und er glaubt, dass dieser „nicht mehr zeitgemäß“ sei.
Lebert hat es buchstäblich satt, von Agenturen völlig abgemagerte Models vorgesetzt zu bekommen. Die folgen dem Druck der großen trendigen Modelabels, die systematisch ein völlig unerreichbares Schönheitsideal durchzusetzen versuchen. Dabei würden von Prada, Gucci & Co. meist so kleine Konfektionsgrößen geliefert, dass der Redaktion gar nichts übrig geblieben sei, als „dürre Mädchen“ zu buchen. Im Nachhinein würden die Bilder dann in Photoshop bearbeitet und die Proportionen künstlich dicker gemacht. Lebert zum „Spiegel“: „Das ist pervers. Was hat das noch mit unserer echten Leserin zu tun.“
Die „Brigitte“-Leserin sei als Durchschnittsfrau nicht nur 23 Prozent schwerer als die aktuelle Model-Generation, sondern auch in die Jahre gekommen: Der Altersschnitt liegt bei 48 Jahren, jede vierte Käuferin ist älter als 60. Sie sollen nun bei den Modeproduktionen Schritt für Schritt lebensechte Models präsentiert bekommen, die die Redaktion selbst unter Laien castet. Am 2. Januar soll die erste Mager-Model-freie Ausgabe erscheinen.
Lebert ist sicher, dass der neue Weg auch kommerziell die richtige Entscheidung ist: „Frauen wollen keine Kleiderständer mehr sehen, sie wollen sich identifizieren können.“ Dies gehe auch aus den Leserbriefen hervor, auch sei das Interesse an Street-Style-Strecken auf der Homepage größer als an herkömmlichen Modeproduktionen.
Mit dem Vorstoß der Chefredaktion ist „Brigitte“ das erste deutsche Magazin, das ein Zeichen gegen den Mager-Model-Trend setzt. International ist das Thema seit längerem in der Diskussion. In vielen Ländern gibt es Initiativen gegen Magersucht bei Models; Veranstalter internationaler Modemessen sind gehalten, auf ein „Mindestgewicht“ des Laufsteg-Personals zu achten. Die Chefredakteurin der britischen „Vogue“ beklagte sich kürzlich in einem Brief an Top-Designer, dass die gelieferten Kleidergrößen nicht einmal renommierten Models passen würden.
Zwei Fragen allerdings bleiben offen: Erstens wird es interessant sein zu sehen, wie die Labels und Anzeigenkunden auf die neue Strategie reagieren. Die Hersteller müssen an „Brigitte“ künftig neue Muster in den Größen 38, 40 oder auch 42 für die Mode-Shootings liefern. Zum zweiten ist die Amateur-Strategie nicht zwingende Konsequenz aus dem Verzicht auf Mager-Mädchen. Denn auch für höhere Kleidergrößen gibt es durchaus Profi-Models wie Chrystal Renn, die gebucht werden könnten.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige